Spröde und aufgebrochen ist der Boden. Darüber das unendliche Blau des Himmels. Kaum etwas wächst in der Mojave-Wüste, durch die ich fahre. Das Auge blickt bis zum Horizont, ringsum nur Leere und Haltlosigkeit. Wann kommen bloß endlich ein paar Bäume?

Um Bäume zu sehen, bin ich nach Kalifornien gereist. Ich will mich auf die Spuren des Wildnisforschers John Muir machen, der sie über alles liebte. Muir, dessen Todestag sich im Dezember zum hundertsten Mal jährt, war eine Mischung aus Humboldt und Rilke. Auf Expeditionen und Wanderungen durch Kalifornien, Alaska, Kanada und bis zum Amazonas erforschte er die Natur wissenschaftlich und schrieb darüber in schwülstiger Prosa wie ein Poet. Unzählige Bücher und Zeitungsberichte hat er verfasst. Seine Briefe füllen ein eigenes Archiv an der University of the Pacific in Stockton. Mit Gleichgesinnten gründete er 1892 den Sierra Club – die erste Naturschutzorganisation der Vereinigten Staaten. Und setzte sich so stark beim Kongress für die Einrichtung von Nationalparks ein, dass er heute als deren Vater gilt.

Vor allem Bäume hatten es Muir angetan: "I am in the woods, woods, woods and they are in me-ee-ee", schrieb er 1870 überschwänglich einer Freundin. Und: "Der König der Bäume und ich haben uns ewige Liebe geschworen, das Eichhörnchen war unser Trauzeuge." Um zu begreifen, was Muir so faszinierte, bin ich mit meinem Wohnmobil in Kalifornien unterwegs zu den dicksten, ältesten und höchsten Bäumen unseres Planeten.

Mein erstes Ziel ist der Sequoia-Nationalpark. Das Schutzgebiet liegt in der Sierra Nevada, einer Bergkette parallel zur Westküste. Auf dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude treffe ich Nathan Stephenson, mit dem ich zu einer Wanderung verabredet bin. Stephenson ist groß und gertenschlank, trägt Brille und Bart. Als Biologe erforscht er seit 34 Jahren Bergmammutbäume, die hier Sequoias heißen.

Im Wald riecht es herb und frisch, das Sonnenlicht fällt wie Scheinwerferstrahlen durch die Baumkronen. Querfeldein und über ausgetretene Pfade spazieren wir zwischen Bäumen umher, deren dicke Stämme wie Säulen einer Kathedrale in den Himmel ragen. Sie sind so massig, dass man 22 Container mit dem Holz eines einzigen füllen könnte. "Könige der Bäume" nannte Muir die Sequoias. "Der Gigantischste von allen heißt General Sherman", sagt Stephenson. "Ungefähr 25 Menschen müssten sich an den Händen fassen, um ihn zu umarmen." Es ist der Baum, vor den sich Touristen gern stellen, um Fotos zu machen. Nur passt er nicht aufs Bild, so groß ist er.

Stephenson klopft an einen Stamm. "Klingt dumpf, oder?" sagt er. "Das liegt an der Rinde. Sie ist rund 20 Zentimeter stark, kann aber bis zu einen Meter dick werden." Sogar vor Bränden schützt sie die Sequoias: Stephenson legt regelmäßig Feuer im Wald und brennt die schnell wachsenden Fichten und Kiefern nieder, damit sie jungen Bergmammutbäumen nicht das Sonnenlicht rauben. Die Sequoias überstehen die Flammen unversehrt dank ihrer dicken Haut.

Meine hingegen ist eher dünn. Am Abend spüre ich den Beginn eines Sonnenbrandes im Nacken, mein Kopf schmerzt. Ich liege im Wohnmobil auf dem Bett, starre aus dem Fenster, um mich herum dicke Stämme, die sich schwarz vor dem Sternenhimmel abzeichnen. Angesichts so großer Masse und Widerstandskraft fühle ich mich auf einmal sehr schwach und verletzlich. John Muir hingegen betrachtete die Giganten als seine Beschützer. Er wanderte oft wochenlang allein durch die Wälder, schlief einfach im Freien unter ihnen. "Zwei Reihen plüschiger Zweige, die sich in der Mitte überlappen, und als Kissen einen Halbmond aus kleinerem Gefieder, mit Farnen und Blumen vermengt, ergeben das beste Bett, was man sich vorstellen kann", schrieb er in seinem Buch Die Berge Kaliforniens.

Am nächsten Morgen fahre ich weiter zum Inyo National Forest. Er liegt in 1700 bis 3400 Meter Höhe auf der anderen Seite der Sierra Nevada. Dort, im Regenschatten des Gebirgszugs, herrscht eine trockene Hitze. Während mein Wagen sich die Hügel hinaufschraubt, lässt der Wind mein rollendes Apartment beängstigend schaukeln. Mit jedem Meter wird das Land leerer, als hätte Gott einen Radiergummi genommen und erst Tiere, dann Pflanzen und am Ende alle Farben wegradiert. Der Boden ist bedeckt mit weißem Dolomitengestein, das so stark reflektiert, dass man sich eine Skibrille wünscht. Hier und da ragen Grannenkiefern empor – kleine Bäume, wenige Meter hoch, die aussehen wie postmoderne Skulpturen. Aus einer Wurzel wachsen jeweils etliche Stämme, deren Äste sich wie Korkenzieher drehen und in alle Richtungen fliehen. "Dieser Baum ist bewundernswert und unvergleichlich malerisch. Kein anderer (...) bietet Künstlern eine reichere Formenvielfalt", schwärmte Muir einst im San Francisco Bulletin.