Woher die Wut kommt? Gerd-Ludwig Meyer schnauft laut und erzählt von der alten Dame, die als Patientin in seinem Wartezimmer saß. Nierenkrank war sie, dazu kam eine Harnwegentzündung, die im Laufe der Behandlung nicht besser, sondern schlimmer wurde. Er testete das erste Antibiotikum im Labor – keine Wirkung. Er testete das zweite Antibiotikum, das dritte, das vierte, das fünfte: Gentamicin. Tetracyclin. Ciprofloxacin. Amoxicillin. Insgesamt waren es zwanzig. Keines schlug an. "Sie sehen zu, wie ein Mensch elend leidet. Und Sie können nichts tun, gar nichts." Nach schrecklichen Tagen der Qual musste die alte Dame sterben.

Meyer hat zusammen mit Ärztekollegen eine Dialysepraxis im niedersächsischen Nienburg, 30.000 Einwohner, auf halbem Weg zwischen Bremen und Hannover. Der Tod der alten Frau war kein Einzelfall. Allein in seiner Praxis starben vier weitere Patienten in den vergangenen Monaten. Bei allen vieren hatten Antibiotika – die doch als Wunderwaffen der Medizin gelten – nichts mehr ausrichten können. Die Todesursache waren immer Keime gewesen, Bakterien, an denen alle Medikamente abprallten. Supererreger wie MRSA, ESBL oder VRE (siehe Kasten), die gegen fast jedes Antibiotikum resistent sind.

"Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn du als Arzt hilflos bist", sagt Meyer. Er drückt sich gern deutlich aus, er ist überhaupt ein Mann, der schnell Klarheit schafft. Zuerst war er Landwirt. Als ältester Sohn hatte er den Hof übernommen. Dann wurde ihm diese Welt zu eng. Es folgten Abitur und Medizinstudium. Meyers Haare sind struppig, seinem Gesicht sieht man das Leben an. Er schildert, wie er in letzter Zeit bemerkte, dass immer mehr Patienten isoliert werden mussten, weil sie von Keimen befallen waren, die auf Antibiotika nicht mehr reagieren. Und dass Landwirte auf einmal nicht nur Ferkelzüchter und Putenmäster waren, sondern – Risikopatienten. "Wenn ein Landwirt in eine Klinik kommt, muss er im Prinzip sofort in Quarantäne. Landwirte tragen diese Keime." Alle sind es noch nicht, aber nach einer Untersuchung der Uni-Klinik Münster aus dem Jahr 2012 sind in viehreichen Regionen fast 80 Prozent der Landwirte mit solch gefährlichen Keimen besiedelt.

Vor vier, fünf Jahren ging es nach Meyers Wahrnehmung so richtig los. Und schnell begriff er, dass es unsichtbare Verbindungen gibt zwischen seinen beiden Berufen: dem des Landwirts und dem des Arztes. Und diese Verbindungen heißen Cephalosporine, Fluorchinolone, Colistin oder Carbapeneme. Das sind die Bezeichnungen für Reserveantibiotika, sozusagen die allerletzten Medikamente, mit denen die Menschen sich gegen multiresistente Bakterien in unseren Körpern zur Wehr setzen. Die letzten Medikamente, die diese Erreger töten können. Aber Humanmediziner und Landwirte setzen die identischen Wirkstoffklassen der Antibiotika ein: die einen beim Kranken, die anderen beim Schlachtvieh.

Von Natur aus trägt jedes Lebewesen bei einer Infektion auch einige resistente Krankheitserreger in sich. Sie entstehen zufällig, durch natürliche Mutationen. Werden Antibiotika verabreicht, sind diese resistenten Keime plötzlich gegenüber ihren nicht mutierten Verwandten im Vorteil. Je häufiger Antibiotika verabreicht, je sorgloser sie eingenommen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass resistente Keime sich vermehren und verbreiten können. Dann sind die Medikamente wirkungslos.

Doch Bauern kippen Antibiotika in ihren fast hermetisch abgeriegelten Ställen ins Trinkwasser der Schweine und Hühner und schaffen damit eine perfekte Brutstätte für antibiotikaresistente Keime, die dann später Ärzte in Praxen und Kliniken zur Hilflosigkeit verdammen. "Wenn du diese Verbindung durchschaust", sagt Meyer, "und kapierst, dass nichts dagegen geschieht, wirst du wahnsinnig."

Die Wut ist der rote Faden in dieser Geschichte. Wir werden Menschen begegnen, die außer sich sind vor Zorn. Sie sind keine Weltverbesserer und Aktivisten, sondern das, was man als normale Bürger bezeichnet, Bürger, die etwas begriffen haben: Sie sind wütend auf ein System, das sich selbst bereichert. Auf Politiker, die wegschauen oder profitieren. Auf Krankenhäuser, denen die genauere Auswertung der Daten gleichgültig ist. Und sie sind wütend, dass es keine exakten Zahlen gibt, die das wahre Ausmaß der Katastrophe dokumentieren. Jedes Jahr sterben laut Gesundheitsministerium 7.500 bis 15.000 Menschen an Infektionen, die durch multiresistente Keime hervorgerufen wurden. Das allein wäre schon eine Schreckensbotschaft, denn das sind fast so viele Opfer wie alle Alkohol- und Drogentoten eines Jahres zusammengenommen. Doch die wahre Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Die ZEIT, ZEIT ONLINE, die Funke-Mediengruppe und das Rechercheteam CORRECT!V haben erstmals die Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser auswerten können. Daraus geht hervor, dass Ärzte bei Kliniktoten jedes Jahr mehr als 30.000 Mal die Behandlung oder Diagnose eines der drei meistverbreiteten resistenten Keime MRSA, ESBL oder VRE abrechnen. Ob all die Patienten dann tatsächlich auch an diesen Keimen starben, lässt sich aus den Daten zwar nicht zweifelsfrei ablesen, für Experten wie Bernd Beyrle, Sachverständiger bei der Techniker Krankenkasse (TK), steht jedoch fest, dass selbst diese Zahl viel zu niedrig ist. Beyrle leitet bei der TK den Fachbereich stationäre Versorgung: "Nicht jede Infektion ist für die Abrechnung relevant. Wir gehen deshalb davon aus, dass wir hier überhaupt nur ein Drittel der tatsächlichen Infektionen erkennen können." Hat Beyrle recht, handelt es sich mindestens um 90.000 derartige Diagnosen pro Jahr.

Fast alle Experten sind sich sicher, dass die wahre Zahl der Infektionen deutlich höher liegt als die vom Gesundheitsministerium veröffentlichte. So spricht Professor Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, von "mindestens einer Million Infektionen und mehr als 30.000 bis 40.000 Todesfällen".

Es gibt kaum Daten, auf die man sich auch nur halbwegs verlassen kann. Jede Statistik sagt etwas anderes, viele Fakten werden überhaupt nicht erfasst. Angesichts der Vielzahl der von resistenten Keimen besiedelten Menschen macht sich bei den Verantwortlichen daher Ratlosigkeit breit. "Ich wüsste nicht, wie wir alle Keime erfassen könnten. Es sind so viele, die sie mit sich herumtragen", sagt Susanne Glasmacher, die Sprecherin des Robert Koch-Instituts. Erstaunlich viel Chaos bei einer derart brisanten Sachlage, möchte man meinen.

Am weitesten verbreitet ist in Deutschland der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA). Winzig klein sind diese Bakterien, ein tausendstel Millimeter bloß. Unter dem Mikroskop sehen sie aus wie Trauben, kugelrund und violett, aneinandergeschmiegt liegen sie da, als frören sie. Jeder Dritte trägt sie auf der Haut oder in der Nase, und das ist zunächst nicht schlimm. Doch es kann schlimm werden, vor allem im Hospital, bei Operationen etwa, wenn der Körper des Patienten aufgeschnitten wird, bei einer invasiven Beatmung auf der Intensivstation oder wenn ein Katheter in die Blutgefäße eingeführt werden muss. Findet der Keim eine Öffnung ins Körperinnere, kann er sich dort explosionsartig vermehren. Er führt zu Harnwegsinfektionen, zu schmerzenden, offenen Wunden. Zu Lungenentzündungen und Blutvergiftungen. Bei alten und immunschwachen Menschen nicht selten auch mit tödlichen Folgen.