Konsumorientiert, karrierefixiert, unpolitisch – die Jungen in Deutschland haben keinen guten Ruf. So hat der "Studierenden Survey", eine Befragung an Universitäten und Hochschulen, ergeben, dass Studentinnen und Studenten vor allem an der eigenen Zukunft und Karriere interessiert sind. Die jüngste Shell Jugendstudie zeigt, dass dieser "Generation Ich" Privatleben und persönliches Glück sowie das eigene berufliche Fortkommen wichtiger sind als das Allgemeinwohl und die Politik.

Diese Ichbezogenheit ist nicht überraschend: Hier wächst die Jugend heran, die die Kultusministerkonferenz schuf. Denn die bildungspolitischen Maßnahmen zum Qualitätsausbau der Kitas haben dazu geführt, dass unsere Kleinkinder zu Ichlingen erzogen werden. Kinder sollen darin unterstützt werden, selbstbewusst und selbstbestimmt zu sein, ihre Emotionen zu äußern und über die eigenen Belange selbst zu entscheiden – solche Formulierungen finden sich in den Orientierungs- und Rahmenplänen für die Kita-Erziehung in allen Bundesländern. Die Qualität einer Einrichtung wird daran gemessen, wie gut sie diese Vorgaben umsetzt. In der Praxis führt das zu einem endlosen Strom an Fragen und Entscheidungen für das einzelne Kind: Wo willst du sitzen? Was willst du spielen? Mit wem willst du spielen? Willst du heute gar nicht spielen? Ebenso ist Lob ein integraler Bestandteil kindgerechter Pädagogik: Toll machst du das! Super! Was du schon alles kannst! Die permanente Verbalisierung der inneren Welt, der Gedanken und Gefühle, soll Selbstbewusstsein schaffen und stärken.

Solche pädagogischen Konzepte entsprechen exakt der Erziehungsideologie der westlichen Mittelschicht. Formal hohe Bildung, späte Erstelternschaft und wenige Kinder erlauben die totale Konzentration auf das einzelne Kind. In diesem Milieu wird feinfühlig auf alle kindlichen Signale reagiert, und nur wer die mentalen Zustände der Babys richtig lesen und angemessen kommentieren kann, hat die Garantie, dass sich das Kind gesund und erfolgreich entwickelt – so postuliert es die Bindungstheorie, die derzeit sowohl das Bild des richtigen Elternverhaltens als auch die Qualitätsvorstellungen der Elementarpädagogik dominiert. Danach sind Babys von Geburt an autonome und aktive Personen mit eigenen, gültigen Wünschen. Eine sensitive Mutter, in der Regel die Hauptbindungsperson des Kindes "gibt dem Baby, was seine Kommunikationen intendieren und was er/sie möchte. Sie reagiert sozial auf Babys Versuche, soziale Interaktionen zu initiieren, spielerisch auf Versuche, Spiel zu initiieren. Sie hebt das Baby hoch, wenn er/sie es zu wünschen scheint und legt das Baby wieder hin, wenn er/sie explorieren möchte" – so steht es in der Beurteilungsskala zur Einschätzung mütterlicher Sensitivität. Zudem muss die sensitive Mutter alles, was das Baby macht, kommentieren und richtig interpretieren.

Kleinkinder aus der Mittelschicht, die früher in die Kita gehen als Kinder aus anderen sozialen Milieus und die Mehrheit der späteren Studierenden stellen, lernen also sowohl zu Hause als auch in der Kita: Ich stehe im Mittelpunkt. Diese frühe Erfahrung hat mittel- und langfristige Konsequenzen, darin stimmen Neurowissenschaften, Psychologie und Erziehungwissenschaften überein.