ZEIT: Was wurmt Sie am meisten?

Zumthor: Meine Frau und ich hatten den Traum, dass man in Vals eine nachhaltige Form des Tourismus gestalten kann, die mit den sozialen und kulturhistorischen Gegebenheiten des Ortes arbeitet. Wir haben mehr als zehn Jahre dafür gearbeitet und waren damit auch gut unterwegs. Hotel und Thermalbad erwirtschafteten von Jahr zu Jahr bessere Erträge. Es gab mehr und mehr zufriedene Gäste, die Freude hatten an einer besonderen, nicht überkandidelten Hotelkultur. Dass es einem einzigen Einheimischen gelang, diesen erfolgreichen Betrieb dem Dorf wegzunehmen und diesen selbst zu führen, sprich, das Dorf dazu zu bringen, darauf zu verzichten, macht mich traurig. Und was von den neuen Plänen des neuen Eigentümers und Managers an die Öffentlichkeit dringt, kommt mir absurd vor.

ZEIT: Jetzt baut in Vals ein anderer Großer Ihrer Zunft, Tadao Ando. Was halten Sie von dem Projekt?

Zumthor: Der plant. Er baut nicht.

ZEIT: Es heißt, Ando sei noch gar nie in Vals gewesen sei.

Zumthor: Ja, so ist es.

ZEIT: Macht das Ihren Ärger noch größer?

Zumthor: Nein. Das ist eine typische Situation. Viele berühmte Architekten machen für Geld Projekte für irgendetwas, bei dem es nur darum geht, ein Bild zu produzieren. Es geht meines Erachtens in Vals nur um Namen, Inhalte kann ich keine erkennen.

ZEIT: Hat man da nicht den Reflex, dem Kollegen in Japan eine Mail oder einen Brief zu schreiben?

Zumthor: Das mache ich sicher nicht. Ich besitze Briefe von Ando, in denen er mir freundschaftlich schreibt und seine hohe Achtung für meine Arbeit zum Ausdruck bringt. Er hat mir auch einen Stempel geschickt, mit einem Porträt von mir. Seine frühen Arbeiten achte ich sehr. Dass er in Vals eine Arbeit abliefert, ohne je dort gewesen zu sein, enttäuscht mich ausserordentlich.

ZEIT: Das ärgert Sie offensichtlich viel mehr, als wenn irgendwo ein anonymer Investor eine grüne Wiese mit anonymen Blocksiedlungen überbaut.

Zumthor: Das ärgert mich vor dem Hintergrund der Valser Folie. Das war ja bis anhin ein superschönes, superschweizerisches Projekt. Man hat eine Klientel aufgebaut, man hat Erfolg, es ist nicht überkandidelt. Es war etwas Wunderbares, wie ein Traum. Wir wollten ihn schrittweise ausbauen und verbessern. Dass das nicht mehr möglich ist, ärgert mich.

ZEIT: Zum Hotelwettbewerb wurden Sie aber noch einmal eingeladen.

Zumthor: Ja, das stimmt. Mich zu einem Wettbewerb einzuladen, nach alldem, was ich für Vals getan habe, empfand ich als Spitze.

ZEIT: Sie arbeiten nun seit über dreißig Jahren in Ihrem Beruf, in welche Richtungen hat sich die Architektur entwickelt?

Zumthor: Wenn sich die Frage auf meinen persönlichen Weg bezieht und auf die Ausstrahlung meiner Arbeit, so gibt es positive Rückmeldungen: Qualität stirbt eben nicht so schnell aus. Was mich bedrückt, ist, dass diese Art von Qualität exklusiv wird, dass sie sich nur noch reiche Leute leisten können.

ZEIT: Sie haben Ihre Bauten schon als "Nadelstiche des Akupunkteurs" beschrieben.

Zumthor: Das ist eine Reaktion auf die Bedeutungslosigkeit des Architekten im Bauprozess. Der Architekt ist ähnlich bedeutend wie der Sanitärinstallateur. In den meisten Fällen braucht man Architektur, damit eine Immobilie etwas hermacht, wenn es um den Verkauf geht. Doch das hat nichts mit Architektur zu tun, sondern mit Geldverdienen. Wenn mich Architekturstudenten fragen: "Was können wir bewirken?" Dann sage ich: "Nichts." Das ist frustrierend, aber es ist der Preis unseres demokratisch-kapitalistischen Systems. Der Architekt sucht die Nähe zum Geld. Nur mit Geld kann man bauen. Und wenn man das nicht macht, kommt man nicht zu großen, bedeutenden Bauaufgaben. Aber ein einzelnes Haus, richtig gestellt, das bewirkt sehr viel. Deshalb das Bild vom Nadelstich.

ZEIT: Ist somit die zersiedelte Landschaft, in der wir im Schweizer Mittelland leben, der Preis, den wir für unser demokratisches System bezahlen?

Zumthor: Absolut. Jeder darf hier bauen, wie er will. Und darum sieht es hier so aus. Obwohl, ich stelle immer wieder fest, dass es in der Schweiz auch Landschaften gibt, die nicht überbaut wurden. Wunderbar, sage ich mir dann, wir sind also doch schon so weit, dass Demokratie manchmal auch zu qualitativ guten Resultaten führt. Gefragt ist Qualität, die auch Abstimmungen übersteht. Man kann den Bürgern ja nichts unterjubeln, man muss den Stammtisch überzeugen. Das ist hart, aber wahr.