Oft entscheidet eine spontane Regung darüber, auf welcher Seite wir stehen. Mancher wurde im "Dritten Reich" aus einer bloßen Gelegenheit heraus zum Retter. Umgekehrt verwandelten sich liebende Familienväter in Massenmörder, wenn sie erst einmal mitgeschossen hatten an der Exekutionsgrube. Es waren ganz normale Männer und Frauen, die das eine taten oder das andere, die mutig waren oder feige, die Widerstand leisteten oder Gefolgschaft. Dieses Buch erzählt von der Grauzone dazwischen, in der Millionen Deutsche während der NS-Zeit lebten. So wie Irmina, die Heldin der Erzählung, die alles andere ist als eine Heldin. Am Ende werden wir sie verstehen.

Die Autorin und Zeichnerin Barbara Yelin, 2010 für ihren historischen Comicroman Gift hoch gelobt, hat ihre Titelfigur der eigenen Großmutter nachempfunden. Sie habe sich ein paar Freiheiten genommen, schreibt sie, aber es ist eine wahre Geschichte. Die ganz und gar ungewöhnliche Lebensgeschichte einer ganz und gar gewöhnlichen Deutschen, die beides in sich trug – die Möglichkeit zum Aufbegehren wie die zur Anpassung.

Mit einem skizzenhaften, tastenden Strich erweckt Barbara Yelin ihre Irmina zum Leben, nicht im Stil der objektivierenden ligne claire mit harten Konturen und klar geschiedenen Flächen. Grau in allen Schattierungen ist die dominierende Farbe. Yelins Bilder haben dadurch etwas Offenes und wirken so aufgewühlt wie das dunkle Wasser des Ärmelkanals, den Irmina zu Anfang der Erzählung in Richtung London überquert. Es ist das Jahr 1934.

Wir begegnen ihr als einer durchaus selbstbewussten, ernsten, aber vollkommen unpolitischen Person. Irmina strebt nach Unabhängigkeit, lernt Englisch und besucht eine Sekretärinnenschule. Ein deutscher Backfisch, 19 Jahre alt, in der Hauptstadt des Empire. Ungelenk bewegt sie sich in der Londoner Gesellschaft, in die eine Freundin sie einzuführen versucht. Die Naziwitze, die man in ihrer Gegenwart reißt, erfüllen sie mit Scham und Wut. Doch dann nimmt ihr Leben eine Wendung: Sie lernt auf einer Party den strebsamen Studenten Howard kennen. Dass sie ihn wegen seiner Hautfarbe zuerst für den Barkeeper hält, schlägt ihn nicht in die Flucht – das ist er gewohnt. Die beiden werden ein Paar. Was für ein hoffnungsvoller Beginn!

Irmina kommt bald bei einer wohlhabenden älteren Dame unter, die Emigranten aus Nazi-Deutschland beherbergt. Die Frau fasst Sympathie für Irmina, erblickt in ihr, was sie sein könnte: eine, die nicht einverstanden ist, eine, für die England das rettende Exil wäre, weil sie gegen die Diktatur in ihrer Heimat aufbegehrt. Und tatsächlich begehrt Irmina auf – gegen den Rassismus, der ihr in England begegnet und sich gegen ihren Freund richtet. Wütend stellt sie sich vor ihn, als er im Kino den Platz räumen soll, weil er die "falsche" Hautfarbe hat. Er wird sie zeitlebens als eine Heldin in Erinnerung behalten.

Etliche Jahre später sehen wir Irmina in Berlin. Sie hat ihren Sohn an der Hand, zieht ihn eilig an einer Zwangsversteigerung am Straßenrand vorbei. "Mutter, was machen die Leute da?" – "Da sind welche ausgezogen. Jetzt werden ihre Möbel versteigert." – "Warum haben sie die Sachen nicht mitgenommen?" – "Weil es Juden waren." Sie zerrt den Kleinen weiter. "Mutter, was sind Juden?" – "Lass die Fragerei, wir müssen zum Bäcker." Dort reicht die Schlange der Wartenden bis auf die Straße. Es ist März 1942. Der Junge: "Aber Mutter, was SIND Juden?" – "Unser Unglück! Die Juden sind unser Unglück! Verstanden?! Und jetzt gib RUH!"

Der Junge fängt an zu weinen. Er ist blond und hellhäutig. Howard ist aus Irminas Leben verschwunden, viele Jahre zuvor schon, Irmina ist mit einem jungen Architekten verheiratet, Gregor, einem glühenden Nazi, schneidig, SS, hochtrabende Pläne, redenschwingend – "Volksgemeinschaft!", "Opfer bringen!", "Klarheit! Reinheit!" –, immer hoffend auf den großen Auftrag, den nicht Speer, sondern endlich er bekommt. Ach, Irmina.

Barbara Yelins Buch ist auf stille Weise erbarmungslos und doch frei von Anklage. Es ist einfühlend, aber nie von falscher Versöhnlichkeit. Yelin zeigt uns Irminas Schwächen, ihre Naivität, ihren Wunsch, gesellschaftlich aufzusteigen, der sie zur Komplizin des Falschen macht. In der Pogromnacht des 9. November blicken wir mit ihr hinterm Vorhang hervor auf die Straße. Motorengeräusch: "WRRRRRR", Scheinwerferkegel, berstende Scheiben: "klirr klirr", Herrenmenschenstimmen: "Los, beweg dich!" – "Gregor?" Sie blickt aufs Bett. Die Hälfte, auf der vor wenigen Stunden noch ihr Mann lag, ist leer. So, denkt man, funktionierte das also. Am nächsten Tag fällt kein Wort. Irmina will einkaufen gehen. Nicht zum Kaufhaus Frank, denn das hat ja jetzt zu. Rauchschwaden ziehen durchs Bild.

In solchen Szenen zeigt sich Barbara Yelins Kunst, in diesen gleichsam aus den hinteren Rängen der Zeitzeugenschaft erzählten Momenten, die vorführen, wie Millionen Deutsche ihren Alltag fortsetzten, während vor ihrer Haustür denunziert, enteignet und gemordet wurde. Trotzdem bleibt uns Irmina nah, auch wenn es schwer zu ertragen ist; wir folgen ihr bis zur letzten überraschenden Wendung dieser raffiniert erzählten und gezeichneten Geschichte.

Barbara Yelin wurde 1977 geboren. Sie hat genug biografische Distanz, um nüchtern zurückzublicken, und genug Nähe, um jenen sensiblen, stummen Dialog mit den hinterlassenen Briefen ihrer Großmutter zu führen, aus dem dieses Buch entstanden ist. Es lädt dazu ein, in den Dialog mit einzutreten, ganz gleich, welcher Generation man angehört. Irminas Geschichte ist die Geschichte unserer Urgroßeltern, Großeltern, Eltern. Viel ist über deren "Verstrickung" in den Nationalsozialismus geschrieben worden. Selten gelingt es so überzeugend wie hier, diese blasse Vokabel mit Leben zu füllen.