Großes Thema: Wie erzählen vom erfüllten, gelingenden Leben? Eines Einzelnen und einer ganzen Gesellschaft? Ohne kitschig zu werden? Drama, Krise, Miesepeterei, Schuldzuweisung fallen schließlich leicht, aber "Schönheit ist schwer", schreibt Ulla Hahn in ihrem neuen Roman, ein Gedicht zitierend von – Ulla Hahn. Denn auch bei der Suche nach dem Guten bleibt die Autorin wieder ganz bei sich; nach Das verborgene Wort (2001) und Aufbruch (2009) ist Spiel der Zeit der dritte Teil ihrer fiktiven Autobiografie. Inzwischen hat es Hilla Palm, das assonierend-explizite Alter Ego der Autorin, das rheinische "Kenk vun nem Prolete", auf dem zweiten Bildungsweg zu Abitur und Germanistikstudium nach Köln geschafft. Hier nun soll und wird Hilla, nach schwerer Kindheit und der Vergewaltigung auf einer Lichtung nahe ihrem Heimatdorf, Besseres widerfahren. "Ich kann sie doch nicht einfach sitzen lassen im hillije Kölle, meine Hilla, mit dieser Lichtung, dieser Nacht in ihrem jungen Leben, da muss einer her, der sie erlöst, muss Freude her, Party, Lebenslust."

Immer wieder tritt Ulla ihrer Hilla derart zur Seite, reflektiert und verwischt zugleich, wer da eigentlich spricht. "Ich selbst schaue meiner jüngeren Schwester über die Schulter, übernehme gewissermaßen das Kommando über meine Vergangenheit, die ja ihre, Hillas, Gegenwart ist. Übernehme zudem die Verantwortung für Hillas Erfahrungen, die ja auch die meinen sind, übernehme die Verantwortung für meine Erfindungen, die nicht meine, aber doch Hillas Erfahrungen sind." Alles klar? Die poetologische Kulissenschieberei, bei der Hilla sogar hellseherisch über Ullas spätere Romane räsoniert, leistet allerdings nicht viel mehr, als das einzigartige Leben Ullas zum allgemeingültigen Hillas zu überhöhen. Fragt sich nur, wozu es die Konstruktion überhaupt braucht – wer inzwischen beinahe 2000 Seiten über sich selbst geschrieben hat, muss wohl überzeugt davon sein, irgendetwas zu bedeuten.

Revolution und Katholizismus: Das kann Hilla 1968 mühelos zusammendenken

Die Sprache der Lyrikerin Hahn ist auch in Prosa rhythmisch, elegant, verspielt und wie in Teil eins und zwei ihrer Selberlebensbeschreibung von rheinischem Dialekt durchsetzt (dessen Trannskripption auf Dauer abber eijn nervisch-klapprijes Wehickel bleijbt). Mitunter verdichten sich schöne Metaphern wie die "domspitz gefalteten Hände" zu echten Versen, von denen viele bereits in den Gesammelten Gedichten nicht Hillas, sondern Ullas erschienen sind. Bis die gelingen konnten, ist es noch ein weiter Weg; die Germanistikstudentin ist zunächst eher Sprach- als Literaturwissenschaftlerin, fasziniert nicht von Dichtung, sondern von einzelnen Wörtern, weil die wie Bausteine sind, aus denen sie eine neue Hilla zusammensetzt, die nicht mehr selber schuld ist.

Denn diesen Beinamen, Hilla Selberschuld, hatte sie sich nach dem Verbrechen auf der Lichtung gegeben – weil sie allzu leichtsinnig hineingeriet und partout kein Opfer sein will. Nun, im studentenbewegten Köln der Jahre 1967 ff., tastet sie sich voran in ein selbstbestimmtes Leben; ihre erste Teilnahme an einer Demonstration (gegen eine Fahrpreiserhöhung bei der Straßenbahn) ist weniger ein politischer Akt als vielmehr "Anfang vom Ende der Lichtung". Das Gemeinschaftserlebnis löst individuelle Scham und Schuldgefühle auf, "das Gebrüll an sich tat gut. Weil wir gemeinsam brüllten."

Wirkliche Erlösung findet sie allerdings erst – im jecken Kölle muss das so sein – auf einem Kostümfest. Als Raupe verkleidet, trifft Hilla einen Käfer namens Hugo, einen linkskatholischen Abweichler aus stinkreicher, erzreaktionärer Kölner Honoratiorenfamilie. Ein kaum zu glaubender Heiliger mit kleinem Buckel, klug, einfühlsam, ritterlich, belesen, ums rechte Wort nie verlegen. Beherzt hilft er ihr, das Lichtungstrauma im Wort zu bannen: "Vergewaltigung, flüsterte ich. Hugo küsste mir das Wort von den Lippen: Ich liebe dich. Ich nahm das Wort nie wieder in den Mund."

An der Seite ihres Sankt Hugo durchlebt Hilla die Zeitenwende der alten Bundesrepublik. Sie besuchen aufmüpfige Kirchentage, Vietnamkriegs-Demos und drogensatte Song-Festivals, lesen die Mao-Bibel, trauern um Benno Ohnesorg und entdecken erschrocken den Nazi in ihrem geliebten Literaturprofessor. Glühend diskutieren sie all die großen Fragen, die noch heute so aktuell wie damals sind: Kann ich meine Vergangenheit bewältigen? Wohin willst du mit dir? Mit unserer Welt? Ist der Kapitalismus ein Übel? Wie kann eine gerechtere Welt aussehen? Frei sein, neu sein, dagegen sein. Aber: wofür? Sich gehen lassen. Aber wohin? Es ist die Zeit, in der sich Katholizismus und Revolution noch mühelos zusammendenken lassen; immer wieder zünden die beiden Liebenden in Kirchen Kerzen an: für sich, ihre Familien, Dutschke, Che Guevara und den Sieg des Vietcong. Und doch bleiben sie Randfiguren des Aufruhrs. Hilla, der Plumpsklo- und Legasthenikerwelt ganz kleiner Leute mit Mühe entkommen, kann mit dem Theoretisieren über das Bewusstsein der Arbeiterklasse nichts anfangen; sie hat am eigenen Leib mehr darüber erfahren, als man beim Teach-in je darüber lernen kann. Zudem lähmt das private Glück den Weltveränderungsfuror: "Mit verliebten Leuten war keine Revolution zu machen. Wir hatten, was wir wollten."

Kluge poetische Selbstreflexion leidet am bildungsbürgerlichen Ballast

Mit Hingabe wird all das erzählt. Und doch zieht sich die Lektüre dieser mehr als 600 Seiten Lebensfreude (und einiger dunkler Momente) wie ein Rosenmontagszug. Aus zwei Gründen: Zum einen trägt das Erzählte mitunter schwer am bildungsbürgerlichen Ballast, den das talentierte Proletenkind sich gegen so viele Widerstände und zur Selbstbefreiung draufgeschafft hat. Schon der Titel, ein Zitat aus Gryphius’ berühmtem Gedicht Es ist alles eitel, kündet von den Wonnen der Belesenheit. Dazu kommen Exkurse in Linguistik, Geschichte, Etymologie, durchaus klug, allerdings nur notdürftig als Gespräche unter verliebten Studenten getarnt. Zum anderen fehlt der chronologischen Erzählung schlicht die Spannung. Es muss schon ein echter Ulla-Hilla-Aficionado sein, wer all diese privaten und öffentlichen 68er-Details noch einmal vorgebetet bekommen will.

Doch erzählerische Totalität ist das Programm dieser Art autobiografischer Fiktion: "Erzählen: zu den Farben gehen, den Gerüchen, Berührungen (...). Nichts mehr wird vergessen, was teilhaben kann an meinen Erinnerungen im Wort. Verortet im Wort." Das heißt aber auch: Wirklich alles muss gesagt werden, sonst existiert Hilla-Ulla gar nicht, ist nicht komplett, nicht wahr. Der Erinnernden ist alles gleich wichtig, muss es sein, denn es ist ja ihr "echtes" Leben, das sie erinnernd konstruiert. Und so reiht sich immer noch ein Gang zum Rhein an noch ein Kölsch an noch eine Bratwurst zur Stärkung nach der nächsten Demo. Ganz ausdrücklich verwahrt sich Hilla gegen Kürzungen. "Lass dich ja nicht zum Kürzen kommandieren", knurrt ihr der alte Ezra Pound ins Ohr, den sie zu einem geisterhaften Zwiegespräch imaginiert. "Schon gar nicht bei den Passagen, in denen es um mich geht. Denn da geht es auch um dich."

Und worum geht es da? Um die Frage von Stoff und Form, Inhalt und Gestalt. Pound habe "sich nicht der Anstrengung unterworfen, aus dem persönlichen Ich in der ästhetischen Transformation ein überpersönliches Ich zu machen", sagt Hilla Palm. "Er hat sich der Mühe, ja, der Pflicht des Dichters, aus Erfahrungen Erfindungen zu machen, entzogen." So ergeht es auch Ulla Hahn in ihrem Buch voll kluger poetischer Selbstreflexionen. Den Kitsch hat sie in ihrer Geschichte vom geglückten Leben weitgehend vermieden, dafür aber verdammt lang gebraucht. Sie wolle, hat sie einmal erklärt, in ihrer Autobiografie vor allem verständlich machen, warum sie einst in die DKP eingetreten sei. Doch so weit kommt sie auch in diesem dritten Teil nicht, er endet mit der Verlobung von Hilla und Hugo. Wenn Ulla in dem Tempo weitermacht, stehen uns noch ein paar Tausend Seiten bevor, ehe aus Hilla eine Genossin und erst recht eine Romanautorin wird.