Kaum haben die Menschen den Eingang passiert, bleiben sie gleich wieder stehen. Starren an die Decke, zücken ihre Handys, machen Fotos. Manchen steht der Mund offen, was aber auch daran liegen kann, dass sie ihren Kopf weit in den Nacken legen müssen, um die Ungeheuerlichkeit zu bestaunen, die sich da über ihnen wölbt. "De waanzin!", entfährt es einem älteren Herrn, der von seiner Kleidung her eher ein nüchterner Typ ist. "Der Wahnsinn!"

Tatsächlich sprengt das 11.000 Quadratmeter große Gemälde namens Füllhorn an der Decke von Rotterdams neuer Markthalle jedes normale Format. Erdbeeren so groß wie Einfamilienhäuser, zu hundertfachem Maß mutierte Krabben und Weizenähren in der Dimension von Baukränen sind so aufgetragen, als prasselten sie gleich direkt auf die Besucher herab. Die Software, mit der der Künstler Arno Coenen gearbeitet hat, wird sonst in Hollywood für Animationsfilme verwendet.

Dass man sich von den Fruchtbomben nicht gleich erschlagen fühlt, liegt an der schieren Größe der Markthalle: 120 Meter ist sie lang, 70 Meter breit, der Scheitelpunkt des Gewölbes liegt in 40 Metern Höhe, das entspricht zehn Stockwerken. Wäre die Halle an ihren Längsseiten nicht mit Glasfronten verschlossen und voller Stände: Auch ein mäßig talentierter Flugkapitän könnte seinen Jumbojet hier ohne Probleme einparken.

Das 11.000 Quadratmeter große Gemälde an der Decke der Markthalle sprengt jedes normale Format. © Ossip van Duivenbode

Nachdem die Besucher ihre Augen von der Decke lassen können und langsam auf die hundert stabilen Marktbuden aus grau mattiertem Stahl zugehen, die sich in drei Doppelreihen durch die Halle ziehen, bleiben sie bald wieder und wieder stehen. Sieh mal, die Frau, die da im Overall Biokartoffeln verkauft, meinst du, das ist die wirkliche Bäuerin? Oder hier bei Pinchos – was für ein lustiges Gestell die für den Serrano-Schinken haben! Da drüben, ist der riesige Gouda echt? Und diese komischen Schwabbeltiere, die da bei Fish Palace auf Eis liegen – kommen die etwa aus unserer Nordsee oder aus den Tropen? "De waanzin!"

Die Leute sind neugierig, sind begeistert und sorgen für dramatisches Gedränge. Schon der Bau, den das Architekturbüro MVRDV da in die Innenstadt geklotzt hat, zieht sie an. Frontal betrachtet, hat er die Form eines Hufeisens, von der Seite wirkt er wie eine gigantische Biskuitrolle, die zu lange im Ofen war und schwarz geworden ist. So ein Gebäude fällt selbst in Rotterdam auf, das einige – auch im Wortsinne – schräge Bauten zu bieten hat. Am 1. Oktober kam Königin Máxima zur Eröffnung, nur 24 Tage später überreichte man der millionsten Besucherin einen Blumenstrauß. Ursprünglich hatte man mit höchstens sieben Millionen Gästen pro Jahr gerechnet.

Doch nicht nur die Hülle bietet Spektakel, viel mehr noch der Markt selbst. Bei Monsieur Saucisson lässt sich korsische Eselssalami probieren, bei cheese & more traditionell hergestellter Käse vom Hof. Exotische Früchte und Gewürze aus 1.001 Land leuchten in bunten Farben, an Essensständen kann man all die Tapas, Antipasti, Mezze und Horsd’œuvres dieser Welt bestellen und den Köchen in ihren offenen Küchen auf die Finger schauen, während man bei einem Prosecco auf sein Essen wartet. Erstaunlich: Obwohl das Rotterdamer Jahr im Durchschnitt 134 Regentage verzeichnet, war das Prinzip eines überdachten Marktes, der gegen Nordseewind und Schietwetter schützt, hier bisher unbekannt. Und nicht nur hier, in den gesamten Niederlanden ist die Markthal die erste ihrer Art.

Dass man nun aber ausgerechnet hier, neben der Rotterdamer Metrostation Blaak, ein wenig mediterrane Stimmung, Enge und Chaos zu inszenieren versucht, hat seine Gründe. Genau an dieser Stelle wurde einst der Fluss Rotte durch einen Damm gebändigt, ein Dorf entstand, später die Stadt. In der Tiefgarage der Markthal werden nun in Leuchtkästen alte Münzen, angeschlagene Krüge und verrostete Messer ausgestellt – all das, was man hier während der Bauarbeiten aus dem schlammigen Grund emporbuddelte.

Das historische Rotterdam war voller Leben, bis die deutsche Luftwaffe es dem Erdboden gleichmachte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied man sich für einen radikalen Neuanfang. Wie in einem Freiluftmuseum lässt sich heute die Architekturgeschichte der letzten siebzig Jahre bequem bei einem Gang durch die City erkunden. Wie ein Freilichtmuseum haben in den letzten Jahren aber leider auch das Personal und die Besucher nach Feierabend die Innenstadt verlassen. Manche Bauten, etwa Piet Bloms berühmte Kubushäuser und sein Turm in Form eines Bleistifts direkt gegenüber der Markthalle, sind einzigartig – wirkliches Leben wollte in den weiten betonierten Fluchten um sie herum aber nicht mehr aufkommen.

"Nur an wenigen Punkten war etwas los, dazwischen war es ziemlich tot", fasst Mirjam Veldhuizen van Zanten zusammen. Mit dem Sohn begleitet sie an diesem Samstagmorgen ihren Ehemann Winy Maas in die Markthal. Maas, MVRDVs führender Architekt, ist erst morgens um sieben, aus Taiwan kommend, in Rotterdam gelandet, seine rötlich-blonden Haare sind verwuschelt, die Stoppeln im Gesicht gehen in Richtung Sechstagebart. Die Markthal ist MVRDVs erster Bau für Rotterdam, den Heimathafen. In Madrid, Hongkong und Moskau hat die Firma schon früher Gebäude errichtet.

Familie Maas hat die Halle von der Binnenrottenplein aus betreten, einer Freifläche so groß wie eine Landebahn. Sie entstand, als man in den Neunzigern ein Bahnviadukt abriss – und blieb für die Rotterdamer ein weißer Fleck. Nur dienstags und samstags findet entlang des Plein ein chaotischer Markt statt, auf dem alles feilgeboten wird, was Chinas Fabriken und Hollands Gewächshäuser hergeben. "Wir wollten", sagt Winy Maas, während er sich durch die Halle zwängt, "das Leben auch an den anderen Tagen hierherholen."

Die Dächer der Marktstände sind flach. Auf einigen sollen bald Kräuter wachsen, andere wurden mit Treppen und Geländern ausgestattet, so können die Gastrobetriebe sie als kleine Gästeterrassen mit Panoramablick nutzen. Von oben betrachtet lasse sich seine Halle besser erklären, meint Maas und steigt aufs Dach der Wereld van Smaak, der "Welt des Geschmacks", einer Mischung aus Restaurant, Kochschule und Laden.