Stolperstein zu Erna Müller in der Hamburg-St. Georg © Philipp Woldin

Die Messingoberfläche glänzt matt, die eingravierten Lettern sind verwittert. "Hier wohnte Erna Müller, Jg. 1898, verhaftet 1939", steht auf dem Stolperstein vor der Brennerstraße 58 in St. Georg. Ein Leben, verdichtet auf zehn mal zehn Zentimetern: Zuchthaus, Polizeigefängnis, ermordet in Auschwitz.

Und dann steht da noch: " ›Gewohnheitsverbrecherin‹ ".

Linde Apel muss sich tief hinunterbeugen, um die Inschrift zu entziffern. "Dieser Begriff, das ist die Sprache der Täter", sagt die Historikerin vom Institut für Zeitgeschichte. "Der Passant versteht die Vokabel nicht, er erfährt keine Hintergründe. So bleibt ein negativer Eindruck hängen."

Gunter Demnig, Künstler und Initiator des Stolperstein-Projekts, sieht das ganz anders. "Man soll sein Publikum nicht für blöd halten", sagt er. "Ich setze diese Urteile mit auf den Stein, um das Unrecht der Nazis darzustellen." Selbst Jugendliche würden merken: Da ist was faul. Der Begriff stehe schließlich in Anführungszeichen. Anführungszeichen. Reicht das?

"Mit diesen Wörtern denunziert man Menschen", sagt Daniel Killy, Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Mit einem scharfen Kommentar in der Jüdischen Allgemeinen hat er für Aufsehen gesorgt. Killy beklagt darin, dass aus den Stolpersteinen ein Millionengeschäft geworden sei, und wirft Demnig vor, an diesem "politisch korrekt ummantelten Businessplan" kräftig zu verdienen. Seine "Privatmeinung" sei das, sagt Killy. Er spreche nicht für die Jüdische Gemeinde. Die hat sich von dem Text distanziert.

Eigentlich gelten die kleinen Messingplatten als Erfolgsgeschichte. Gunter Demnig und viele ehrenamtliche Helfer haben mit den Stolpersteinen eine berührende und einzigartige Form des Gedenkens geschaffen. Die Tafeln holen die NS-Opfer aus der Anonymität und machen auf das einzelne Schicksal aufmerksam. Eine Mischung aus öffentlichem Kunstprojekt und Erinnerungsarbeit ist entstanden. 120 Euro kostet ein Stein, mittlerweile sind rund 48.000 Messingtafeln in Deutschland und ganz Europa verlegt. 4.756 Stolpersteine gibt es allein in Hamburg.

In das Gedenken haben die Organisatoren schrittweise immer mehr Opfergruppen einbezogen: verfolgte Juden, Zwangsarbeiter, politisch Verfolgte, Homosexuelle und Menschen, die die Nazis als "Asoziale" abstempelten. Dies waren Prostituierte, Herumtreiber, Bettler und Kleinkriminelle, im Jargon als "Volksschädlinge" und "Gewohnheitsverbrecher" diffamiert. Sie wurden Opfer der NS-Justiz, der Rassenwahn der Nazis spielte zumindest vordergründig keine Rolle. Künstler Demnig wollte genau diesen Unterschied deutlich machen. Er übernahm den Verurteilungsgrund und setzte ihn auf die Stolpersteine – wie bei Erna Müller.

Ihr Leben bleibt verschwommen, nur wenig haben Rechercheure zusammengetragen: Erna Müller wurde 1898 in Güstrow in Mecklenburg geboren. Ihre Mutter starb früh, der Vater nannte sie "Herumtreiberin". 1919 verurteilte sie ein Gericht erstmals wegen Diebstahl, es folgten weitere Strafen. 1932 diagnostizierte ein Arzt ein schweres Magenleiden und stufte sie als arbeitsunfähig ein. Müller streifte durch Hamburg, ohne Geld, ohne Perspektive.