Vorbild war der Pergamonaltar, bekannte Albert Speer im Abstand von dreieinhalb Jahrzehnten. Anfang 1934 hatte Hitler ihn beauftragt, das Nürnberger Parteitagsgelände aufzurüsten. Die Holzkonstruktion, von der herab der "Führer und Reichskanzler" ein paar Monate zuvor auf dem "Reichsparteitag des Sieges" die endlosen Aufmärsche der NS-Formationen abgenommen hatte, machte zu wenig her. Und sie hätte auch nicht ausgereicht für die explodierende Zahl von Parteibonzen und Ehrengästen, die fortan alljährlich im September auf dem Zeppelinfeld dabei sein sollten und wollten. Glaubt man Speers Erinnerungen – 1969 waren sie ein Bestseller –, dann bereitete ihm der erste Großauftrag seines adorierten Förderers einiges Kopfzerbrechen: "Störend erwies sich die unentbehrliche Ehrentribüne, die ich so unauffällig wie möglich in der Mitte der Stufenanlage anzuordnen versuchte."

Tatsächlich rechtfertigte der "Architekt des Führers" die von ihm selbst durchaus gesehene "Megalomanie" des Bauwerks noch im Rückblick mit einer sündenstolzen Rechnung. Danach waren Tribüne und Treppen zusammengenommen fast doppelt so lang wie die Caracalla-Thermen in Rom. Jedenfalls ist die Stufenanlage alles, was von dem eilig hochgezogenen, mit Muschelkalk verkleideten Beton- und Backsteinbau heute übrig ist. Denn die aufgesetzten Kolonnaden, die Höhe und damit Eindruck schinden sollten, wurden 1967 gesprengt, 1979 auch noch die beiden Ecktürme; den Schutt entsorgte man kurzerhand unter der Treppenanlage. Der Rest ist seitdem instabil und undicht und bröselt vor sich hin. Selbst der primitive "Goldene Saal" mit seiner Mosaikdecke aus mäandernden Hakenkreuzen im Innern der Tribüne hat gelitten.

Jetzt soll das Ganze saniert werden. Viele Jahre wird das nach Einschätzung von Fachleuten dauern – schon deshalb, weil die Ausbesserungen angesichts der schlechten Bauqualität in weiten Teilen auf eine Rekonstruktion hinauslaufen; immerhin 80 Prozent von Fassade und Stufen gelten als marode. Und auch wenn die Kosten neuerdings heruntergerechnet werden: Alle Erfahrung spricht dafür, dass sich der Steuerzahler am Ende auf einen dreistelligen Millionenbetrag einrichten darf.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 48 vom 20.11.2014.

Seit es Hitlers Aufmarschplatz im Herbst 2013 in den schwarz-roten Koalitionsvertrag geschafft hat, scheint der Weg zur Generalsanierung geebnet. Unter der Überschrift "Gedenken und Erinnern, kulturelles Erbe, Baukultur" heißt es dort terminologisch routiniert, syntaktisch allerdings ein wenig holprig: "Authentischen Orten, wie beispielsweise dem ehemaligen 'Reichsparteitagsgelände' in Nürnberg, kommt eine wesentliche Funktion für die Geschichtskultur in Deutschland zu, die gemeinsam mit dem jeweiligen Land erhalten und genutzt werden soll."

Bayerns Minister für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat ließ sich das nicht zweimal sagen. Anfang Februar 2014 überbrachte Markus Söder seiner Geburtsstadt ein 3-D-Modell der Zeppelintribüne; sein frisch umgetauftes Amt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung hatte die Ruine "mit Satellitentechnik millimetergenau" erfasst. Nun, verkündete der CSU-Mann, könne auch deren Einsturzgefahr eingeschätzt werden – mit 150.000 Tonnen sei der Torso dreimal so schwer wie die Titanic und ein "historisches Erbe für alle Demokraten". Söders Parteifreundin Julia Lehner, Kulturreferentin der traditionell sozialdemokratisch geführten Frankenmetropole, sekundierte: Die Erhaltung der NS-Bauten auf dem Parteitagsgelände sei "alternativlos". Statt 75 Millionen wie noch vor ein paar Jahren soll die Sanierung der Tribünenanlage jetzt noch 60 bis 70 Millionen Euro kosten; die Hälfte davon müsse der Bund tragen.

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller- Universität Jena und leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.