DIE ZEIT: Nicht Gold oder Erdöl, sondern Bildung gilt als Rohstoff der Zukunft. Geht Österreich gut mit dieser Ressource um?

Roland Grabner: Ich denke, es gibt immer Optimierungspotenzial. Aber mir ist aufgefallen, dass es gerade beim Thema Begabungsförderung viele Institutionen gibt, die sich um das Thema kümmern – wie das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung. Es ist teilweise mehr Infrastruktur da als in Deutschland.

ZEIT: Gehen dem Land trotzdem Talente verloren?

Grabner: Es wird sicher ein gewisses Potenzial verschenkt und zu wenig gefördert, das ja.

ZEIT: Wie viele Menschen besitzen denn überhaupt eine besondere Begabung?

Grabner: Wenn man von der rein kognitiven Begabung, also der Intelligenz spricht, so ist diese normal verteilt, und die meisten befinden sich im mittleren Bereich. Die klassische Definition für Hochbegabung wäre ein IQ, der höher als 130 ist. Demnach sind zwei bis drei Prozent der Bevölkerung hochbegabt. Es gibt aber auch andere Facetten der Begabung, wie musikalische, künstlerische oder kreative Begabung. Nur sind diese nicht so gut messbar.

ZEIT: Als Grundlage für Intelligenz gilt die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Kommen manche also als Ferrari und andere als Trabi zur Welt?

Grabner: Jein. Aktuell ist die Befundlage so, dass intelligentere Menschen mehr graue Substanz haben, also mehr Neuronen und neuronale Verbindungen, und bessere Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen. Das äußert sich auch darin, dass die Gehirne effizienter funktionieren und weniger Energie verbrauchen. Ob man das mit einem Ferrari vergleichen will? Der verbraucht sicher mehr Energie als ein Trabi.

ZEIT: Aber die Startchancen, wenn man den Schlüssel umdreht, sind andere.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Österreich-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Grabner: Genau, da gibt’s einen starken genetischen Einfluss.

ZEIT: Was jetzt nicht heißt, dass ein Intelligenzbolzen zum Beispiel gleich ein guter Schachspieler ist.

Grabner: Nein, die dazu nötige Expertise muss erst erworben werden. Durch intensives Training, durch den Erwerb einer umfangreichen Wissensbasis. Und in manchen Bereichen kann Wissen oder Training durchaus die Intelligenz schlagen. Wenn man an akademische Bereiche denkt, ist es aber eher unwahrscheinlich, dass jemand den Nobelpreis für Physik bekommt, der einen durchschnittlichen IQ hat.

ZEIT: Führt das gegliederte Schulsystem dazu, dass die Begabten im Gymnasium landen und die weniger Begabten in anderen Schulen?

Grabner: Ich würde nicht sagen, dass das so trennscharf ist. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass sich die Verteilungen der Intelligenz in Gymnasien und Hauptschulen stark überlappen. Man hat sowohl im Gymnasium Personen sitzen, die von der Intelligenz her fürs Gymnasium weniger geeignet wären, als auch in der Hauptschule sehr viele, die das Zeug dazu hätten, in eine wirklich anspruchsvolle Lernumgebung zu gehen.

ZEIT: Was aber dazukommt, ist, dass der Lernerfolg stark von externen Faktoren abhängt, wie dem sozialen Umfeld oder der Bildung der Eltern.

Grabner: Richtig. Und ein Problem bei der gegliederten Schule ist natürlich, dass man anhand von bestimmten Merkmalen entscheiden muss: Ab da kommt einer ins Gymnasium und ab dem Punkt eben nicht. Diese Grenze ist natürlich willkürlich, und es werden automatisch Fehler gemacht.

ZEIT: Würde man den Kindern einen Gefallen tun, diese Grenze nach hinten zu verschieben?

Grabner: Ja. Insofern gibt’s einerseits die Tendenz, diese Entscheidung später zu treffen, oder sie im Rahmen einer Gesamtschule noch weiter hinauszuzögern.

ZEIT: Braucht es eine Gesamtschule für ein zeitgerechtes Bildungssystem?

Grabner: Die Schulorganisation ist aus meiner Sicht zweitrangig. In erster Linie geht es darum, was im Unterricht passiert. Und um die Qualität der Lehrerausbildung, die eine ganz große Rolle spielt, um gesellschaftliche Wertschätzung des Berufs und um Möglichkeiten, Begabungen zu fördern.

ZEIT: Die Schulform ist also kein Wirkfaktor, wie es so schön heißt? Beim Pisa-Test liegen ja Länder mit Gesamtschule nicht nur vor, sondern auch hinter Österreich.

Grabner: Genau. Die Schulform ist wie gesagt nachrangig. Allerdings verfolgt man mit einer frühen Trennung der Schülerinnen und Schüler eher das Ziel, homogene Lerngruppen zu bekommen, und das ist eine Illusion. Das Hauptaugenmerk muss darauf liegen, wie man mit Heterogenität am besten umgeht, die immer da ist. Und wie man Möglichkeiten schaffen kann, dass alle Kinder mit unterschiedlichem Begabungsniveau eine anspruchsvolle Lernumgebung erhalten.

ZEIT: Wie soll das in der Praxis funktionieren?

Grabner: Es gibt zum Beispiel eine didaktische Maßnahme, die in den USA schon sehr verbreitet ist und jetzt zunehmend nach Europa kommt: die formative Evaluation. Dabei geht es darum, den Lernfortschritt der Schüler laufend zu überprüfen und den Unterricht entsprechend anzupassen. Ich setze das hin und wieder in meinen Vorlesungen ein.