Ein fragwürdiges System soll den Studienfortschritt an den Universitäten in Europa messen.

Der Mechanismus ist geläufig: Man projiziert in die Vergangenheit einen Idealzustand, der dann anzustreben oder wenigstens als verloren zu beklagen ist. Der Diskurs über die Hohen Schulen findet sein Ideal in Humboldt. Dessen "Einsamkeit und Freiheit", "Bildung durch Wissenschaft" und andere seiner oder ihm zugeschriebener Programmworte werden beschworen und dem lamentablen Heute gegenübergestellt.

Man ortet eine Krise der Universitäten im globalisierten Wettbewerb mit seiner Vermessungs- und Vergleichungswut, mit der je nach Standpunkt dräuenden oder dringlichen Vollakademisierung und mit den daraus folgenden Studentenmassen, deren mangelnde Studierfähigkeit und ausschließlich berufliche Zurichtung, die mit diesem Zustrom und anderen Anforderungen nicht Schritt haltenden Finanzierung.

In Krisen tritt ein anderer geläufiger Mechanismus hinzu, der des Sündenbocks, mit dessen Vertreibung aus dem Gemeinwesen archaische Welten seine Heilung bewirkten.

Die schrecklichen Folgen dieser Denkform bis in jüngste Zeit erschweren ihre Anwendung auf Banaleres, gleichwohl drängt es sich auf, sie auch im Umgang mit dem Bologna-Prozess am Werk zu sehen.

Zum einen treffen ihn manche Vorwürfe zu Unrecht. Wenn man etwa, wie üblich, einem seiner Hauptziele, nämlich der Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen, das Ideal eines primär auf grundlegende Bildung und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn ausgerichteten Studiums entgegenhält, übersieht man nicht nur eine Hauptfunktion tertiärer Bildung und die weit verbreitete Interessenlage ihrer so zahlreich gewordenen Adepten, auch das Ideal selbst war (wie bei Idealen unausweichlich) nie Realität. Zu allen Zeiten haben die "höheren" Fakultäten Theologie, Medizin und Jura auf Berufe hin ausgebildet, und auch die durch Kant und andere zur philosophischen geadelte Artistenfakultät graduierte bis weit ins 20. Jahrhundert hauptsächlich Lehrer und Ingenieure.

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Zum anderen ist Bologna nicht immer schuld, etwa nicht an dem bei uns so viel geschmähten dreijährigen Bachelorstudium. Bologna schrieb weder Titel noch Dauer vor, sondern lediglich ein zweistufiges Studium, und erst 2005 wurden auf einer der Folgekonferenzen in Bergen drei Zyklen und ein grober Zeitrahmen empfohlen. Dass bei uns ein so enges Korsett geschnürt wurde, wird meist irgendwelchen ökonomistischen Finsterlingen zugeschrieben.

Von einer Schuld allerdings kann ich Bologna nicht freisprechen, und auch wenn diese Schuld scheinbar nicht das Zentrum, sondern nur die Peripherie des ganzen Unternehmens trifft, finde ich sie schwerwiegend und folgenreich, und vor allem ist es mir ein Rätsel, wie die inzwischen fast fünfzig Teilnehmer des Prozesses sie so willig und ohne Murren mittragen. Wenn ich sie nur scheinbar an die Peripherie setze, dann weil sie in der Struktur randständig wirkt, tatsächlich aber diese insgesamt kontaminiert.

Es geht um das European Credit Transfer System (ECTS), das Studienleistungen international vergleichbar machen und studentische Mobilität fördern soll. Mithilfe dieses Systems erhalten Studenten eine Anzahl von Punkten für das Absolvieren von Lehrveranstaltungen, das Abfassen von wissenschaftlichen Arbeiten oder andere Studienleistungen. Für ein Semester sind 30 Punkte angesetzt, womit ein sechssemestriges Bachelorstudium mit 180 Punkten versehen ist. Wofür erhält, womit verdient man sich diese Punkte? Man erhält sie für die Arbeitsstunden, die man für eine bestimmte Leistung investiert. In Österreich benötigt man für einen Punkt 25 Stunden, in Deutschland 30. Vielleicht ist der ungleiche Punktelohn, der sich in einem Semester bereits mit 150 Stunden Mehrarbeit für die Deutschen niederschlägt und im Verlaufe eines kurzen Bachelorstudiums gar mit 900 Stunden, einfach nur zur Stärkung der Stereotype des gemütlichen Österreichers und des malochenden Deutschen fixiert worden. Ein erster Anschein des Unsinns, besser: Wahnsinns, dem da ganz Europa anheimfällt, wird damit schon sichtbar, es kommt aber noch viel schlimmer.

Diese Punkte stellen nämlich die Währung dar, durch die man inzwischen nicht nur das ganze Studienprogramm bis in seine feinsten Verästelungen hinein mit einem fragwürdigen Wert versieht, sondern auch, vor allem bei dem ja so gewünschten Ortswechsel, den erreichten Studienfortschritt bemisst. Gemessen und bewertet wird also nicht der Fortschritt im Wissen und Können und in der Durchdringung eines Faches, sondern wie viele Stunden man dabei zugebracht hat. Nun ist es beinahe überflüssig, zu sagen, dass für die Übersetzung einer Rede Ciceros, eine Blinddarmoperation oder die Konstruktion einer stabilen Brücke jeweils nur der eingetretene Erfolg, niemals aber die aufgewendete Zeit relevant sein kann. Wäre sie es, könnten die Übersetzung unlesbar, die Operation letal und die Brücke brüchig sein.

Die Währung ist aber nicht nur fragwürdig und nichtssagend, sie gefährdet das ganze System – auch insofern ist die monetäre Metapher durchaus stimmig. Schon durch ihre schlichte, eben erwiesene Untauglichkeit, Studienfortschritte darzustellen, fördert sie Mobilität gerade nicht, sondern behindert sie, weil sie jegliche Aussagekraft darüber, was man hier wissen will, untergräbt. Die daraus resultierenden negativen Effekte sehen wir inzwischen sogar schon bei Ortswechselversuchen im Inland.