"Sie haben das Leben meines Sohnes zerstört", sagt die Frau am Mikrofon mit zitternder Stimme. Ties Rabe schließt die Augen und hört der Mutter einen Moment zu, die weinend erzählt, wie unglücklich ihr autistischer Junge sei, weil er nicht auf seine Wunschschule dürfe. Dann verliert Rabe die Beherrschung: "Sie haben vor Gericht verloren", bricht es aus ihm heraus.

Es ist wieder passiert. Ein Donnerstag Ende Oktober, Schulsenator Ties Rabe stellt sich den Fragen der Hamburger Eltern, 60 Menschen sind zur öffentlichen Anhörung des Schulausschusses ins Bucerius Kunst Forum am Rathausmarkt gekommen. Rabe hatte sich fest vorgenommen, ruhig zu bleiben. Ganz ruhig. Nicht so zu sein, wie es viele ihm vorwerfen: ungehalten, besserwisserisch, kalt. So wie es in der Bild-Zeitung steht. So wie er in Elternforen im Internet gesehen wird. So wie er oft auftritt.

Gemessen an den öffentlichen Anfeindungen, dürfte Ties Rabe im Rennen um den Titel des unbeliebtesten Politikers der Stadt weit vorn liegen. Die einen schmähen ihn, weil er das Gesicht all der tatsächlichen und gefühlten Probleme im Schulsystem ist. Die anderen verzweifeln an ihm, weil er Kritik an sich abperlen lässt. Beide Seiten werfen ihm vor, dass er ein kühler Technokrat sei, ein typischer Vertreter des Olafscholztums. Ein Tag an seiner Seite zeigt: Er kann diesem Bild nicht entkommen. Und manchmal versucht er es erst gar nicht.

Der Tag beginnt acht Stunden vor der tränenreichen Anhörung im 16. Stock der Schulbehörde an der Hamburger Straße mit einem weiten Blick über die Stadt. Rabes engste Mitarbeiter haben sich zur Morgenbesprechung im Büro des Senators versammelt. "Leute, ich habe mir die Sendung bei Schalthoff noch mal angeschaut. Argumentativ fand ich mich ganz ordentlich", sagt Rabe, der zwei Tage zuvor Gast in der Hamburg-1-Talkshow Schalthoff Live war. "Aber wenn ich abends so müde bin und lange zuhören muss, sehe ich manchmal derart arrogant aus." Schmunzeln breitet sich in der Runde aus. "Ernsthaft: Ich möchte, dass ihr als Begleitung da mehr drauf achtet – gebt mir ein Zeichen!", sagt Rabe.

Die Herbstferien sind vorbei. Vor Rabe liegen harte Wochen: Pressekonferenzen, Podien, Fernsehauftritte, Elternabende, Parteitermine. Es gilt zu verhindern, dass die Opposition in der Schulpolitik punktet – in Hamburg ist es brandgefährlich, wenn sich Schule und Wahlkampf vermischen. Also muss Rabe nun Erfolgsbotschaften unter die Leute bringen: Es gibt mehr Abiturienten, weniger Schulabbrecher, die Ganztagsbetreuung wurde massiv ausgebaut, Hunderte Lehrer wurden eingestellt, die Klassen verkleinert, alle zwei Jahre werden Schulen im Wert einer Elbphilharmonie gebaut.

Rabe ist ein Zahlenmensch. Das passt zum Hamburger Schulsystem, denn im Grunde funktioniert es wie ein Markt: Jede Schule und jede Schulform muss das Produkt Bildung an die Eltern verkaufen, die am Ende die Entscheidungen treffen. Politik kann diesen Prozess nur bedingt steuern. Das weiß Rabe – und agiert als Schulsenator oft wie der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Schulen AG.

Die Morgenlage im 16. Stock hat lange gedauert, nun muss sich Rabe beeilen. Zwei Etagen unter seinem Büro warten die Kollegen der Schulaufsicht. Wenn Rabe Chef eines Konzerns wäre, wären die 25 eleganten Damen und Herren in diesem Raum seine Regionalmanager. Jeder Schulaufseher ist für die Schulen in einem Teil Hamburgs zuständig. Rabe teilt eine DIN-A4-Seite mit Vorschlägen aus, wie die Schulaufsichten effektiver, sprich: strenger werden könnten. "Ich mach das jetzt mal wie in der Schule", sagt er. "Nehmt euch bitte alle ein Arbeitsblatt."

In den vergangenen zehn Jahren sind Hamburgs Schulen so transparent geworden wie nirgends sonst. Weil die Leistung der Schüler regelmäßig standardisiert getestet wird, kann die Behörde das Niveau jeder Klasse prüfen, jeder Lehrer kann sehen, wie viel seine Klasse im Vergleich zu anderen gelernt hat. Wie in einem Unternehmen wird Leistung vergleichbar – das erhöht den Druck und im besten Fall die Qualität.

"Es gibt eine Reihe von Schulen, da müssen wir etwas tun", sagt eine Schulaufseherin. "Aber gleichzeitig auch viele, die auf einem guten Weg sind", sagt eine andere. Rabe nickt. "Die selbstverantwortliche Schule macht bisher viel selbst, aber übernimmt dafür nicht immer die Verantwortung", sagt er. "Wir müssen den guten Schulen zeigen, dass wir sie wertschätzen – und den nicht so guten Schulen helfen, besser zu werden."

Auch wenn er nicht der Erste war mit dieser Idee, hat Rabe den Geist des subtilen Marktdrucks im Schulsystem tiefer verankert. Wer mit ihm darüber spricht, hört allerdings an einem Tag, wie hilfreich dieses Modell zur Qualitätsverbesserung sei – und am nächsten, dass man es mit der Testerei und dem Druck auch nicht übertreiben dürfe.

Rabe ist Pragmatiker, ideologiefrei bis zur Visionslosigkeit

Das ist typisch. Rabe ist Pragmatiker, ideologiefrei bis zur Visionslosigkeit – und er ist damit in vielerlei Hinsicht das Gegenteil seiner Vorgängerin. Die Grüne Christa Goetsch war eine Idealistin, die mit der Primarschule die Stadt in einen Grabenkampf führte, den es in der deutschen Bildungspolitik so noch nie gegeben hat. Als Rabe Schulsenator wurde, galt es, Ruhe zu stiften. Rabe war Redaktionsleiter des Elbe Wochenblatts, bevor er 2002 Landesgeschäftsführer der SPD wurde. Er weiß, wie Journalisten ticken, wie man welche Botschaft platzieren muss, um maximale Wirkung zu erzielen. Kein anderer Senator ist so präsent in den Medien, das ist ihm wichtig.

Es ist 11.30 Uhr, der erste Pressetermin des Tages steht an. Zwei Kamerateams und mehrere Reporter erwarten den Senator schon an der Grundschule Arnkielstraße in Altona. Rabe hat erst im Auto erfahren, worum es dort gehen soll. Eine Stiftung will benachteiligte Kinder fördern. Auf dem Podium spricht er dann frei, als hätte er seine Rede minutiös vorbereitet. Rabe kann improvisieren, und er kennt die Macht der Bilder. Nach der Rede steht noch ein Unterrichtsbesuch in einer zweiten Klasse an. Die Kinder sollen Insekten und Zweige kategorisieren. Der Senator posiert mit einem Kind vor der Kamera, in der Hand hält er einen Zweig. "Der junge Mann sagt, dass dies hier ein Brombeerzweig ist", sagt er. Das Kind ruft erschrocken: "Ich bin ein Mädchen!"

"Schulpolitik ist ein Minenfeld", sagt Rabe auf dem Weg zurück zum Auto. Es kann immer etwas schiefgehen bei 17.000 Lehrern und fast 190.000 Schülern. Das ist für Rabe vor allem ein Problem, weil er zwei scharfe Gegner hat, die nur auf Fehler zu lauern scheinen: die Bild- Zeitung und Primarschulbezwinger Walter Scheuerl, der mit seinem regelmäßigen Newsletter mehrere Tausend Schulpolitikinteressierte erreicht. Auch in den Sozialen Netzwerken ist der Senator ein beliebtes Ziel. Eine falsche Literaturempfehlung eines Referenten, eine falsche Zahl in einer Rede, schon geht es los. Jede Studie, jede kleine Anfrage birgt die Gefahr neuer Angriffe.

Rabe reagiert darauf mit Kontrolle. Keine Pressemitteilung und kein Newsletter verlasse die Behörde, die er nicht selbst redigiert habe, erzählen Mitarbeiter. In seinem Haus hat Rabe nicht nur Freunde. Er verteilt gern Blätter mit den wichtigsten Zahlen zu einem Thema – dieses Oberlehrerhafte finden einige befremdlich, genauso wie seine mitunter rohe Sprache, sobald die Kameras aus sind.

Nach dem Besuch in der Arnkielstraße fährt Rabe zurück in die Behörde. Vor der Ausschusssitzung muss er sich noch mit dem schulpolitischen Sprecher der SPD abstimmen, es folgt ein Mittagessen in der Kantine, bevor er in Ohlstedt eine Turnhalle eröffnen wird. Auf der Fahrt telefoniert Rabe mit dem Geschäftsführer der Schulbau Hamburg, es geht um den Fußboden in zwei Bergedorfer Turnhallen. Dann lässt er sich mit einem Politiker aus der Bezirksversammlung verbinden. "Hör zu, also der Fußboden in der Halle ist härter, weil er rolltauglich sein sollte, das war von den örtlichen Vereinen so gewünscht, darauf kann man aber auch jede andere Sportart machen."

Rabe kandidiert bei der Bürgerschaftswahl im Wahlkreis Bergedorf, 2011 erzielte er dort das zweitbeste Ergebnis in ganz Hamburg. Das will die CDU dieses Mal verhindern – und versucht, ihn mit Anfragen in der Bezirksversammlung zu schwächen. "Es ist eigentlich ein Witz, dass ich mich als Schulsenator jetzt mit Bodenbelägen einzelner Turnhallen rumärgern muss", sagt Rabe nach dem Telefonat. Aber er tut es – und vielleicht liegt genau da seine Stärke. Denn obwohl Schulprobleme oft medial heiß diskutiert werden, ist Rabe in seiner Position ziemlich unangefochten. Was ihm im Wahlkampf hätte gefährlich werden können, hat er bisher wegmoderiert, zur Not mit einem Sofortprogramm. Auf das, was sich mit Zahlen nicht mehr leugnen lässt, reagiert er – und bedient sich auch mal bei Vorschlägen der Opposition. Die SPD hat es Rabes Pragmatismus zu verdanken, dass Schulpolitik im Wahlkampf wohl keine große Rolle spielen wird. Das räumen sogar Oppositionspolitiker ein.

Der Fahrer bremst, er ist in Ohlstedt angekommen, hat aber auf der falschen Seite geparkt. Rabe zögert nicht lange, sondern steigt aus und stapft im Anzug über eine matschige Baustelle. Es sind die Überreste der alten Turnhalle. Direkt daneben steht die neue. Rabe hält die Rede zur Einweihung. "Heute Abend im Schulausschuss werden mir wieder alle erzählen, was schlecht läuft", sagt er am Mikrofon. "Ich freue mich, dass es hier so gut gelaufen ist."

Die Hamburger Schulen brauchen Ruhe, um sich von den Dauerreformen zu erholen

Alles in allem läuft es im Hamburger Schulsystem bei allem Gezänk und aller gefühlten Grundunzufriedenheit erstaunlich gut. Die Differenzen zwischen den Parteien sind ohnehin gering. Man ist sich einig, dass die Schulen Ruhe brauchen, um sich von Jahren der Dauerreform zu erholen. Und sogar die Totalopposition ist seit dem Scheitern der G-9-Initiative weitgehend verstummt.

Wieder im Auto, wirkt Rabe gehetzt. Die Eröffnung der Turnhalle hat zu lange gedauert, der Architekt hat ausgiebig erklärt, warum er welche Wand wie gestrichen habe, es gab ein Programm mit Schul-Big-Band, Chor, Hochsprung. Der Senator hat in der ersten Reihe gesessen und begeistert zugeschaut, noch im Auto schwärmt er von den Hochspringern. Ist das nicht anstrengend, sich andauernd Schulaufführungen anschauen zu müssen, Herr Senator? "Nein. Kinder nerven mich nicht – ganz im Gegensatz zu manchen Erwachsenen. Kinder haben da so einen Niedlichkeitsfaktor."

Es ist erstaunlich, wie Rabe aufblüht, sobald er mit Kindern und Jugendlichen spricht, wie er sich bei Schulbesuchen detailliert erklären lässt, warum Eisenwolle beim Verbrennen schwerer wird, und wie er davon später mit leuchtenden Augen erzählt. "Manches in der Politik ist schon schwer zu ertragen – dann denke ich mit Sehnsucht an die schöne Zeit als Lehrer zurück", sagt Rabe, während der Fahrer sich durch den Feierabendverkehr kämpft. "Emotional waren das die schönsten Berufsjahre meines Lebens."

Knapp fünf Jahre lang hat Rabe nach seiner Zeit als Landesgeschäftsführer Deutsch, Religion, Geschichte und Gemeinschaftskunde am Luisen-Gymnasium in Bergedorf unterrichtet. Eine ruhige Zeit – verglichen mit seinem Alltag heute.

Gerade weil sich grundsätzlich alle Parteien so einig sind, werden Detailauseinandersetzungen in der Schulpolitik oft in hartem Ton geführt. "Da stehe ich dann auf der Bühne und muss mich verprügeln lassen", sagt Rabe. "Und die meisten Leute, die mich da angehen, sind im persönlichen Gespräch sehr nett und verständnisvoll, geben mir sogar manchmal recht. Da fällt es mir schwer, ruhig zu bleiben."

Rabe ist geschickt darin, Probleme rhetorisch auf andere zu schieben: Was schiefläuft, hat er von der Vorgängerregierung geerbt, oder es sind Anlaufschwierigkeiten, die Schulleiter und Lehrer lassen sich nichts von ihm sagen – oder es fehlt an Geld. Fairerweise muss man sagen: Oft hat er damit recht. Sich selbst würde er mit diesen Argumenten aber vermutlich eine Heulsuse nennen, denn er weiß, wie das politische Spiel läuft. Nachdem er 2008 in die Bürgerschaft gewählt wurde, war er als schulpolitischer Sprecher einer der härtesten Kritiker seiner Vorgängerin.

Nun steht er auf der anderen Seite, muss sich am Abend der öffentlichen Anhörung zum Thema Stadtteilschulen im Bucerius Kunst Forum stellen, in der die Opposition ihn vorführen will. "Ich habe da schon Respekt vor", sagt Rabe auf der Fahrt durch den Stau. "Die Opposition hat in den Sozialen Netzwerken getrommelt, die Sitzung ist ein Gradmesser für das Thema. Wenn es unter 80 Gästen sind, sieht es gut aus für uns. Wenn es mehr als 140 werden, wird es wirklich schwierig." Das Handy klingelt, seine Referentin fragt, wo er bleibe, Rabe wird nervös.

Schließlich stürzt er mit zehn Minuten Verspätung in den Sitzungssaal. Knapp 60 Gäste sind da und legen gleich los. Eine Lehrerin berichtet von Problemen an ihrer Schule, ein Schulleiter sagt, es fehle an Geld, einige Eltern loben die Stadtteilschule im Allgemeinen, ein paar berichten von Problemen an ihren Schulen im Besonderen – und dann ist da die schluchzende Frau mit dem autistischen Sohn. "Ein trauriger Fall", wird Rabe später dazu sagen.

Kurz nach acht Uhr ist die Anhörung vorbei, die ganz große Empörung ausgeblieben. Rabe ist erleichtert. Er läuft zum Ausgang. Dort steht eine Gruppe von Lehrern und Oppositionspolitikern, enttäuscht, wie unerfreulich die Anhörung für sie gelaufen ist. "Das Schlimmste ist", sagt einer von ihnen, "nur weil er alle kleingequatscht hat, glaubt der jetzt wirklich, es gibt keine Probleme an den Schulen."

Ties Rabe
wird an diesem Freitag 54 Jahre alt. Aufgewachsen in Bergedorf, Lehramtsstudium, Redakteur und Redaktionsleiter im Elbe Wochenblatt Verlag, 2002 bis 2006 Geschäftsführer des SPD-Landesverbandes, danach bis 2011 Lehrer in Bergedorf.
Seit 1992 Mitglied der SPD. Wurde 2008 in die Bürgerschaft gewählt und schulpolitischer Sprecher der SPD. Seit 2011 Schulsenator. Wohnt in Bergedorf, verheiratet mit einer Schulleiterin, drei erwachsene Kinder. Fährt gerne Motorrad, bastelt an seiner Modelleisenbahn und spielt Saxofon und Klavier.