Es geht alles ziemlich schnell für Bodo Ramelow in diesen Tagen. Manchmal zu schnell.

Neulich soll er mit 36 Stundenkilometern zu viel über eine Bundesstraße bei Weimar gebrettert sein, Bild veröffentlichte das Foto aus der Radarfalle: "Wird hier Thüringens neuer Landes-Chef geblitzt?"

Ramelow machte diese Meldung rasend. Einerseits, weil er sich fragte, wie das Bild zur Bild kam. Andererseits, weil das Blatt versäumt hatte, sein Kennzeichen zu pixeln: "An dem Tag, an dem die Zeitung erschien, war meine Frau mit dem Auto unterwegs. Stundenlang hatte ich Angst, dass jemand das Nummernschild erkennt und ihr etwas zustößt", sagt er. Schon häufiger seien Fahrzeuge von Linken-Politikern sabotiert, Radmuttern gelöst worden. Es gebe Drohanrufe. Mehrmals in der Woche telefoniere er mit dem Staatsschutz.

"Es gibt Leute", sagt Ramelow, "die schreiben auf Facebook, sie wollten mich vernichten. Das spitzt sich zu, je näher der Wahltermin rückt. In so einer Situation von einem Boulevardblatt persönlich zum Teufel gemacht zu werden, mit Vorgängen, die eigentlich banal sind? Da erreicht die Polarisierung eine Stufe, bei der mir übel wird."

Zwei gegensätzliche Entwicklungen geschehen derzeit in seinem, in Ramelows Leben. Einerseits trägt ihn eine Welle des Erfolgs, die Monate seit dem knappen Thüringer Wahlergebnis waren für ihn wie eine einzige Fahrstuhlfahrt nach oben. CDU und SPD hätten zusammen dieselbe knappe Mehrheit von nur einer Stimme im Parlament gehabt wie Linke, SPD und Grüne – Ramelow aber hat es geschafft, die SPD für sich zu gewinnen. Die rot-rot-grünen Sondierungsrunden erinnerten an einen Honeymoon. Die SPD-Mitglieder entschieden sich mit 70-Prozent-Mehrheit für Rot-Rot-Grün. Es gibt jetzt Menschen in Erfurt, die Ramelow auf offener Straße umarmen, während die Staatspartei CDU, die stolze Bernhard-Vogel-Union, die seit 24 Jahren regiert – implodiert. Alles läuft darauf hinaus, dass Ramelow am 5. Dezember 2014 zum ersten linken Premier der Republik gewählt wird. Wie gesagt: einerseits.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 47 vom 13.11.2014. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Denn andererseits hat Ramelow es auf den letzten Metern plötzlich noch einmal mit einer Gegenbewegung zu tun, die schon überwunden schien. Mit einer entschlossenen finalen Aufwallung seiner Gegner, die so vehement ist, dass man den Eindruck bekommt, es stehe die Machtübernahme durch den Leibhaftigen ins Haus. Nicht nur Präsident und Kanzlerin äußerten ihr Unbehagen einer linksgeführten Regierung gegenüber. In den TV-Talks traten Dutzende Politiker, Bürgerrechtler, anderweitig Prominente auf, die klagten: Das könne doch nicht sein, 25 Jahre nach 1989! Am 9. November protestierten in Erfurt 4000 Bürger mit Kerzen gegen Rot-Rot-Grün, viele riefen: "Ramelow raus." Die Demo war von einem CDU-Mann organisiert.

Die Gegnerschaft zum roten Bodo ist das Letzte, das die notorisch zerstrittene Thüringer Union eint. Christine Lieberknecht, die amtierende CDU-Ministerpräsidentin, sagt: "Es ist oberste Priorität, einen linken Ministerpräsidenten zu verhindern. Dem wird alles untergeordnet". So manches Spiel, sagte Lieberknecht, werde in der 90. Minute oder der Nachspielzeit entschieden. Bestünde nicht der letzte Rest einer Chance, dass einige wenige Abweichler bei SPD oder Grünen Ramelows Wahl doch noch verhindern – Lieberknecht wäre schon jetzt nicht mehr Chefin ihrer Partei. Aber diese Chance besteht natürlich. Eine Mehrheit von einer Stimme kann an einem Abgeordneten scheitern. Nur ein Sozialdemokrat, ein Grüner müsste unter dem öffentlichen Druck einknicken. Und selbst wenn Ramelows Wahl gelingt: Wie lange hält so eine Mehrheit?