Wer vom Mosaik spricht, ruft eigene Kindheit herauf. Anfang Februar 1965 lag ich im Halberstädter Salvator-Krankenhaus, tragisch verlassen von meinen Eltern, die mich wegen Maul- und Klauenseuche nicht besuchen durften. Stattdessen kam Post: Mosaik Nr. 97, Auf dem Rübenstein. Erregt las, nein: schaute und erlebte ich, wie die Kobolde Dig und Dag anno 1284 zu Knappen des fränkischen Ritters Runkel von Rübenstein wurden. Mit diesem Antihelden und seinem Klepper Türkenschreck zogen sie via Venedig und Byzanz ins Morgenland. Dort hoffte Runkel, einen Schatz zu finden, den sein kreuzfahrender Vater auf der Flucht vor den Sarazenen hatte zurücklassen müssen.

Auch Dig und Dag waren Suchende. Sie fahndeten nach ihrem Gefährten Digedag, den sie vor einem Jahrtausend im antiken Rom verloren hatten. Seither waren sie auf den Schwingen der Fantasie zu zweit durch Raum und Zeit geeilt, von Rom auf den Planeten Neos, an die Höfe des Sonnenkönigs Ludwig XIV., der Zarin Katharina der Großen und Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Mit James Watt erfanden sie die Dampfmaschine, mit Wilhelm Bauer das U-Boot Eiserner Seehund und mit Lord Plumford jenes Abfallgericht, das den Lord schwärmen ließ, er werde als Schöpfer der Plumford-Suppe in die Geschichte eingehen. Die Digedags, nach Verkostung: Oder die davon essen, werden eingehen.

All diese Vorgeschichten hatte ich verpasst. Mit größter Mühe ließen sie sich nacherleben. In jahrelanger Tauscharbeit ergatterte ich sämtliche 97 früheren Hefte, beginnend mit Auf der Jagd nach dem Golde vom Dezember 1955. Meine Knabenschätze gingen dafür drauf, vor allem die geliebten Matchbox-Autos. Erhalten hat sich eine Liste meiner Geschäftspartner: halb vergessene Namen meiner Heimatstadt. Dankbar gedenke ich großzügiger Mädchen. Harte Sammler sind fast immer männlichen Geschlechts. Zum Schluss fehlte mir nur noch Heft 10: Der Kampf um den Korsarenschatz (September 1957). Besagten Schatz besaß ein frühreifer Bergmannsspross. Wir wurden handelseinig, da ich ihm Pornobilder beschaffte.

"Schund und Schmutz" verdankte sich auch die Existenz des Mosaiks. 1955 wurde der junge Grafiker Johannes Hegenbarth, Umsiedler aus dem Sudetenland, beim Verlag Neues Leben vorstellig und offerierte seine Pläne einer "Bilderzeitschrift". Damals erwehrten sich die DDR-Kulturerlauber einer Flut westlicher Comics, die über die offene Westgrenze in den SED-Staat schwappte. In der Partei stritten zwei kulturpolitische Fraktionen. Die eine hielt Comics für dekadenten Dreck, die andere sann auf humanistische Gegenmittel. Hegenbarth bekam seine Chance. Wie er sie nutzte, war ein DDR-Wunder.

Zwei Bücher schildern plastisch die ideologischen Pressionen, denen sich der Unternehmer Hegenbarth mit Geschick und Witz entzog. Reich bebildert ist Matthias Friskes Die Geschichte des Mosaik von Hannes Hegen (Lukas-Verlag). Die geheime Geschichte der Digedags von Mark Lehmstedt spannt den Bogen zur Kulturhistorie der DDR und erzählt auch die Biografien von Hegenbarths kreativer Crew. Obwohl er sich den Anschein gab, war der Erfinder des Mosaiks natürlich kein einsamer Schöpfergott. Er beschäftigte ein Dutzend Zeichner, deren Strich zum kollektiven Stil verschmolz. Zu Hegenbarths wichtigstem Gefährten und Co-Creator wurde sein Autor Lothar Dräger. Hegenbarth gab bildlich vor und riss auf, Dräger textete. Beider Virtuosität verfeinerte Comic zur Kunst. Die Sprechblasen verschwanden, die Texte standen unter fein gerahmten Preziosen. Die historischen Kulissen wurden sorgsam recherchiert, ebenso die Gewänder der Figuren – aus Büchern, denn Rom und Venedig besuchen konnte man nicht.

Lange musste Hegenbarth gegen kulturpolitische Widersacher kämpfen. Einflussreiche Fürsprecher waren Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann, CDU-Chef Gerald Götting und der multipatente Erfinder Manfred von Ardenne. Man male sich aus, in der Bundesrepublik hätten sich Personen ähnlichen Ranges pro oder kontra Micky Maus positioniert. Den Disney-Vergleich wies Hegenbarth übrigens immer von sich. Sein höherer Anspruch gab ihm recht, und mir als DDR-Kind tat es gut, dass dank Mosaik der Osten dem Westen auch mal überlegen war.

Zu Hegenbarths bestem Schutz wurde sein überragender Erfolg. Mosaik war die Geld-Kuh des Verlags Junge Welt, wo das Heft seit 1959 erschien. Die monatliche Auflage stieg auf 660.000 und reichte dennoch nie. Dann das Ende, gänzlich unerwartet. Hegenbarth wollte kürzertreten und erklärte 1975, er werde statt jährlich zwölf nur noch sechs Hefte produzieren. Sein Trumpf war das Copyright an den Digedags, das er sich – völlig DDR-untypisch – gesichert hatte. Demgegenüber stand eine große Schwäche: Hegenbarths Egomanie. Er liebte seinen Mythos als Einzeltäter. Erst ab Heft 55 enthielt das Impressum den winzigen Hinweis: "Gestaltet im Mosaik-Kollektiv". Besagtes Kollektiv fühlte sich hintangestellt, erniedrigt zu Handlangern des Hegenbarthschen Genies. Als nun der Prinzipal den bisherigen Verlagsvertrag kündigte, musste er erleben, dass es auch ohne ihn ging. Dräger & Co. machten auf eigene Kappe weiter. Die Digedags wurden ersetzt. Die Zeichnerin Lona Rietschel erfand die Abrafaxe.