Es gibt einen Mann, der bei Alexander Gauland anruft, wenn der es mal wieder übertrieben hat. "Sie gehen zu weit", sagt er dann. Vor einigen Wochen zum Beispiel: Die Landtagswahl in Brandenburg stand kurz bevor; und Gauland, Spitzenkandidat der AfD, zürnte über ein Asylbewerberheim, das heimlich in der kleinen Stadt Doberlug-Kirchhain geplant werde. Er sprach von einem "Ghetto", das dort entstehe.

Der Mann, der hin und wieder bei Alexander Gauland anruft, heißt Manfred Stolpe. Er war bereits zum SPD-Ministerpräsidenten in Brandenburg aufgestiegen, als Gauland 1991 Herausgeber der größten Regionalzeitung in dem Land wurde, der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) . "Damals hatte ich das Gefühl", sagt Stolpe nun, "wir beide haben die gleiche Wellenlänge. Wir wollten den Menschen einen neuen Heimatstolz vermitteln. Ich habe Gauland als gestandenen Konservativen erlebt, immer berechenbar. Man konnte sich auf sein Wort verlassen."

Inzwischen ist vieles anders geworden. Es ist, als habe für Gauland nun, im Alter von 73 Jahren, ein neues Leben begonnen. Man misstraut ihm jetzt. Sogar wohlgesonnene Wegbegleiter sagen, er habe sich vom Publizisten zum Populisten gewandelt.

Gauland war einer der angesehensten Intellektuellen der Republik nicht nur aus Sicht der CDU, der er 40 Jahre lang angehörte. Selbst die linke taz schwärmte, er sei "ein kluger Konservativer, noch dazu diskursfähig – eine in Deutschland nicht allzu häufige Kombination". Nun wird auf Podiumsdiskussionen in Potsdam die Frage erörtert, ob Gaulands AfD eine Gefahr für die Demokratie sei. Viele von Gaulands ehemaligen Mitarbeitern bei der MAZ reagierten fassungslos, als sie 2013 hörten, in welche Partei ihr früherer Grandseigneur eingetreten ist. Selbst Gaulands Lebensgefährtin, die für die MAZ arbeitet, kam zwischenzeitlich ins Gerede, als bekannt wurde, dass sie – die zuletzt auch über brandenburgische Landespolitik geschrieben hat – nach Feierabend Mails für den Politiker Gauland beantwortet.

Gauland erlebt derzeit, wie er aus der bürgerlichen Elite Brandenburgs nach und nach ausgeschlossen wird. Ein Literatur-Salon, in dem er bislang festes Mitglied war, wurde seinetwegen abgesagt. Über Jahre hinweg hatte Gauland gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Klaus Ness vor Publikum über Bücher diskutiert. Damit ist es nun vorbei. Kürzlich lud Ness ihn zum Essen ein. Es gebe etwas zu besprechen: Der Salon könne nicht mehr stattfinden.

Statt als Freigeist gilt Gauland nun vor allem als geistiger Kopf einer rechtspopulistischen Partei.

Ein Treffen mit ihm bei seinem Lieblingsitaliener im Potsdamer Villenviertel. Dort, wo Wolfgang Joop, Günther Jauch oder auch Kai Diekmann leben. Und Gauland ebenso. Er trägt eines der Tweedsakkos, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Seine Stimme klingt ein bisschen heiser. Das sei schon seit dem Wahlkampf so, sagt Gauland. Er habe sich nicht recht erholen können in den vergangenen Wochen. Frage an ihn: Wie geht es ihm damit, nun ausgeschlossen zu werden – selbst aus einem Literatur-Salon? "Ich finde das natürlich traurig, aber ich verstehe es auch. Politik ist manchmal grausam", sagt Gauland. "Da können Sie sich mit Menschen einer Partei wie der AfD nicht mehr so oft öffentlich sehen lassen."

Warum riskiert er sein früher weitgehend tadelloses Image? Wieso hat er seine Potsdamer Komfortzone verlassen und sich freiwillig zum Außenseiter gemacht? Weshalb geht er dieses Wagnis ein und strebt eine zweite politische Karriere an?

Die erste hatte Gauland längst hinter sich, tief im Westen: Chef der Hessischen Staatskanzlei von 1987 bis 1991. Er war ein gefragter Talkshow-Gast, schrieb Bücher mit Titeln wie Anleitung zum Konservativsein . Gauland engagierte sich im Berliner Kreis, der seit Jahren versucht, die CDU wieder konservativer zu machen. Aber das alles reichte Gauland nicht: "Mir ist der gesellschaftliche Mainstream zu links geworden", sagt er. "Mir ist auch die CDU zu links. Sie kümmert sich um Minderheiten und vergisst dabei die Mehrheit. Sie stößt diejenigen vor den Kopf, die nicht ununterbrochen über Gender Mainstreaming, Homosexuellenrechte und Inklusion nachdenken wollen." Gauland sagt das vorwurfsvoll, mit einer Hättet-ihr-mal-Attitüde: Hättet ihr mal uns Konservativen nicht permanent demonstriert, dass wir aus der Zeit gefallen sind! "Ich will den bislang Ausgestoßenen eine Stimme geben", sagt Gauland. "Auch wenn ich dann nicht mehr zum erlauchten Kreis der Elite gehöre. Mir ist das egal, ich bin zu alt, um noch dazugehören zu wollen."

Bernd Lucke hat die AfD vor allem deshalb gegründet, weil er mit der deutschen Euro-Politik nicht einverstanden ist. Gauland hat kein solches einzelnes Herzensthema. Er hat Allgemeineres, Größeres im Sinn: Er möchte die politischen Koordinaten dieses Landes verschieben. Er wünscht sich ein Land, in dem die jungen Männer noch Schlips tragen und wie selbstverständlich zur Bundeswehr gehen. Diejenigen, die ihm wohlgesonnen sind, sagen, dass Gauland die Meinungen anderer gelten lassen könne. Er sei kein Rechthaber, wolle seine Wähler nicht belehren. Er sieht sich als deren Interessenvertretung.

Und das hat Folgen. Gauland ist sich nicht zu schade, in der Diskussion um Asylbewerber populistisch von hotelähnlicher Unterbringung zu sprechen. Gleichzeitig wendet er sich einem anderen Milieu zu, von dem er sich vorher fernhielt: Unverhohlen warb er um die Anhänger der Linken. In einem offenen Brief an die Linken-Wähler lobte er deren Frontfrau Sahra Wagenknecht dafür, dass sie die Gefahren des Euro erkannt habe. Er erinnerte daran, dass einst auch viele Linke als Extremisten abgestempelt worden seien. Wegen dieses Briefes erhielt Gauland eine wütende Mail von Hans-Olaf Henkel, dem Vizechef seiner Partei. "Henkel dachte, ich sei völlig verrückt geworden", erzählt Gauland. "Er sah einen ideologischen Verrat darin, die Linken zu umschmeicheln, ich aber sagte nur zu ihm: Dann lassen Sie uns mal sehen!" Der Linken konnte die AfD bei der Landtagswahl so viele Wähler abtrotzen wie keiner anderen Partei: etwa 20.000.

Gaulands Wahlkampagne war selbst innerhalb der Bundes-AfD umstritten, aber am Ende holte er 12,2 Prozent der Stimmen – ein Rekordergebnis. So gesehen ist Gauland der bislang erfolgreichste AfD-Politiker. "Das ist der schönste Tag meines Lebens", sagte er am Wahlabend vor seinen Parteifreunden in Potsdam.

Gauland kennt die Befindlichkeiten der Ostdeutschen ähnlich gut wie die Machtmechanismen der alten Bundesrepublik. Wahrscheinlich ist es diese Mischung, die ihn in Brandenburg zu einem so erfolgreichen Populisten macht. Geboren wurde er in Chemnitz. Weil er nicht studieren durfte, verließ er die DDR noch vor dem Mauerbau. Gauland wurde Jurist und arbeitete sich in Hessen hoch. Als Chef der Staatskanzlei sei er mit allen Tricks der Macht vertraut gewesen, sagt einer, der ihn seit damals kennt. Man kann das auch nachlesen – in einem Roman von Martin Walser. In Finks Krieg beschreibt der den Kampf eines redlichen Regierungsbeamten gegen einen unbarmherzigen Staatssekretär namens Tronkenburg. "Herr Tronkenburg war aber aus der DDR zu uns gekommen. Ein Sachse ohne Akzent", heißt es da. Und: "Der merkte nur, was ihm guttat. Er war ein Sieger." Das Buch beruhte auf einer wahren Begebenheit. In der FAZ erklärte Gauland: "Ich war Tronkenburg."

1991 verlor seine CDU die Macht in Hessen. Wenig später machte ihm die FAZ ein Angebot. Sie hatte eine Zeitung im Osten gekauft, da fehle es an Führungspersonal. So kam er an seinen Posten als Herausgeber der MAZ . Dort trat Gauland liberal auf. Er hatte etwa nichts dagegen, polemische Leserbriefe abzudrucken, die andere für grenzwertig hielten. Er fand es schon damals ungehörig, die Meinungen anderer abzukanzeln. Jene Leserbriefe halfen ihm sogar, die Ostdeutschen zu verstehen: Viele PDS/Linke-Anhänger schrieben an die Redaktion. Gauland merkte, dass diese Menschen offenbar etwas Ähnliches wollten wie er: Sie sehnten sich danach, dass die Welt wieder ein bisschen so würde, wie sie früher gewesen war. Er staunte auch darüber, wie viele Ostdeutsche über Russland denken. "Obwohl die von den Russen unterdrückt wurden, fühlen sie sich denen noch verbunden. Sie sagen: War doch schön, als früher der Kosakenchor auftrat."

Daraus hat Gauland gelernt. Er ahnte früh, dass seine Sicht auf Russland im Osten genügend Zustimmung findet. Inzwischen bestimmt er den außenpolitischen Kurs seiner Partei wesentlich mit. Er fordert einen freundlicheren Umgang mit Wladimir Putin. Er kritisiert, dass Deutschland allein von Amerika abhängig sei. Wenn er über Bündnispolitik redet, wie er sie gern hätte, dann klingt das sehr nach Bismarcks Zeiten.

Nun zieht Gauland in zwei Schlachten, beide innerhalb seiner Partei: Er versucht erstens, die AfD als politische Kraft rechts der CDU zu etablieren. Aber dafür muss er zweitens die ganz Rechten loswerden. Gauland ist der Grenzgänger, der Borderliner in der AfD. Er will den Frustrierten Freiheit gewähren. Aber nur solange sie sich an seine wenigen Regeln strikt halten, werden sie von ihm beschützt. Er wirkt wie ein strenger Vater, der seine bisweilen verhaltensauffälligen Kinder aufs Gymnasium bringt. Gauland sagt: "Die meiste Arbeit macht mir neuerdings, dass ich ununterbrochen Menschen aus meiner Partei einbinden muss, die das gar nicht gewöhnt sind und die Schwierigkeiten mit Kompromissen haben."

Vor Kurzem hat Gauland einen Kreisvorsitzenden abserviert. Der sollte eigentlich Mitglied des Landtags werden. Aber dann stellte sich heraus, dass der Mann bei Facebook eine antisemitische Karikatur geteilt hatte, die den jüdischen Banker Jacob Rothschild als geldgierigen Widerling darstellt. "Wir können uns solchen Schwachsinn nicht leisten", sagt Gauland. "So viel Dummheit geht auf keine Kuhhaut. Manche Mitglieder begreifen einfach nicht, dass wir eine klare rote Linie am rechten Rand ziehen müssen. Wir müssen Neonazis klar ausgrenzen."

Man kann Gauland auch fragen, warum Steffen Königer noch Mitglied seiner Landtagsfraktion bleiben darf. Der hat in einem Text für die rechtskonservative Zeitung Junge Freiheit einmal geschrieben: "Hitler hier, Befreiung dort, Holocaust überall." Er kritisierte das Fernsehprogramm am 8. Mai, dem Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Zitat geistert seit Wochen durch die Medien, aber Gauland behauptet jetzt, er habe noch nie davon gehört.

Mit den Rechtsextremen wolle Gauland, so sagt er es, nichts zu tun haben. Aber mit allen anderen will er gnädig sein. Zum Beispiel mit den vielen Verschwörungstheoretikern, die seine Partei wie magnetisch anzieht. Manche von denen sind überzeugt, dass Deutschland kein Land sei, sondern eine Aktiengesellschaft. Andere glauben, dass Geheimverträge mit den USA existierten, die Deutschland jegliche Souveränität raubten. Gauland will diese Leute reden lassen, Parteichef Bernd Lucke nicht. "Lucke ist besorgt über die vielen Verschwörungstheoretiker in der Partei", erzählt Gauland. "Der möchte die am liebsten alle loswerden, aber ich sage ihm: Wir kriegen die Leute nicht los. Die sind nämlich nicht parteischädigend im Sinne der Statuten, die sind allenfalls dumm." Auch mit den Abgeordneten seiner zehnköpfigen Fraktion geht Gauland außerordentlich geduldig um. Darunter seien Leute, sagt ein führender Brandenburger Politiker, mit denen man nicht einmal auf einer Straßenseite gesehen werden wolle. Zwei von ihnen haben in der umstrittenen Anti-Islam-Partei Die Freiheit ganz oben mitgemischt, ein anderer hat der Rechtsaußen-Partei Pro Deutschland angehört. Gauland hat gegenüber diesen Leuten keine Berührungsängste. Ausgerechnet seinem bislang engsten Mitarbeiter ging das zu weit. Der versuchte hinterrücks, Stimmung zu machen gegen die extrem Rechten in der Fraktion.

Dieser enge Mitarbeiter heißt Stefan Hein, ist 30 alt – und Gaulands Stiefsohn. Er war einer der wichtigsten AfD-Mitstreiter im Brandenburger Wahlkampf. Hein wurde über die Liste in den Landtag gewählt. Aber dort sitzt er nicht im zweiten Stock, wo die AfD-Fraktion untergebracht ist, sondern im vierten: in einem kleinen Büro unterm Dach, gleich neben der Kantine. "Hierhin haben sie mich nun abgeschoben", sagt der fraktionslose Abgeordnete.

Das kam so: Hein hatte sich vor einer Journalistin über einige seiner Parteikollegen beschwert, es ging auch um deren rechtslastige Vergangenheit. Er wollte die Debatte führen, ob Mitglieder, die früher einmal in mutmaßlich rechtsextremen Vereinigungen waren, bei der AfD mitmachen dürften. "Die Frage ist immer", sagt Hein, "was steht am Ende? Und am Ende sollte bitte keine neue rechte Partei in Deutschland stehen. Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren." Also versuchte er, bestimmte Parteikollegen über die Presse ins Gerede zu bringen. Der Versuch ging nach hinten los. Denn in der Zeitung stand dann, dass Alexander Gauland persönlich plane, missliebige Abgeordnete loszuwerden. Aber der dementierte sofort. Und drängte seinen Stiefsohn zum Rückzug aus der Fraktion. Gauland sagt dazu: "Einer von uns beiden musste gehen: Stefan oder ich. Alles andere hätte mir die Partei nicht durchgehen lassen." Er ist kompromisslos, sobald es um sein eigenes Überleben in der Partei geht. Dies ist seine letzte Chance auf eine zweite Polit-Karriere – und er will sie sich nicht nehmen lassen.

Selbst den AfD-Gründungsvater Bernd Lucke versucht Gauland hin und wieder auszubremsen. Er kritisiert dessen Vorhaben, seine Macht in der AfD auszubauen: "Der Versuch, einen einzelnen starken Vorsitzenden zu installieren, erinnert mich an Frau Merkel." Gauland sagt auch, dass er Bernd Lucke sehr schätze. Dieser halte alles zusammen, aber er habe eine große Schwäche: "Lucke ist ein Kontrollfreak. Er will alles kontrollieren, auch im kleinsten Landesverband."

Dabei ist Gauland selbst einer, der gern die Kontrolle behält. Bis heute ist das Verhältnis zwischen ihm und seinem Stiefsohn getrübt von dem Eklat. Wenn der Abgeordnete Stefan Hein ein dienstliches Anliegen an Alexander Gauland hat, kann er ihn nicht einfach in dessen Büro aufsuchen. Nein, dies ist der neue Dienstweg: Er wendet sich an Gaulands Pressesprecher.