Jetzt rücken sie uns auf die Pelle. Wer 3-D-Drucker immer noch für das Spielzeug von blassen, kontaktgestörten Jünglingen, einen Marketing-Gag prominenter Architekten oder sowieso für Blödsinn hielt, reißt die Augen auf: Ob in Hamburg, Berlin, Hannover, Köln, Düsseldorf oder München – es gibt kaum noch Großstädte ohne diese seltsamen 3-D-Läden. Unter Namen wie Youlittle, Dubl, iGo3D oder twinkind laden sie Kundschaft in einen Ganzkörperscanner ein. Mit den so gewonnenen Körperdaten stellen sie in einem 3-D-Drucker eine realitätsnahe, farbechte Schrumpfversion des Kunden aus Kunststoff her. Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren. Für eine 3-D-Plastik geben Leute je nach Größe der Figur zwischen 100 und 1.000 Euro aus.

Dieses relativ neue Angebot der Selbstverewigung – wir erinnern uns: Der vorletzte Schrei waren in Glas gebannte Fotos und Hologramme – markiert das Coming-out einer neuen Technologie: des räumlichen Druckens. Der Begriff bedeutet, dass beim 3-D-Druck Material auf eine Unterlage gebracht wird. Nicht eine Schicht, wie beim Textdruck, sondern Hunderte, bis ein dreidimensionales Objekt entsteht. Dass man im Kleinen mit 3-D-Drucken Geld verdienen kann, weiß man schon länger. Ein gutes Beispiel sind Internetplattformen wie i.materialise aus Belgien, die ähnlich wie Amazon funktionieren, nur dass ihre Produkte alle aus dem 3-D-Drucker stammen. Designer, Erfinder und Ideenreiche können virtuelle Läden eröffnen, in denen die von ihnen entworfenen und von i.materialise ausgedruckten Objekte angeboten werden. Schmuck für Haus und Körper, Schuhe und Korsetts – alles im Angebot.

In der Industrie wird schon lange 3-D-gedruckt. Dort heißt es aber anders

Doch es geht nicht nur um kleine, hübsche Figürchen. Ob in der Medizin, der Nahrungsmittel- oder Textilproduktion – überall wird zurzeit diskutiert, was 3-D-Drucken für die jeweilige Branche bedeutet. Die zahlreichen Fachkongresse und speziellen Symposien zum Thema sind bis zum letzten Platz besetzt. Die größte Dynamik aber ist im Bereich der industriellen Fertigung auszumachen. Die Analysten des Marktforschers Gartner rechnen in den kommenden Jahren alljährlich mit einer Verdoppelung der Zahl der weltweit verkauften 3-D-Drucker auf 2,3 Millionen im Jahr 2018.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 48 vom 20.11.2014.

Tatsächlich ist es fast beunruhigend, wie weit die Industrie mit der Anwendung der neuen Technologie schon ist: In Flugzeugen werden 3-D-gedruckte Teile montiert. Automobilhersteller drucken Werkzeuge für Bandarbeiter aus. Und wenn ein sehr teures Ersatzteil irgendwo auf der Welt kaputtgeht, muss das Tochterunternehmen nicht wochenlang warten, bis die Mutter Ersatz besorgt hat – das Ding wird einfach ausgedruckt.

In der Industrie geht es um komplizierte, teure und sicherheitsrelevante Teile. Airbus stattet den neuen A350 XWB mit Titanträgern und Titanwinkeln aus, die aus einem Printer stammen. Die Visionen des Flugzeugbauers gehen noch viel weiter: gedruckte Kabinen! Die Techniker erträumen sich ein gedrucktes "Skelett" des Flugzeugs, das – Gipfel der Romantik – von einem transparenten Kunststoff überzogen wäre. Bei Nacht flöge man unterm Sternenhimmel.

Die auf Flugzeugtechnik spezialisierte Turiner Firma Avio Aero, eine Tochter des Triebwerkherstellers General Electric (GE), entwickelt bereits Flugzeugmotoren, die in relevantem Umfang aus dem Printer kommen. Ihr Vorteil: Gewichtseinsparung und weniger Abfall. Denn wer aus Metallpulver Objekte aufbaut, hat kaum Verluste. Mutterkonzern GE hat angekündigt, in den nächsten Jahren 100.000 Kraftstoffdüsen für die Boeing 737 vom 3-D-Drucker produzieren zu lassen. Das läuft schon unter "Massenproduktion".