Senioren, Alleinerziehende oder behinderte Menschen holen sich Studenten ins Haus. Warum damit beiden Seiten geholfen ist

Hannah kann kaum aus den Augen schauen. Verschlafen sitzt sie morgens, kurz vor sieben, am Frühstückstisch und löffelt ihr Lieblingsmüsli, dazu gibt es Kakao mit aufgeschäumter Milch. Mit jedem Bissen wird die Achtjährige munterer. "Das ist immer so", sagt Alexandra Baum, "erst muffelt sie ein bisschen, dann redet sie wie ein Wasserfall." Während Hannah zu erzählen beginnt und mit den beiden Katzen schmust, schmiert Alexandra Baum ihr die Schulbrote und packt geschnittenes Gemüse randvoll in eine Plastikdose. "Das liebt sie", sagt Alexandra Baum. Dann geht es ab ins Bad: Zähne putzen, Gesicht waschen, Haare kämmen – und schon klingelt Hannahs Freundin Lucie von nebenan, um sie zur Schule abzuholen.

Alexandra und Hannah haben beide schulterlange blonde Haare, den Scheitel tragen sie auf der gleichen Seite, und wenn sie lächeln, sehen die beiden aus, als könnten sie Schwestern sein. Doch sie kennen sich erst seit ein paar Monaten. Zu Beginn des Sommersemesters ist Alexandra Baum bei Hannah eingezogen. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder lebt das Mädchen im Freiburger Stadtteil Haslach. Reihenhäuser, große Gärten, Dorfcharakter. Zuvor hatte die 26-Jährige in Berlin gewohnt und in Potsdam Englisch und Französisch auf Lehramt studiert. Weil sie statt des Masters das Staatsexamen machen wollte, ist sie nach Freiburg gekommen. "In Berlin hatte ich ein günstiges Zimmer in einer WG, doch hier war die Wohnungssuche eine Katastrophe", sagt Alexandra Baum. Im Studentenwohnheim hat sie keinen Platz bekommen, WG-Zimmer oder kleine Wohnungen waren rar und oft viel zu teuer. Dann rief ihre Mutter an. Sie habe da im Fernsehen etwas Interessantes zu "Wohnen für Hilfe" gesehen – wäre das nicht etwas für sie?

"Wohnen für Hilfe" ist mittlerweile in rund 30 deutschen Universitätsstädten für Studenten zu einer Alternative auf dem Wohnungsmarkt geworden. Das Prinzip ist einfach: Ältere oder behinderte Menschen, Alleinerziehende und Familien stellen den Studenten für eine reduzierte Miete oder kostenlos ein Zimmer. Im Gegenzug helfen diese ihnen im Alltag – pro Quadratmeter Wohnfläche eine Stunde im Monat. Sie gehen mit dem Hund Gassi, tragen Einkaufstaschen, machen mit den Kindern Hausaufgaben. Die Anbieter unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, in Freiburg hat das Studierendenwerk die Organisation übernommen. "Im Durchschnitt betreuen wir permanent 250 Partnerschaften", sagt Renate Heyberger, die stellvertretende Geschäftsführerin. Wie fast alle Projekte dieser Art war "Wohnen für Hilfe" am Anfang nur als Unterstützung für Senioren gedacht, doch in den vergangenen Jahren hat das Interesse von Familien oder alleinstehenden Berufstätigen zugenommen.

"Ich habe schon überlegt, ob ich das will, dass eine fremde Person so eng mit uns zusammenlebt", sagt Silvia Jockers, die Mutter von Hannah. Als sie sich entschied, das Angebot auszuprobieren, hatte sie sich gerade von ihrem Mann getrennt. Für ihren Job als Pflegefachkraft in der Schweiz muss sie morgens um sieben Uhr den Zug erreichen. "Hannahs Unterricht beginnt erst um acht. Da möchte ich, dass jemand mit ihr frühstückt und ihr abends das Essen macht, wenn ich mal länger bleiben muss", sagt Silvia Jockers. Nachdem sie sich beim Studierendenwerk gemeldet hatte, wurde ein Vermieterprofil von ihr erstellt, das dann die Studentin Alexandra Baum zu Gesicht bekam. "Ich habe nach einem sehr intensiven Vorgespräch beim Studierendenwerk Bewerbungsmails an verschiedene Familien geschickt und mir sechs angeschaut – die Jockers waren mir sofort sympathisch, auch Hannah hat mir gleich Fragen gestellt." Nun lebt sie im ehemaligen Wohnzimmer der Familie. Sie hat ein eigenes Bad, und es wurde extra eine neue Tür für sie eingesetzt.

"In erster Linie muss die Chemie stimmen. Ich habe schnell im Gefühl, wer zueinanderpassen könnte", sagt auch Alexandra Dreibach in Kiel. Seit zwei Jahren vermittelt sie im Studentenwerk Schleswig-Holstein Partnerschaften für "Wohnen für Hilfe". Rund 50 sind es bislang. Regelmäßig finden Infoveranstaltungen statt, bei denen sich Anbieter und Studenten in einer Art Speed-Dating kennenlernen.

Eines dieser Treffen hat vor einem Jahr auch Anselm Müller-Busse besucht. "Die ersten Senioren wohnten zu weit draußen, die zweiten wollten einfach einen Mieter haben", erinnert sich der BWL-Student. "Doch dann habe ich mich zu einem pensionierten Arzt gesetzt. Er mochte meinen Vornamen, und anschließend haben wir uns über griechische Sagen unterhalten."

Ein paar Wochen danach ist Anselm Müller-Busse bei dem Arzt und dessen Frau eingezogen. 20 Quadratmeter im Keller, möbliert und mit eigenem Eingang. Dazu ein kleines Bad und eine Terrasse mit Blick auf den Apfelbaum im Garten. Mit dem Fahrrad erreicht der 20-Jährige die Uni in einer Viertelstunde, die Innenstadt ist auch nah, und in seinem Keller hat er die nötige Ruhe, um zu lernen. Nur ab und zu sind von oben Schritte auf dem Parkett zu hören.