Tomatenernte in Foggia, Süditalien (Archiv) © Tony Gentile/Reuters

Wie Blei sinkt der Druck, immer weiter nach unten. Yvan Sagnet fährt zu dem Ort, an dem der Druck ankommt. Weiter nach unten geht es nicht in Italien. Ein Berg rußgeschwärzter Flaschen kündigt an einer kleinen Kreuzung das Ghetto von Rignano an. Müll kokelt noch zwischen den Flaschen. Hinten am Ende der Straße, inmitten der grünen Felder Apuliens im Süden Italiens, breiten sich Hütten aus Plastikfolie und Pappe über dem Schlamm aus. Eine Art Township neben ein paar Ruinen. Wie faule Zähne stehen die Häuser da. Offen, kaputt, braun. Stinkend und halb verfallen. 1.500 Menschen wohnen hier während der Tomatenernte im August, ungefähr 500 das ganze Jahr über.

Arbeiter aus dem Sudan, aus Burkina Faso, aus Mali, aus fast jedem Land Afrikas. In dreckigen Mänteln suchen sie vor den Müllhaufen nach Verwertbarem. Es ist, als würde man durch einen düsteren, apokalyptischen Roman von Cormac McCarthy fahren. An den Feldwegen, die von den Landstraßen abgehen, stehen Prostituierte. Rumäninnen und Bulgarinnen. So sieht es aus, das Herz der italienischen Tomatenproduktion.

Der Mann, der das ändern will, der die Geschäfte von Gemüseproduzenten und der Mafia hier gefährdet und deshalb regelmäßig mit dem Tod bedroht wird, schaut müde aus dem Autofenster in den grauen Morgen. Wer einen Generalstreik an einem solchen Ort organisieren will, darf nicht viel schlafen.

Sagnet ist ein großer, schlaksiger Mann, der in seinem schwarzen Samtjackett unter dem Parka manchmal ein bisschen deplatziert wirkt, zwischen den in Lumpen gekleideten Arbeitern. Auch zu den anderen Gewerkschaftern hier in Apulien, die gerne Selbstgedrehte rauchen und noch immer Che Guevara bewundern, will er nicht recht passen. Aber so nah an den Arbeitern wie Sagnet ist keiner. Er ist der Streikführer. Die große Hoffnung der Gewerkschaft.

2008 kam Sagnet als Student aus Kamerun an die Universität Politecnico in Turin. Er kam in ein Land, in dem die Regierungen Berlusconis über Jahre bewusst Ressentiments gegen Einwanderer geschürt hatten. Ein Land, in dem es gerne heißt: Das Boot ist voll. Wo aber die meisten Tomaten, Orangen und Artischocken durch die Heere der mehr als 500.000 Erntehelfer aus Afrika und den osteuropäischen Staaten geerntet werden. Mehr als 70.000 von ihnen arbeiten unter Bedingungen, die der größte italienische Gewerkschaftsbund CGIL als moderne Sklaverei bezeichnet.

2011 bestand Sagnet eine Prüfung nicht, verlor sein Stipendium und musste sich nach Arbeit umsehen. Die Krise hatte Italiens Norden hart getroffen, außer einem Wochenendjob im Supermarkt war nichts zu finden. Zu wenig für Studium und Leben. Sagnet ging nach Nardo, im Osten Apuliens, zur Tomatenernte. Eine Reise, die viele Arbeiter aus Afrika seit 2008 auf sich genommen haben, seit im Norden die Jobs in den Fabriken wegfallen.

"Die Arbeiter dort lebten wie Tiere", erinnert er sich, während das Auto auf den Feldweg zum Ghetto einbiegt. Sie schliefen auf dem Boden, in Hütten aus Pappe und Plastikfolie, in verrotteten Zelten. Rauchschwaden von verbranntem Müll zogen durch die Luft, überdeckten beißend den Geruch der Fäkalien. 500 Arbeiter lebten auf dem Gelände des alten Gutshofs. Heute weiß er, dass das Lager in Nardo sich nicht von anderen unterscheidet, die sie in der Region Ghettos nennen.

Die erste Frage, die sich Sagnet in Nardo stellt: Ist das noch Italien hier? "Ich hatte so etwas noch nicht mal in Afrika gesehen. Ich kannte solche Orte aus den Nachrichten: Flüchtlingslager in Zeiten des Kriegs. Aber es war kein Krieg. Keiner mit Waffen zumindest." Sondern einer mit Geld. Am 31. Juli 2011 organisiert Sagnet den ersten Streik ausländischer Arbeiter in der Landwirtschaft Italiens. Sie protestierten gegen die Ausbeutung, gegen die Produzenten, gegen die Caporali.