Auf diese schneebedeckten Gipfel wollte Sergio Condori schon als kleiner Junge. Weil er nicht direkt am Fuß eines der Gletscherriesen aufwuchs, sondern am Titicacasee, durfte er nach der Kultur der bolivianischen Aymara die heiligen, beschützenswerten Berge nicht besteigen. "Aber es hat ja doch geklappt", sagt er, ausgerüstet mit Sonnenbrille, dicker Jacke und schweren Stiefeln. Condori hat sich einen Beruf gesucht, mit dem das Privileg einhergeht, in die eisigen Höhen aufzusteigen. Hier steht er nun, als ausgebildeter Bergführer, am Fuß des felsigen Riesen Huayna Potosí, zwei Autostunden vom Regierungssitz La Paz entfernt. Sein Kindheitstraum hat sich erfüllt – aber richtig freuen kann sich Condori darüber nicht.

Er führt eine Gruppe bolivianischer Wissenschaftler und japanischer Entwicklungshelfer zu ihrer monatlichen Visite auf den 6.088 Meter hohen Berg. An zehn meteorologischen Stationen messen die Forscher regelmäßig Temperatur, Sonneneinstrahlung und die Tiefe des Eises. Ihre Werte zeigen: Es wird wärmer hier oben. Die Zahlen belegen das, was jeder Bolivianer inzwischen mit bloßem Auge beobachten kann: Schnee und Eis auf den Berggipfeln schwinden. Selbst wenn es nur beim heutigen Tempo bleibt und nicht durch einen ungebremsten Klimawandel noch schlimmer wird, so werden die größten Gletscher des Landes bis zur Jahrhundertmitte wohl rund ein Drittel ihres Eises einbüßen.

"In Bolivien waren die Gletscher immer so etwas wie ein Heiligtum", sagt Sergio Condori. Ihre Schneekuppen seien Sinnbild für die Nähe der Menschen zur Natur. Tatsächlich kreisen viele Sagen und Geschichten um die Schneeberge, sie werden besungen und besucht.

Condori steigt heute über sperrige Steine, wo er vor wenigen Jahren durch Schnee gestapft ist. "Hier geht’s lang", ruft Edson Ramírez seinen Kollegen von vorne zu. Ramírez ist Professor an der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz und erforscht seit zweieinhalb Jahrzehnten die Eisriesen Südamerikas. An einem großen Schmelzwassersee misst er den Wasserstand, nimmt Bodenproben.

Ramírez hat rekonstruiert: Seit 1940 haben die Berge 90 Prozent ihrer Eismenge verloren. "Und in den letzten 30 Jahren schmolz das Eis dreimal so schnell wie in der Zeit davor", sagt der Forscher. Er prophezeit den meisten bolivianischen Gletschern das Ende binnen einiger Jahrzehnte. Die Weltbank prognostiziert Wassermangel für 100 Millionen Menschen, sollte das Eis der Anden verschwinden.

"Die Bewohner in der Gegend der Gletscher haben schon heute Probleme mit der Ernte", sagt Ramírez. "Jedes Jahr siedeln Menschen in die Städte um, weil sie von ihren Erträgen als Bauern nicht mehr leben können." In der Nachbarschaft des Huayna Potosí ragt der Berg Chacaltaya mit 5.300 Metern in den Himmel. An seiner Flanke lockte die am höchsten gelegene Skipiste der Welt Touristen an. 2011 schloss der dortige Skilift, heute ist die letzte Abfahrt noch 150 Meter lang. Drum herum zeugt dunkles Geröll von der Schmelze.

Wie aber wirkt sich diese am Fuß der Berge aus? Das Forscherteam stellt auf Basis der gesammelten Daten Berechnungen über Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Bodenqualität an, um herauszufinden, was die Bewohner der Region von dem Schwinden spüren werden.

In Boliviens zweitgrößter, ständig wachsender Stadt El Alto, speisen sich zwischen 10 und 20 Prozent des Wasserverbrauchs aus den Stauseen am Fuß der Gletscher. Sie liefern auch den Großteil des Stroms für die rund eine Million Einwohner. Da El Alto auf einem Plateau auf 4.000 Meter Höhe am Rande eines Talkessels liegt, ist wenig Grundwasser verfügbar. Ähnlich sieht es im benachbarten Regierungssitz La Paz aus.

"Zu Wassermangel wird es hier definitiv kommen", haucht Edson Ramírez in die Kälte. Vor seinem Mund kondensiert Feuchtigkeit. "Im Moment untersuchen wir, wie stark der Effekt sein wird." Paradox ist: Durch das beschleunigte Schmelzen wird zunächst mehr Wasser verfügbar sein, danach dann nur noch wenig nachkommen. Womit Regenwasser wichtiger für die Menschen wird. Doch auch die künftigen Niederschläge sind eine Unbekannte – weil abhängig von den Veränderungen in der Höhe.

Da ein Land wie Bolivien praktisch keinen politischen Einfluss auf die Entwicklung des weiteren Klimawandels hat, versucht man sich anzupassen: So klärt die Gruppe um Edson Ramírez Hochlandbewohner über ihre Forschungsergebnisse auf und schult sie, ihr knappes Wasser effizienter zu nutzen. Auch neue, große Reservoirs in Gletschernähe sollen entstehen.

Gleichzeitig fordert Boliviens Regierung vehement Entschädigung von den Industrieländern. Wenn am 1. Dezember in Lima, im Nachbarland Peru, der nächste Klimagipfel beginnt, wird Bolivien dort im Bund mit gleichgesinnten Entwicklungsländern auftreten. Voller Pathos hat Staatspräsident Evo Morales angekündigt: "Unsere Stimme ist die Stimme der schneebedeckten Berge, die ihre weißen Ponchos verlieren."

Mitarbeit: Michele Bertelli, Javier Sauras