Die Akademie der Wissenschaften wurde 1724 von Peter dem Großen gegründet.

Als sich Wladimir Jewgenjewitsch Fortow schließlich erhebt und rund 50 greise Augenpaare auf den Präsidenten blicken, um eine Antwort zu hören, die sie schon kennen, sind die Hühnchen vergessen. In den zwei Stunden zuvor ging es in der Sitzung des Präsidiums der Russischen Akademie der Wissenschaften um Legebatterien, Brustgewicht, Tröpfchenfütterung und die Geflügelindustrie, die ja gerade zu Zeiten des Westboykotts von ganz besonderer Wichtigkeit sei. Der Direktor des Instituts für Genetik betonte, dass ohne Tröpfchenfütterung und Legebatterien die Versorgung der russischen Bevölkerung mit Hühnerprodukten nicht denkbar sei, sein Kollege vom Institut für Biochemie wies auf die überlebenswichtige Funktion seiner Einrichtung für die Gewinnung von Eiweiß hin, und Oleg Iwanowitsch vom St. Petersburger Institut für Virologie versäumte nicht anzufügen, dass alle Geflügeloptimierung hinfällig sei, wenn sein Institut den Tierchen nicht optimalen Virenschutz biete. Denn wer tot sei, und das betreffe auch die Teilnehmer dieser Sitzung der Akademie, lege keine Eier.

Die Antwort Wladimir Jewgenjewitschs ist natürlich Nein. Die Akademie wird nicht bleiben, wie sie ist und seit Jahrhunderten war. Wenn Präsident Putin im Dezember die Vorschläge zur Reform der Akademie vorgelegt werden, ist alles entschieden: Die rund 500 wissenschaftlichen Institute, aus denen die Akademie besteht, werden zusammengestrichen und fusioniert. Was sich als ineffizient und überflüssig erweist, wird durch die neu geschaffene, von Finanzbeamten gesteuerte Föderale Agentur Wissenschaftlicher Organisationen (Fano) ganz geschlossen.

Seither zielt alle wissenschaftliche Arbeit darauf, die neuen Herren davon zu überzeugen, dass sämtliche Institute der Akademie unersetzlich und keineswegs fusionierbar seien. Und natürlich geht es auch um Posten. Die wenigen, die, meist in fortgeschrittenem Alter, in den kleinen und prestigereichen Kreis der Vollmitglieder der Akademie aufgenommen wurden, nahmen bisher Titel, Funktionen und Zulagen so lange entgegen, bis sie vom Direktorensessel eines Instituts direkt ins Grab fielen. Wie, fragt ein Herr empört, verhalte es sich denn mit der Ankündigung, dass für Institutsdirektoren künftig ein Alterslimit von 70 Jahren gelte? Dann sei der ganze Saal ja entmachtet. Und bewerben müsse man sich in Zukunft für den Direktorenposten? Und sich wählen lassen? Wie man sich das vorstelle!

Zustimmend raunt es durch die Reihen der langen Holztische, an denen die Mitglieder dicht gedrängt vor ihren Teegläsern sitzen. Ihre schmerzvoll verzogenen faltigen Münder sind die letzten Zuckungen einer Institution, die sich seit ihrer Gründung durch Zar Peter den Großen im Jahr 1724 kaum verändert hat.

Russland war damals eine intellektuelle Wüste. Die erste russische Universität öffnete erst 31 Jahre später in Moskau, doch die Universitäten sind bis heute reine Lehranstalten geblieben. Geforscht wird und wurde an der Akademie. Zunächst von Ausländern wie dem Schweizer Mathematiker Leonhard Euler oder den Gebrüdern Bernoulli, die den Weltruf der Akademie begründeten, bis sich schließlich eine russische akademische Tradition formte, die in der UdSSR ihren Höhepunkt erlebte. Die vom Regime massiv geförderte Sowjetische Akademie der Wissenschaften, wie sie damals hieß, katapultierte das Land in der Nuklear-, der Wehr- und Weltraumtechnik binnen kürzester Zeit auf Augenhöhe mit der verfeindeten Supermacht USA, ihre Forscher sammelten dutzendfach Nobelpreise ein, und ein "Akademik" war über alle Standes-, Bildungs- und ideologischen Schranken hinweg grenzenloser Bewunderung ausgesetzt. So unantastbar war die Akademie, dass es der politischen Führung lange Zeit nicht gelang, den zum Dissidenten mutierten Atomphysiker Andrej Sacharow zum Schweigen zu bringen, weil sich seine Akademiekollegen schon aus Prinzip geschlossen vor ihn stellten.

Bis heute ist die Akademie die mit Abstand größte Forschungsorganisation der Welt, mit über 50.000 wissenschaftlichen Angestellten und der zweitgrößten Bibliothek der Erde. Zwar gab und gibt es noch immer einen schmerzvollen Aderlass der besten Köpfe ins Ausland, und die Nobelpreise sind rar geworden, aber die Akademie hat die meisten Krisen und die wechselnden Ideologien mehr oder weniger gut verkraftet, von Zarismus über den strengen Marxismus, den Stalinismus und sanften Marxismus bis zum entfesselten Kapitalismus. Abdusalam Guseinow nennt dieses Phänomen "russischen Wandel". Es bedeute, dass sich nominell alles ändert, faktisch aber alles beim Alten bleibt. Die neue Ideologie indes heißt Effizienz. Sie ist nicht getrieben von einem maximalen wissenschaftlichen Ergebnis, sondern einem minimalen ökonomischen Aufwand. Ob sie so folgenlos bleibt wie ihre historischen Vorgänger, darf bezweifelt werden.