Mit leisem Surren heben sich die Aluminiumbögen über den ausgestopften Affen hinweg. Kameras erfassen Theropithecus gelada aus jedem Blickwinkel. Wechselndes Licht enthüllt jedes Detail. Wenige Minuten dauert der Vorgang, dann haben die Forscher des Fraunhofer Competence Center für Digitalisierung von Kulturerbe den Blutbrustpavian in eine Datei verwandelt. Eine Weltpremiere: Derart haarige Objekte werden bisher mühsam von Hand inventarisiert.

Ohne die neuen Roboter kostet es viel Zeit und Geld, reale Museumsstücke in Datenpakete zu verwandeln. Wenn die räumliche Dimension eines Objekts präzise erfasst werden muss oder die Textur der Oberfläche von Bedeutung ist, wenn Glanz oder Farbe eine Rolle spielen, wird die elektronische Erfassung aufwendig. Das Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung hat den komplexen Vorgang automatisiert. CultLab3D heißt die mobile Scanstraße, die Martin Ritz entwickelt und erstmals im Berliner Museum für Naturkunde aufgebaut hat. Auf ihr gerinnen Skulpturen, Skelette oder Musikinstrumente reihenweise zu Bits.

Mit ihrer Technik können die Experten von Sammlung zu Sammlung reisen. Nur wenige Stunden dauert es, dann ist das Präzisionsgerät aufgebaut. Pedro Santos, Leiter des Kompetenzentrums für die Digitalisierung von Kulturerbe, sucht nach einem Industriepartner, der aus dem erfolgreichen Prototyp ein Produkt macht. Die Zeit drängt, noch ist CultLab3D weltweit ohne Konkurrenz.

Die Technik stammt eigentlich aus der industriellen Materialforschung. Am Anfang der Scanstrecke werden neun Kameras an einem Aluminiumbogen halbkugelförmig um das Objekt geschwenkt. Davon unabhängig, werden Lichtquellen aktiviert und bewegt. So entgeht es dem Scanner nicht, dass eine Vogelfeder aus anderem Blickwinkel plötzlich in einer ganz anderen Farbe schimmert. Wenige Meter weiter nimmt eine zusätzliche Kamera an einem Roboterarm jene Bereiche des Objekts ins Visier, die beim ersten Scan verdeckt waren.

Der Wirbeltierpaläontologe Heinrich Mallison koordiniert am Naturkundemuseum das Projekt 3-D-Scanning. Gerade schleppt er einen Oberschenkelknochen herbei. Er hat vor 150 Millionen Jahren einmal einem Kentrosaurus gehört und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Tansania gefunden. Nun wird der Vogelbeckensaurier ins 21. Jahrhundert katapultiert. Virtuelle Saurierknochen erleichtern das Leben der Forscher ganz ungemein. Allein der Oberschenkel wiegt gute 50 Kilogramm, der Knochenkeller im Museum bietet den Wissenschaftlern auch körperliche Herausforderungen.

Eine andere Bewährungsprobe stellt die Insektensammlung am Museum dar. Ihre Objekte wiegen fast nichts, es ist ihre schiere Zahl, die erschlägt. 15 Millionen Insekten lagern in der Berliner Invalidenstraße, darunter 6 Millionen Käfer, 4 Millionen Schmetterlinge, 2,3 Millionen Bienen und Wespen. Die Tiere sind, aufgespießt, etikettiert und sortiert, in mehr als 35.000 Insektenkästen aufgereiht. Bis zum Herbst 2015 wollen die Berliner Naturkundler 10.000 ihrer Kästen digitalisiert im Netz zur Verfügung stellen.

Zur Datenerfassung in den Insektenkästen setzt das Museum einen Spezialscanner ein. Eine Kamera nimmt von jedem Kasten 240 Teilbilder auf. Die Aufnahmen werden zu einem hochaufgelösten Bild zusammengefügt. Im Internet kann sich der Insektenforscher an jedes Individuum im Kasten heranzoomen.

Dieser pragmatische Ansatz, sagt Gregor Hagedorn, vermittelt eine gute Orientierung in der gewaltigen Sammlung. Der Experte für Biodiversitätsinformatik am Museum für Naturkunde kennt aber auch die Grenzen dieses Verfahrens: Detailstudien sind anhand von solchen Massenaufnahmen nicht möglich.

Daher haben sich die Berliner Forscher entschlossen, 10.000 ausgewählte Insekten einzeln zu digitalisieren. Sie beschränken sich in der Auswahl dabei auf die mehr als 100.000 Typusexemplare, den wertvollsten Schatz, den ein Naturkundemuseum hütet. Anhand dieser Exemplare ist eine neu entdeckte Art erstmals von der Forschung beschrieben worden. Darum sind diese Tiere eine besondere Anstrengung wert: Jedes Objekt wird aus mindestes zwei Blickwinkeln fotografiert, zusammen mit einem Maßstab und einer Farbtafel.

Der Aufwand erscheint enorm, aber Deutschland ist bisher nicht gerade ein Musterschüler, wenn es um die Erschließung der nationalen Sammlungsbestände geht. Schon 2011 hatte der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen dringend angemahnt, die Sammlungen in Deutschland zu digitalisieren. Die technische Entwicklung bei der Automatisierung macht das Ziel bezahlbar.