Finn steht in der Schalterhalle der Sparkasse vor einem grauen Metallkasten und horcht. Es rattert. Es scheppert. Es klimpert. Finn hält eine Plastiktüte in der Hand. In der Tüte waren Münzen, 5 Cent, 50 Cent, 1 Euro, 2 Euro. Jetzt ist sie leer.

Finn ist neun Jahre alt, er geht in die vierte Klasse und bekommt zwei Euro Taschengeld pro Woche. Er könnte sich dafür Eis oder Modellautos kaufen, aber Finn legt das Geld lieber in eine Pappschachtel, die auf dem Sekretär seiner Mutter steht. Finn spart. Manchmal fegt er die Küche oder hilft seinem Großvater beim Heckeschneiden. So verdient er sich was dazu. Neulich hat er zwei wuchernde Weidenbüsche abgesägt. Da hat ihm der Großvater ein paar Euro geschenkt. Die Pappschachtel wurde wieder ein wenig voller. Finn sagt: "Ich spare auf den Führerschein."

Jetzt stecken Finns Ersparnisse in dem grauen Kasten. Das Klimpern, Rattern und Scheppern ist der Klang seines Geldes.

Der Kasten ist eine Geldzählmaschine. Die Frau von der Sparkasse schüttet Münzen hinein, dann leuchtet eine Zahl auf. Bei Finn sind es 148,26 Euro. Finn lächelt. So viel hat er gespart.

Es ist der 30. Oktober. Die Förde Sparkasse am Lorentzendamm in Kiel feiert den Weltspartag. Ein Mann in einem weiß-roten Fliegenpilzkostüm springt um eine Gruppe Kinder herum, eine junge Frau schminkt Glitzersterne auf Mädchengesichter. Und Finn lässt sein Geld zählen.

Er schaut zu, wie die Frau von der Sparkasse seine Ersparnisse verwandelt. Aus den Münzen werden Zahlen in einem kleinen roten Heft mit weißem Aufdruck: seinem Sparbuch.

Die Sparkasse wird Finns Geld aufbewahren. Finn glaubt, nun werde etwas geschehen, das Generationen vor ihm als gegeben annahmen: Aus Geld wird mehr Geld werden. Seine Ersparnisse werden wachsen, ohne Heckeschneiden. "Das macht der Zins", sagt Finn. Wie seine Eltern und Großeltern wird Finn ein Wunder des Kapitalismus erleben. Wie sie wird er mithilfe von Zins und Zinseszins den Führerschein bezahlen und dann auf das nächste Ziel hinsparen.

Vor ihm, auf dem Tisch neben der Geldzählmaschine, liegen Plüschaffen, Spardosen und Frisbeescheiben. Finn nimmt sich einen Kugelschreiber mit eingebautem Radiergummi. Er bekommt nicht nur Zinsen, sondern auch ein Geschenk.

Sparen lohnt sich, das ist das, was die Sparkassen ihren großen und kleinen Kunden am Weltspartag begreiflich machen wollen. Deshalb wurde er erfunden, vor 90 Jahren, im Oktober 1924.

Geld liegt auf der Bank und vermehrt sich. Das ist eine schöne, eine beruhigende Erkenntnis. Eine, an die man sich gern gewöhnt. Sie hat nur einen Fehler. Sie stimmt nicht mehr.

Deutsche Bank: 0,05 Prozent.

Targobank: 0,1 Prozent.

Commerzbank: 0,05 Prozent.

HypoVereinsbank: 0,01 Prozent.

Das sind Beispiele für aktuelle Zinsen, die deutsche Banken und Sparkassen ihren Kunden für kleinere Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist anbieten. Finn erhält auf seine 148,26 Euro bei der Förde Sparkasse 0,05 Prozent Zinsen.

Kinokarten: 2,4 Prozent.

Kinderjacken: 3,5 Prozent.

Hackfleisch: 0,3 Prozent.

Vollkornbrot: 0,9 Prozent.

Das sind Beispiele für aktuelle Preissteigerungen in Deutschland. Im Durchschnitt aller angebotenen Güter und Dienstleistungen ergibt sich ein Anstieg von 0,8 Prozent.

Man kann es auch so ausdrücken: 1.000 Euro, die man heute auf die Bank bringt, sind bei diesen Zinsen und Preisen in fünf Jahren nur noch 963 Euro wert. Finns Ersparnisse werden auf 142,78 Euro schrumpfen. Das Geld wird nicht mehr. Es wird weniger.

Finn weiß nicht: Sein Sparbuch ist ein Geldvernichter geworden. All der Aufwand in den Schalterhallen lässt das nicht erahnen. Doch in den Vorstandsetagen der Banken und auf internationalen Wirtschaftsforen sprechen Volkswirte schon vom "Ende des Zinses". Das hat mit verzagten Unternehmern, ehrgeizigen Politikern und Millionen neureicher Chinesen zu tun.

Aber der Reihe nach, weil es so unvorstellbar klingt, nicht nur für einen neunjährigen Jungen wie Finn.

Bis heute ist das Sparbuch eines der meistgelesenen Bücher in Deutschland, allein die Kunden der Sparkassen besitzen 47 Millionen. In keinem Land der Welt gibt es so viele Sparkonten, Tagesgeldkonten, Festgeldkonten, Girokonten wie in Deutschland, nirgendwo sonst liegt so viel Geld darauf. Allein im ersten Halbjahr 2014 legten die Bundesbürger in jeder Sekunde 5.015 Euro beiseite, insgesamt haben sie 3,84 Billionen Euro bei Banken und Versicherungen deponiert. Mit diesem Geld ließen sich mehr als zehn Jahre lang alle Ausgaben des Bundes bezahlen.

Kunden müssen jetzt dafür zahlen, dass eine Bank ihr Geld aufbewahrt

"Sparsam sein ist eine menschliche Haltung", sagte der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss. Er hätte auch sagen können, es sei eine deutsche Haltung. Die Deutschen haben nicht nur das Sparschwein erfunden, sondern auch Aldi, die Energiesparlampe und das Passivhaus.

Doch nirgends wurde der Sinn des Sparens so deutlich wie beim Blick aufs Konto. Der Zins sorgte dafür, dass Bankguthaben innerhalb von 15, 20 Jahren auf das Doppelte anwuchsen. Der Zins ermöglichte es auch Taxifahrern und Verkäuferinnen, ein kleines Vermögen aufzubauen. Der Zins machte Millionen Menschen reich und half mit, dass in der Bundesrepublik Deutschland eine breite Mittelschicht entstand.

Aber das ist vorbei.

Nach Berechnungen des Versicherungskonzerns Allianz entgehen den deutschen Sparern seit 2010 wegen sinkender Zinsen jedes Jahr durchschnittlich 6,8 Milliarden Euro. Was bedeutet es für die Sparnation Deutschland, wenn sich das Sparen nicht mehr lohnt? Was genau ist mit dem Zins geschehen? Und wer ist schuld daran?

In der Sparkasse in Kiel ist der Fliegenpilz nach hinten gewatschelt, wo die Kunden ihn nicht sehen können. Aus dem Plüschkostüm schält sich ein Herr mit rötlich blonden Haaren. Er trägt ein weißes Hemd, eine sparkassenrote Krawatte und ein silbernes Namensschild, auf dem "Marco Meyer" steht. Meyer leitet die Geschäftsstelle am Kieler Lorentzendamm mit ihren 25 Mitarbeitern.

Als kleiner Junge hatte er eine Fußball-Sparbüchse und natürlich auch ein Sparbuch. Er hat es immer noch, "die Kontonummer weiß ich auswendig", sagt er. Meyer ist jetzt 44 Jahre alt. Auch er ging als Kind am Weltspartag in eine Sparkassen-Filiale und zahlte sein Geld ein. Schon damals bekam er ein Geschenk dafür. So wurde auch er zum Sparen erzogen.

Nach dem Abitur hat sich Meyer bei der Sparkasse um einen Ausbildungsplatz beworben. Meyer hat sozusagen aus dem Sparen seinen Beruf gemacht. Warum auch nicht, mehr Geld – das wollen die Leute ja immer.

Meyer sitzt jetzt in einem der Beratungsräume der Förde Sparkasse. Nachtblauer Teppich, hellbrauner Schreibtisch, mattierte Glaswände. Ursprünglich, vor mehr als 200 Jahren, gründeten Kaufleute und Beamte die Sparkassen, um die Armen mit dem Kapitalismus zu versöhnen. Auch Tagelöhner und Handwerker sollten ein Vermögen aufbauen können. Manche meinten gar, man müsse das saufende und hurende Pack überhaupt erst dazu bringen, an morgen zu denken.

Die Sparkassen sollten dabei helfen, sie verzinsten auch kleine Geldbeträge, genau genommen nur kleine Geldbeträge. Reiche Leute wurden als Kunden abgelehnt.

Noch heute unterstützen die Sparkassen mit einem Teil ihrer Einnahmen gemeinnützige Projekte. Dafür sitzt Marco Meyer heute oft wohlhabenden Menschen gegenüber. Nicht selten sind sie verstört, besorgt um ihr Geld. Mitunter haben sie gehört, dass die Banken demnächst auf Sparkonten gar einen negativen Zins erheben könnten. Tatsächlich hat die kleine Skatbank aus dem thüringischen Altenburg vergangene Woche als erstes deutsches Geldinstitut den Zins für Einlagen über 500.000 Euro auf minus 0,25 Prozent gesenkt. Die Kunden müssen jetzt dafür zahlen, dass eine Bank ihr Geld aufbewahrt.

Manchmal hilft es in solchen Gesprächen, wenn Meyer seinen Kunden erklärt, wie das Geschäft einer Bank funktioniert. "Die einen bringen uns Geld, und die anderen benötigen welches", sagt er. Die Banken zahlen den Zins nicht aus eigener Kasse. Sie müssen ihn erst verdienen, indem sie das Geld verleihen. Das ist seit Jahrhunderten ihr Geschäft.

Die Suche nach dem verschwundenen Zins muss also weg von den Sparern und hin zu jenen Leuten führen, die nicht Geld anlegen, sondern Geld leihen wollen. Einen von ihnen kann man am Abend des 6. November in Leipzig treffen.

An einem Schaufenster zwischen Hauptbahnhof und Nikolaikirche hängt ein Plakat, auf dem steht: "Die Pflanzenesser kommen". Drinnen schießen Fotoapparate Bilder von Kuchen ohne Milch und ohne Ei, Fernsehkameras schwenken über Regale mit getrocknetem Löwenzahn und gemahlener Brennnessel. Die aus der Schweiz angereisten Erfinder des "No-Muh"-Käses aus Kartoffelstärke, Reismehl und Nussmus diskutieren mit dem Verkaufsleiter eines deutschen Produzenten von Seitan-Wurst. Junge Frauen schieben sich mit frisch pürierten Säften aus Spinat, Banane und Algen durchs Gedränge. Mittendrin steht ein gedrungener Mann im roten Kapuzenpulli, der vorne bedruckt ist mit den Worten: "Yes, ve gan". Das ist Jan Bredack.

Bredack, 42 Jahre alt, war einmal Manager bei Mercedes-Benz. Er ist um die Welt geflogen, hat viel gearbeitet. Viel gegessen hat er auch. Immer das, was auf den Tisch kam, meistens Fleisch. Dann brach er zusammen, Burn-out. Nun wurde er erst Vegetarier, dann Veganer, arbeitete bald weiter wie früher, aß aber anders. Und merkte schnell, wie schwierig es ist, sich im Alltag vegane, also rein pflanzliche Lebensmittel zu besorgen. Das brachte ihn auf eine Geschäftsidee.

Bredack kündigte bei Mercedes und gründete ein eigenes Unternehmen: Deutschlands ersten veganen Supermarkt. Name: Veganz. Er hat das alles in einem Buch beschrieben, das Vegan für alle. Warum wir richtig leben sollten heißt.

Den ersten Veganz-Markt eröffnete Bredack vor drei Jahren im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Inzwischen gibt es deutschlandweit sechs Filialen, Leipzig ist die siebte, weitere sind geplant. Mitunter müssen Bredacks Märkte wegen Überfüllung vorübergehend schließen. Die Deutschen haben die pflanzliche Ernährung entdeckt.

Bredack hat jetzt bundesweit 120 Mitarbeiter, es werden ständig mehr. Eine große deutsche Supermarktkette ist daran interessiert, in ihren Filialen kleine Veganz-Abteilungen zu eröffnen, der Konzern will mitverdienen am Trend zur pflanzlichen Ernährung. Für Bredack ist das die Chance auf das große Geschäft. Er muss Vertriebswege ausweiten, Lieferketten verlängern. Auf tierische Rohstoffe mag er verzichten können – aber vom wichtigsten Rohstoff des Kapitalismus, dem Geld, braucht er im Moment weit mehr, als er zur Verfügung hat.

Jan Bredack lebt deshalb im Moment ein wenig so, wie man es den Griechen während der Euro-Krise nachgesagt hat: über seine Verhältnisse. Er macht Schulden.

So wie es sich für einen Unternehmer gehört.

Es gibt in Deutschland immer weniger Unternehmen, die Kredite aufnehmen und investieren

Es war der Österreicher Joseph Schumpeter, einer der bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, der schon 1911 in seinem Buch Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung schrieb, das erste Bedürfnis eines Unternehmers sei sein "Kreditbedürfnis". Und: "Sein Schuldnerwerden gehört zum Wesen der Sache und ist nicht etwas Abnormales." Denn in der Regel ermöglicht es nur der Kredit dem Firmeninhaber, an das Kapital zu kommen, das nötig ist, um etwas Neues zu schaffen. Zum Beispiel einen veganen Supermarkt.

Wenn alles gut geht, wird Jan Bredack am Ende nicht mehr über seine Verhältnisse leben. Weil er die Verhältnisse verändert hat. Er wird dann so viel erwirtschaftet haben, dass er das geliehene Geld zurückzahlen kann, plus Zinsen.

In Wahrheit sind es also nicht die Banken, die den Zins bezahlen, es sind Unternehmer wie Jan Bredack. Die Banken reichen das Geld quasi nur an die Sparer weiter.

In Kiel hat sich in diesen Monaten auch Bodo Schild Geld geborgt, um sein Unternehmen voranzubringen. Er ist Inhaber des "Schild Flaggen-Store" mit 60 Mitarbeitern und produziert zum Beispiel die riesigen Flaggen mit den Emblemen der großen Fußballvereine, die vor den Champions-League-Spielen in ganz Europa auf dem Rasen der Stadien ausgebreitet werden.

Am anderen Ende der Republik, in Ilshofen bei Schwäbisch Hall, hat die Maas Gruppe neues Kapital aufgenommen. Das Unternehmen mit seinen 360 Mitarbeitern stellt Metallprofile für Dächer, Fassaden und Decken her und war in den vergangenen Jahren am Bau von Konzerthallen, Einkaufszentren und Fußballstadien rund um die Welt beteiligt.

In Köln hat die Firma Colonia Spezialfahrzeuge, 250 Mitarbeiter, einen Kredit gezeichnet. Vor fast 70 Jahren mit einem alten Opel Blitz als Abschleppwagen gegründet, verleiht das Unternehmen heute mehrere Hundert Teleskopkräne, Raupenkräne, Gabelstapler, Schwertransporter. Die Kunden reichen vom kleinen Handwerker über den Bauunternehmer bis zum Großkonzern.

So hat das in Deutschland jahrzehntelang funktioniert: Die Bürger brachten Geld zur Bank, und die Banken reichten es weiter an Unternehmer, die es investierten. Die einen bezahlten Zinsen, die anderen kassierten sie. Das gesparte und verliehene Kapital war der Treibstoff, der den kapitalistischen Motor am Laufen hielt und Fabriken und Verkaufshallen, Maschinen und Arbeitsplätze entstehen ließ.

Jetzt aber hat sich der Motor festgefressen. Erkennbar wird das am Donnerstag, dem 18. September, im Büro von Ulrich Bindseil.

Bindseil arbeitet bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Sein Schreibtisch steht in einer Art Hochsicherheitstrakt des ohnehin schon hoch gesicherten EZB-Gebäudes. Bindseil muss seinen Mitarbeiter-Ausweis an ein Lesegerät halten, dann öffnet sich die schwere weiße Metalltür zu seiner Abteilung.

Bindseil, ein groß gewachsener Mann mit nach hinten gekämmten Haaren, hat bei der EZB den Posten des Generaldirektors Finanzmarktoperationen. Vereinfacht gesagt heißt das, Bindseil hat die Aufgabe, Geld in die Welt zu bringen.

Normalerweise verleihen Europas Banken weit mehr Geld, als ihnen die Sparer zur Verfügung stellen. Die Unternehmen verlangen nach zusätzlichem Kapital, der Motor braucht Extra-Treibstoff. Deshalb borgen sich die Banken zusätzliche Mittel von der Zentralbank, sozusagen der Mutter aller Banken, um noch mehr Investitionsprojekte der Unternehmen finanzieren zu können. Sie bezahlen der Zentralbank dafür einen Zins, so wie sie auch den Sparern Zinsen bezahlen.

Der Geldverleih läuft dann so ab: Ein Mitarbeiter in der Zentrale der Commerzbank in Frankfurt oder am Sitz von BNP Paribas in Paris oder in den Büros der Allied Irish Banks in Dublin loggt sich in einen Computer ein, der mit der Europäischen Zentralbank verbunden ist, genauer mit den Computern der Abteilung von Ulrich Bindseil. Der Bank-Mitarbeiter tippt die gewünschte Summe ein – meist einen Milliardenbetrag.

Im Turm der Europäischen Zentralbank drückt daraufhin einer von Bindseils Mitarbeitern die linke Taste seiner Computermaus. Auf seinem Monitor blinkt ein grünes Häkchen auf. Das Geld ist freigegeben.

Zuvor aber bekommt Bindseil noch eine Liste an seinen Schreibtisch gebracht, auf der die Namen aller europäischen Banken stehen, die sich Geld von der EZB leihen wollen. Es gibt in Europa mehr als 6.000 Kreditinstitute. Es ist eine sehr lange Liste, normalerweise.

Die EZB verleiht das Geld nicht jeden Tag. Es gibt bestimmte Termine im Jahr, an denen die Banken ihre Anfragen abgeben können. Der 18. September ist so ein Tag.

Auch an diesem Tag hält Bindseil wieder die Liste mit den Banken in den Händen. Sie ist so kurz wie selten zuvor. Nicht einmal jede zwanzigste Bank will einen Kredit bei der EZB aufnehmen.

Und das, obwohl die Zentralbank das Geld nie zuvor so günstig abgegeben hat. Seit Monaten senkt sie den Zins, die Banken bekommen das Geld inzwischen fast umsonst und können sich mit der Tilgung viel Zeit lassen.

Trotzdem wollen sie das Geld nicht haben. Denn die Banken finden niemanden, an den sie es weiterverleihen können. Der Veganz-Chef Jan Bredack und der Flaggenhersteller Bodo Schild sind Ausnahmeerscheinungen. Genau wie die Maas Gruppe mit ihren Metallprofilen und der Fahrzeugverleiher Colonia. Es gibt in Deutschland immer weniger Unternehmen, die Kredite aufnehmen und investieren – und damit die Zinsen der Sparer erwirtschaften.

Was ist mit den Autoherstellern? Den Pharmariesen? Den Energiekonzernen? Kurz, den großen Unternehmen? Die machen keine Schulden. Die investieren kaum noch.

Die Bürger sparen, die Unternehmen sparen, jetzt spart auch der Staat

Seit 1984 ist der Anteil der Investitionen am deutschen Bruttoinlandsprodukt um 30 Prozent gefallen. In den meisten anderen europäischen Ländern ist es ähnlich.

Und solange niemand investiert, kommt der Zins nicht zurück.

Deshalb wird in diesen Tagen auch die begrenzte Macht der EZB offenbar. Sie schafft es nicht, die Investitionen anzuregen, verärgert aber gleichzeitig die deutschen Sparer. Einige Politiker sagen: Weil die Zentralbank den Banken das Geld fast kostenlos überlasse, hätten die es nicht mehr nötig, sich um die Ersparnisse der Bürger zu bemühen – durch ordentliche Zinsen. Die EZB habe daher die Sparer enteignet. Einige wütende Geldanleger wollen gar vor dem Bundesverfassungsgericht höhere Zinsen durchsetzen.

Doch dieses Denken geht davon aus, die EZB könne per Knopfdruck Reichtum schaffen. Sie müsste nur die Zinsen erhöhen, und schon hätten Millionen von Sparern mehr Geld. Tatsächlich aber ist Reichtum etwas Reales, er muss erarbeitet werden, von Unternehmen und ihren Angestellten. Über den Zins wird der Sparer am Ertrag dieser Arbeit beteiligt. Deshalb kann ein höherer Zins dauerhaft nur dadurch entstehen, dass sich mehr Menschen mehr Geld leihen.

In der Vergangenheit lösten niedrige Zinsen oft einen regelrechten Investitionsrausch aus. Die Geschäftsleute waren so begeistert von der einmaligen Chance, an Kapital zu kommen, dass sie kaum noch darauf achteten, ob es für das, was sie da produzieren wollten, überhaupt einen Markt gab.

Jetzt erlebt Europa wieder eine Phase niedriger Zinsen. Doch statt eines Investitionsrausches ist ein neuer kapitalistischer Phänotyp entstanden: der sparende Unternehmer.

Nach Schätzung der Beratungsgesellschaft Ernst & Young haben die 25 größten an der Börse notierten deutschen Industrieunternehmen inzwischen Geldvermögen von zusammen 77 Milliarden Euro angehäuft. Bei Volkswagen sind es 16 Milliarden Euro, bei Siemens 8,2 Milliarden, bei E.on 4,9 Milliarden. "Dieser Befund ist ungewöhnlich", schreiben die fünf Wirtschaftsweisen in ihrem Mitte dieser Woche veröffentlichten Gutachten. Denn normalerweise träten die Unternehmen in einer Volkswirtschaft als Schuldner in Erscheinung.

Man kann es auch so ausdrücken: Die großen Konzerne verhalten sich auf einmal wie der kleine Finn. Sie packen ihr Geld aufs Sparbuch.

Es gibt wie bei fast jedem bedeutsamen volkswirtschaftlichen Phänomen konkurrierende Theorien, die versuchen, dieses ungewöhnliche Verhalten zu erklären.

Linke Ökonomen sagen, die Investitionsschwäche sei eine Folge der in vielen Industrienationen seit Jahren stagnierenden Löhne und Gehälter: Wenn die Verbraucher nicht genug Geld haben, um immer neue Autos, Kühlschränke und Computer zu kaufen, warum sollten die Unternehmen dann in zusätzliche Fabriken investieren, um Autos, Kühlschränke und Computer zu produzieren?

Konservative Ökonomen dagegen behaupten, die Unternehmen würden durch eine ausufernde Bürokratie, überregulierte Märkte und hohe Steuern eingeengt. Zusätzliche Investitionen würden sich schlicht nicht lohnen.

Grüne Ökonomen wiederum argumentieren, die privaten Haushalte seien längst vollgepackt mit Dingen aller Art. Wer brauche schon fünf Fernseher? Die Märkte seien gesättigt, das hätten die Unternehmen erkannt und deshalb aufgehört zu investieren.

Für jede der Sichtweisen gibt es Zahlen, die sie untermauern. Gemein haben diese Theorien, dass sie Probleme beschreiben, die sich kurzfristig nicht lösen lassen. Weshalb sie den Sparern wenig helfen. Die brauchen keine Erklärungen. Sie brauchen Zinsen. Also brauchen sie jemanden, der Kredite aufnimmt.

Wolfgang Schäuble legt einen Stapel Papier neben die beiden Mikrofone auf dem Rednerpult. Es ist Herbst, und wie jeden Herbst ist Haushaltswoche im Bundestag. Der Finanzminister muss vor Abgeordneten und Fernsehkameras erläutern, wie es um die Finanzen des Bundes steht.

Für Schäuble ist das ein Routineauftritt, einerseits. Seit mehr als 40 Jahren gehört er dem Bundestag an, es ist seine zweite Amtszeit als Finanzminister, Schäuble hat viele Haushaltswochen erlebt.

Und doch ist dieser Tag auch für ihn ein besonderer. Bisher musste sich in jedem Herbst der jeweilige Finanzminister vom Bundestag die Aufnahme neuer Kredite bewilligen lassen. Die Zeitungen druckten Berichte über den Schuldenstaat, Wirtschaftsexperten blickten sorgenvoll in die Kameras, manchmal sah man Bilder von der Berliner Schuldenuhr. In leuchtend roten LED-Ziffern zeigte sie den neuesten Stand der deutschen Staatsverschuldung an, auf den Euro genau. Die Zahl stieg und stieg. So war das, ein halbes Jahrhundert lang.

Jetzt ist es anders. Schäuble bringt an diesem Tag etwas fertig, was viele für unmöglich gehalten hatten: Er legt einen Haushalt ohne neue Schulden vor.

Schäuble lässt sich während seiner Rede kein Gefühl der Freude oder des Triumphes anmerken. Er spricht ruhig und sachlich wie immer, sagt nur: "Bundeshaushalte ohne Neuverschuldung sollen ab 2015 Normalität werden." Aber natürlich weiß er, dass es gut läuft für ihn an diesem Tag. Er, Schäuble, ist der Finanzminister, der es geschafft hat, die Schuldenuhr umzustellen. Die Uhr wird bald rückwärts laufen.

Man kann dies als Sieg der Vernunft sehen, als folgerichtige Politik in Zeiten der Euro-Krise. War es nicht eine hemmungslose Verschuldung, die Europa beinahe auseinanderbrechen ließ? Ist es da nicht höchste Zeit, die Schuldenmacherei zu beenden?

Nichts daran ist falsch, einerseits. Andererseits aber ist es so: Die Bürger sparen, die Unternehmen sparen, jetzt spart auch der Staat. Wer soll da noch Geld leihen und dafür sorgen, dass es Zinsen gibt? Der Rückgang des Zinsniveaus sei "einem Einbruch der Nachfrage nach Kapital" geschuldet, schreibt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem aktuellen Weltwirtschaftsausblick.

In Kiel hatte Marco Meyer im Beratungsraum der Förde Sparkasse während des Gesprächs ein paar farbige Bausteine auf den Tisch gelegt, die sich zu einer Pyramide zusammensetzen lassen. Die Pyramide symbolisiert die verschiedenen Finanzangelegenheiten, um die sich ein Mensch heute kümmern sollte. Grün steht für Geschäftskonten für den täglichen Zahlungsverkehr, Gelb für Unfall-, Haftpflicht- und andere Versicherungen. Im Moment ist es vor allem der Baustein in Orange, der den Leuten Sorge macht. Orange steht für die Altersvorsorge.

Bundesbürger vertrauen der Börse nicht

Es ist noch nicht lange her, da brauchte man sich in der Bundesrepublik vor Altersarmut nicht zu fürchten. Damals waren die Sparzinsen hoch, aber das war nicht der Grund. Der Grund war die gesetzliche Rente: Seit dem Krieg hatte in Deutschland der Grundsatz gegolten, dass die Rente den Lebensstandard im Alter sichern soll. Der Staat sorgte dafür, dass die Rentner ein Auskommen hatten. Gespart wurde, um ein zusätzliches Vermögen aufzubauen, das man vererben konnte. Oder um sich über die Rente hinaus etwas zu gönnen. Aber nicht, weil sonst Armut drohte.

Seit dem Jahr 2001 gilt dieser Grundsatz nicht mehr. Damals kürzte die rot-grüne Bundesregierung den kommenden Generationen die Rente – und erklärte die Altersvorsorge ein großes Stück weit zur Privatsache. Weil man glaubte, dass sich eine rein staatliche Rente bei einer rasch alternden Bevölkerung nicht finanzieren ließe. Aber auch, weil man glaubte, dass die Privatwirtschaft besser mit Geld umgehen könne als der Staat.

Kaum ein Industrieland hat das Rentenniveau so dramatisch gesenkt wie Deutschland. Wer heute ins Berufsleben eintritt, wird nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Schnitt nur noch 42 Prozent seines Bruttolohns als Rente ausbezahlt bekommen.

"Wir müssen damit leben, dass wir mehr privat vorsorgen müssen", sagte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2005.

"Wir brauchen die private Vorsorge", sagte seine Nachfolgerin Angela Merkel im Jahr 2012.

Beide gingen damals davon aus, dass die Bürger für ihre Rücklagen Zinsen bekommen würden.

Private Vorsorge – darunter verstehen die meisten Bundesbürger den Abschluss einer Lebensversicherung. Heute gibt es in Deutschland mehr Lebensversicherungsverträge als Einwohner: 93,2 Millionen. Die Versicherungsunternehmen verwalten rund 800 Milliarden Euro an Kundengeldern.

Dieses Geld legen sie meist längerfristig an, deshalb sind die Zinsen höher als auf dem Sparbuch. Aber auch sie sinken rasant: In den neunziger Jahren lag der an die Kunden ausbezahlte Zins im Schnitt bei mehr als sieben Prozent, heute ist er nur noch halb so hoch, und in Zukunft wird er weiter fallen – vom kommenden Jahr an beträgt die gesetzlich vorgeschriebene Mindestverzinsung nur noch 1,25 Prozent.

Natürlich haben Deutschlands Banken und Finanzberater längst Alternativen zum Zinssparen parat. Investmentfonds vor allem. Der Kunde kann Anteilsscheine deutscher Großunternehmen und amerikanischer Newcomer kaufen. Aktien mitteleuropäischer Energieunternehmen sind zu haben und deutsche Immobilienpapiere. Das hört sich plausibel an. Wenn sich das Geld bei deutschen Sparbüchern und Lebensversicherungen nicht mehr vermehrt, warum nicht chinesische Nebenwerte kaufen?

Die Bundesbürger aber vertrauen der Börse nicht. Auch jetzt, in der Zeit niedriger Zinsen, ist der Aktienbesitz nicht gestiegen, im Gegenteil. Vergangene Woche teilte das Deutsche Aktieninstitut mit, der Anteil der Aktionäre an der deutschen Gesamtbevölkerung sei im vergangenen Jahr von 14,7 auf 13,8 Prozent gesunken.

Tatsächlich gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Bank und Börse. Wer sein Geld in Aktien investiert, ist kein Sparer mehr. Er ist Kapitalgeber und damit Teil des großen Spiels der mutigen Markteroberungen und überraschenden Insolvenzen, also des ewigen Auf und Ab des Kapitalismus.

Wer sein Geld aufs Sparbuch legt, wird über die Bank ebenfalls zum Kapitalgeber, weil die Bank es weiterverleiht, aber der Sparer sieht das nicht. Er sieht nur den Zins, der auf sein Konto fließt, und kann sich der Illusion hingeben, er habe mit dem Kapitalismus weiter nichts zu tun. Der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser sieht darin einen wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und den angelsächsischen Ländern. Während dort die Figur des Wirtschaftsbürgers verbreitet sei, der bewusst und eigenständig in Unternehmen investiert, herrsche in Deutschland traditionell das Ideal des Bildungsbürgers. Der will zwar auch reich werden, schätzt aber die fast sozialistische Sicherheit des Zinses. Börsenblasen mögen sich aufblähen und knallend explodieren – ein Sparbuch kann nicht platzen.

Es kann nur dicker werden, mehr und mehr Geld aufnehmen. Dachte man bislang. Nicht auszuschließen, dass diese Vergangenheit der hohen Zinsen irgendwann wiederkommt und die Wirtschaftswelt zur Normalität zurückkehrt. Es könnte zum Beispiel sein, dass die Regierungen neue Gesetze erlassen, um Bürokratie und Regularien abzubauen, und dass die konservativen Ökonomen richtiglagen und die Unternehmen wieder anfangen, Kredite aufzunehmen und zu investieren.

Vielleicht aber ist es nichts Vorübergehendes, was die Sparer derzeit erleben, sondern etwas Endgültiges, eine neue Normalität, eine plötzlich vorstellbare Unvorstellbarkeit: das Ende des Zinses.

Womöglich ist es so, dass Larry Summers recht hat.

Am 8. November 2013, also vor ziemlich genau einem Jahr, erhebt sich ein stämmiger Mann mit ergrauten Haaren von seinem Sessel auf der Bühne eines holzgetäfelten Saals im Hauptquartier des IWF in Washington. Der Amerikaner Larry Summers ist zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt, er war Chefvolkswirt der Weltbank, Präsident der Harvard University, Finanzminister unter Präsident Bill Clinton und Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama. Summers ist einer der wichtigsten Wirtschaftsexperten der Gegenwart, er ist alles andere als ein Radikaler, sondern ein Mann des Mainstreams. Der IWF hat ihn eingeladen, mit anderen Experten über den Zustand der Weltwirtschaft zu diskutieren. Es geht um Investitionen, um Schulden, um niedrige Zinsen.

Denn es ist ja nicht so, dass die Zinsen nur in Deutschland, in Europa so niedrig wären. In Amerika und in Japan ist die Situation ganz ähnlich. Nach Berechnung des IWF ist der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen Jahren in fast allen Industrieländern massiv gefallen.

Die meisten Vorträge an diesen beiden Tagen sind voll mit Ratschlägen, was die Regierungen tun könnten, um die Vergangenheit zurückzuholen, die Zeit, in der die Unternehmen viel Geld investierten und die Sparer viel Geld kassierten. Die Redner sprechen über höhere Löhne und weniger Bürokratie, es geht um die alten Konzepte linker und rechter Ökonomen.

Das Sparen hat sich um die Welt verbreitet wie ein neuer Musikstil

Summers sagt nichts dergleichen. In einer 16-minütigen Rede umreißt er eine Zukunft, in der alles anders sein wird, als es früher war. Summers sieht eine Wirtschaftswelt heraufziehen, die dauerhaft in einem Zustand niedriger Zinsen verharrt. Er nennt das "säkulare Stagnation". Er sagt, es könnte für Investoren langfristig "sehr schwierig werden, alle vorhandenen Ersparnisse aufzunehmen". Denn es gebe einfach zu viel davon, zu viel gespartes Geld. Nicht nur in den Industrieländern, auch im Rest der Welt.

In den Rest der Welt – dorthin hätte ein Ausweg führen können für die deutschen Banken und den deutschen Sparer, theoretisch. Wenn die Unternehmen in Deutschland, in Europa kein Geld mehr haben wollen, dann verleihen die deutschen Kreditinstitute es eben an Schuldner in anderen Teilen der Welt, in China zum Beispiel, in Malaysia, in Thailand, in Indien. Dort investieren die Unternehmen noch, dort brauchen sie Kapital. Die deutschen Banken könnten es ihnen geben – ein Mausklick, und das Geld wäre dort.

Das Problem ist, es gibt in Asien genug Banken, die die dortigen Unternehmen mit Kapital versorgen. Sie brauchen die Ersparnisse der Deutschen nicht, denn die Banken sind voll mit Geld, sie bekommen es von Menschen wie Frau Wang.

An einem Tag Anfang November betritt die 58-jährige Wang Yiyan ein großes, von Baugerüsten umstelltes Gebäude in der Altstadt von Peking, eine Filiale der Gongshang-Bank. Sie trägt einen beigen Blazer und ein Seidentuch, ihr Haar ist perfekt frisiert. In der Hand hält sie eine Plastikfolie mit ihren Kontounterlagen.

Frau Wang hat 30 Jahre lang bei einem chinesischen Sportartikelhersteller gearbeitet. Jetzt ist sie in Rente, genau wie ihr Mann, der in der Verwaltung einer Nudelfabrik angestellt war. Das Ehepaar ist alles andere als reich, aber arm sind die beiden auch nicht, ihr Einkommen stieg über die Jahre, und die Frage war, was sie mit dem Geld anfangen sollten.

Frau Wang sagt, in all den Jahrzehnten hätten sie und ihr Mann stets 20 bis 30 Prozent ihrer Einkommen beiseitegelegt. Sie sparten für die Ausbildung der inzwischen erwachsenen Tochter, sie sparten für den Fall, dass jemand aus der Familie krank würde, sie sparten auch, wenn nicht ganz klar war, wofür eigentlich. Immer brachten sie ihr Geld zur Bank. "Die Bank ist sicher", sagt Frau Wang.

Deutschland und China sind zwei Länder auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Wer in China modern sein will, isst Fleisch. Wer in Deutschland modern sein will, kauft in einem veganen Supermarkt. In vielerlei Hinsicht aber haben sich die Chinesen den Deutschen angenähert. Es gibt jetzt Dinge, die beide Nationen gemeinsam haben. Das Sparbuch zum Beispiel. Die schwäbische Hausfrau: Es gibt sie inzwischen auch in Peking.

In den vergangenen Jahren hat sich das Sparen um die Welt verbreitet wie ein neuer Musikstil. In den Industrieländern haben die Regierungen die Sozialsysteme beschnitten – also legen die Menschen Geld beiseite. In den Schwellenländern, wo es nie Sozialsysteme gab, haben Millionen von Menschen einen Wohlstand erreicht, der es ihnen erlaubt, vorzusorgen – also legen sie Geld beiseite. Die Folge ist ein globales Übermaß an Ersparnissen, das den Zins nach unten treibt, eine Sparschwemme.

In Kiel hat Finn die Sparkasse mit seinem Sparbuch in der Hand verlassen. Vielleicht wird er nächstes Jahr am Weltspartag mit seiner Plastiktüte wiederkommen und neues Geld mitbringen. Und im Jahr darauf noch einmal. Vielleicht wird aus dem sparenden Kind ein sparender Erwachsener werden, wie bei so vielen Menschen vor ihm. Vielleicht werden die Deutschen noch jahrzehntelang einer Illusion hinterhersparen, weil sie glauben, der Zins komme von der Bank, so wie der Strom aus der Steckdose kommt.

Vielleicht aber wird Finn auch zu einer neuen Generation gehören. Einer Generation, die verstanden hat, dass Schulden nichts Unanständiges, Halbseidenes sind. Und dass ein Land sich selbst nicht nur dadurch schaden kann, dass es zu viele Schulden macht, sondern auch dadurch, dass es zu viel spart.

Womöglich wird dann eine neue Zeit anbrechen und Finn auf die Idee kommen, etwas zu wagen. Etwas zu tun, das im Deutschland von heute ungewöhnlich geworden ist: sich Geld zu leihen, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, einen kleinen Betrieb zu gründen, gar ein großes Unternehmen. Es wäre ein kleiner, ein winziger Schritt nur hin zur Rückkehr des Zinses.

Mitarbeit: Angela Köckritz