Gegen das Verlegen von Stolpersteinen gibt es nach meinen Erfahrungen nur Scheinargumente. Es handelt sich bei Stolpersteinen um eine einzigartige Form individualisierten Gedenkens am einstigen Wohnort der jüdischen Opfer: nicht an einer einzigen zentralen Stelle konzentriert und damit auch anonymisiert, sondern – für jedermann sichtbar – über die ganze Stadt verteilt. Damit wird den Betrachtern mit jedem einzelnen Stolperstein immer wieder in Erinnerung gerufen, dass diese deportierten Menschen einstmals Bürger desselben Wohnortes, vielleicht sogar Nachbarn der eigenen Vorfahren waren. Stolpersteine sind wiederholt aufrüttelnde Hinweise am authentischen Ort auf die verlorene, mutwillig zerstörte "Normalität" einstigen Zusammenlebens jüdischer und nicht jüdischer Deutscher.

Das Stolpersteinen entgegengebrachte Bedenken, man könne sie "mit Füßen treten", benutzt eine eingängige bildliche Sprachmetapher als vermeintlich unumstößliche Begründung der "berechtigten" Ablehnung. Jedes Mahnmal, ob senkrecht oder waagerecht errichtet, kann geschändet werden – die senkrechten Mahnmale oft sichtbarer als die waagerechten. Aus der Tatsache, dass es für die Schändung aufrecht stehender Mahnmale keine so eingängige Sprachmetapher wie die "mit Füßen treten" gibt, erwächst kein bewertbarer Unterschied der Schwere des Schändungsaktes. Zur Verhinderung von Stolpersteinen ist scheinbar jedes noch so abwegige Argument recht: Die Schande der Vorfahren, die unrühmliche Geschichte des eigenen Wohnortes, heißt es, solle unter keinen Umständen in aller Öffentlichkeit für jedermann sichtbar ausgebreitet werden. Doch damit würde man die einstigen Opfer erneut herabsetzen und sie ein weiteres Mal ausgrenzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Nach meinen Beobachtungen vermeiden es die meisten Fußgänger, auf einen Stolperstein zu treten. Und wenn es doch einmal aus Unachtsamkeit geschieht – ich spreche aus Erfahrung –, dann hat man das Gefühl, ein wenig ins Rutschen zu geraten. Damit aber wird die Aufmerksamkeit auf die Ursache des Rutschens gelenkt, man nimmt den Stolperstein als Quelle des Strauchelns wahr. So wird letztlich der gewünschte "Aufmerksamkeitseffekt" der Stolpersteine erzielt. Und schließlich: Wer die Schrift auf einem Stolperstein zu entziffern sucht, beugt sich unwillkürlich nach vorne, um das auf dem Stein am Boden Geschriebene besser lesen zu können – was gleichzeitig auch als Verbeugung vor den jeweiligen Opfern gesehen werden kann.

Salomon Korn ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er nimmt Stellung zum Text von Jens Jessen über den Münchner Stolperstein-Streit (ZEIT Nr. 46/14).