Steht uns kommende Woche eine neue nationale Bildungsdebatte ins Haus? Erleben wir nach dem Pisa-Schock nun den Computer-Schreck? Seit Jahren wird über Laptops im Unterricht geredet, über Smartboards und iPad-Klassensätze; erste Schulbuchverlage haben angefangen, ihr Programm zu digitalisieren. Sogar die Bundeskanzlerin widmete sich kürzlich dem Einsatz neuer Medien im Unterricht. "Die Vermittlung von Kenntnissen über Computer" sei derzeit "die größte Herausforderung für die Schulen", sagte sie in ihrer Videobotschaft Ende September.

Wie groß diese Herausforderung tatsächlich ist, wird sich in der nächsten Woche herausstellen. Am kommenden Donnerstag erscheint der erste internationale Vergleich darüber, wie gut Schüler mit digitalen Medien umgehen können. Icils heißt die Studie, abgekürzt für International Computer Information and Literacy Study. Achtklässler aus 19 Ländern mussten zeigen, welche Computerprogramme sie bedienen können, wie sie sich im Internet zurechtfinden und ob sie die dort recherchierten Informationen kritisch einordnen können. Ebenso lotete die Erhebung aus, welche Rolle digitale Medien im Unterricht der jeweiligen Länder spielen.

Wer sich in deutschen Klassenzimmern umsieht und mit einschlägigen Experten spricht, der ahnt schon heute, dass das Ergebnis nicht besonders gut ausfallen kann. Hierzulande wird den Schülern die mediale Alphabetisierung schwer gemacht. Die Ausstattung der Schulen mit Computern ist im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich, das Thema digitale Medien im Curriculum nur unzureichend verankert, die Haltung der Lehrer von Skepsis geprägt: So fasste die Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags die Situation in den Schulen im vergangenen Jahr zusammen.

Bei der Pisa-Studie 2012 gab jeder zweite Neuntklässler an, das Internet spiele an einem typischen Schultag im Unterricht keine Rolle. 70 bis 80 Prozent von ihnen haben noch nie Mathematikprogramme verwendet, etwa um Gleichungen zu lösen oder geometrische Figuren zu zeichnen. Noch medienferner präsentieren sich unsere Grundschulen. Während in England an 93 Prozent der Grundschulen höchstens drei Schüler sich einen Computer teilen müssen, stehen in Deutschland nur 32 Prozent der Schulen so gut da – einzig Italien ist schlechter. Bei der Nutzung des Computers im Sachkundeunterricht ist Deutschland im OECD-Vergleich sogar Schlusslicht, wie eine Auswertung zweier internationaler Grundschulstudien ergab.

Nun sind die neuen Medien auch in deutschen Schulen keineswegs mehr neu. In den meisten Klassenzimmern dürfte heute in irgendeiner Ecke ein Rechner stehen. Die Zahl der WLAN-Verbindungen steigt, zunehmend ersetzt das digitale Smartboard die Kreidetafel. Mobile Netbook-Klassensätze sind jedoch keinesfalls schon Standard. An nicht wenigen Schulen kommt es sogar immer noch zum Ausflug in den guten alten Computerraum, wenn Unterricht mit neuen Medien auf dem Stundenplan steht.

Tablet-Computer, die derzeit als die praktischsten und vielseitigsten Hilfsmittel für den Unterricht gelten, sieht man dagegen kaum an den Schulen. Einer Lehrerbefragung im Auftrag der Telekom-Stiftung zufolge verfügen nur zwölf Prozent der Schulen überhaupt über zumindest einige Exemplare dieser mobilen Geräte. Und ob all die Ausrüstung auch tatsächlich zum Einsatz kommt, ist keinesfalls gewiss. Seit die digitale Technik an Schulen Einzug gehalten hat, stöhnen Lehrer über ihre Anfälligkeit: Der Schulserver bricht immer wieder zusammen, Software läuft nicht ohne Updates, und auch die Smartboards benötigen eine regelmäßige Wartung. Sonst hängen sie nach wenigen Monaten bereits funktionslos an der Wand.

Die mangelnde Ausstattung ist jedoch – da sind sich die meisten Experten einig – oft nur ein Vorwand. Dass deutsche Klassenzimmer computerfreie Zonen sind, ist vielen Lehrern gar nicht so unrecht. Bei der Befragung durch die Telekom-Stiftung äußerten 63 Prozent von ihnen die Sorge, Schüler verlernten durch die neuen Medien das Recherchieren in Bibliotheken; mehr als die Hälfte fürchtete, die Informationsflut überfordere die Kinder. Und in den Konzepten, die viele Schulen mittlerweile für den Medienunterricht erstellt haben, dominiert eher das Reden über die Gefahren der Technik: die Abhängigkeit durch Computerspiele, die Selbstentblößung in den Sozialen Netzwerken, das Cybermobbing. Eine "bewahrpädagogische Haltung" diagnostizieren Medienwissenschaftler. Selbst viele angehende Lehrer pflegen diesen Habitus: So sind junge Lehramtsstudenten digitalen Medien gegenüber sogar negativer eingestellt als Studierende anderer Studiengänge. Die Folge: Selbst in Schulen, in denen Computer vorhanden sind, bleiben diese oft ausgeschaltet.

Dabei gibt es durchaus gute pädagogische Konzepte zum Einsatz neuer Medien im Unterricht. Hier geht es weniger um das Beherrschen von Programmiersprachen, für das Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel beim IT-Gipfel im September ein eigenes Schulfach vorschlug. Die meisten Experten halten das für verzichtbar. Wichtigere Bestandteile der digitalen Grundbildung sind für sie Kenntnisse der Textverarbeitung sowie der Internetrecherche und der Umgang mit Risiken im Netz.

Die neuen Medien dienen jedoch nicht nur als Unterrichtsinhalt – sie erweitern auch die Lehrmethoden. So können Computer Sachverhalte veranschaulichen, die anderweitig schwer darstellbar sind. Für den Physikunterricht zum Beispiel gibt es Apps, die Versuche simulieren, die im Klassenzimmer zu gefährlich wären. Sogenannte Serious Games können Schülern Lerninhalte auf spielerische Weise nahebringen.

Im Geschichtsunterricht schlüpfen Jugendliche auf dem Bildschirm in historische Rollen und erkunden ferne Lebenswelten, während sie gleichzeitig Aufgaben lösen müssen. Im Fach Politik kann Software wie die Entwicklungshilfe-Simulation Food Force der UN zum Einsatz kommen, in dem die Spieler den Hunger in Krisengebieten bekämpfen und sich sowohl mit Logistik als auch mit Nährwerten von Lebensmitteln auseinandersetzen. "Im Idealfall verbindet ein Unterrichtsspiel Empathie und Wissenserwerb", sagt Marc Motyka, der an der Universität Kassel zur Wirkung dieser Software forscht.

Lernen Kinder durch solche Programme effizienter? Fällt es ihnen leichter, sich Dinge zu merken, die sie virtuell selbst durchlebt haben? Hier raten Medienpädagogen zur Vorsicht. Metastudien finden bislang keinen generellen Unterschied beim Lernerfolg zwischen neuen und herkömmlichen Medien im Unterricht. "There is no app for good teaching!", warnt der Medienpädagoge Stefan Aufenanger von der Universität Mainz, keine App garantiere automatisch guten Unterricht. Nach wie vor ist guter Unterricht in erster Linie ein Verdienst des Lehrers. An diesem Befund des Erziehungswissenschaftlers John Hattie ändert auch die Digitaltechnik nichts. Aber sie bereichert die Palette der Mittel, die Lehrern zur Verfügung steht.

Derzeit hängt guter Unterricht mit und zu Medien jedoch stark vom Engagement der jeweiligen Schulleitung und vom Interesse einzelner Lehrer ab. Ob sich daran so schnell etwas ändern wird, darf man bezweifeln. Die für die Bildung zuständigen Bundesländer pflegen auch beim Thema Medienbildung die föderale Vielfalt: In Rheinland-Pfalz sind Medien im Lehrplan verankert, in Bayern müssen Schulen nur Projekte machen; in Berlin ist Informatik Wahlpflichtfach, in Hamburg legt man Wert auf Gefahrenprävention. In Deutschland gibt es nicht nur 16 Landesmedienanstalten, sondern auch 16 unterschiedliche Medienkonzepte.

Vom Bund ist wenig Hilfe zu erwarten. Zwar hat das Bundeskabinett Ende August für die kommenden drei Jahre eine Digitale Agenda beschlossen. Das Wort Schule kommt darin ein einziges Mal vor – im allgemeinen Teil des Vorworts. Die Icil-Studie könnte kommende Woche zeigen, dass das längst nicht reicht. Vielleicht braucht es ja erst einmal einen Schock, ähnlich wie ihn seinerzeit die Pisa-Studie auslöste, damit man sich in Deutschland endlich auf einheitliche Qualitätsstandards für die Medienbildung einigt.