Will die Republik ihre Lehrkräfte entlohnen, kann sie sich die Miete für die Schulgebäude nicht mehr leisten. Die Lücke im Bildungsbudget soll bis zu 100 Millionen Euro groß sein. Daher verhandelt das Unterrichtsministerium derzeit mit der Finanzverwaltung, zu welchen Konditionen die Schulden bei der Bundesimmobiliengesellschaft gestundet werden könnten. Vermutlich illustriert dies am besten, in welchem Zustand sich das österreichische Bildungssystem befindet: Es keucht aus dem vorletzten Loch. Überall müssen Lücken gestopft werden, müssen Provisorien herhalten, wo es an tatsächlichen Reformen fehlt und wo sich Politiker und pädagogische Arbeitskreise auf kein Gesamtkonzept einigen können. Und das seit Jahrzehnten.

Österreich leistet sich eines der teuersten Bildungssysteme der Welt. Jährlich investiert die öffentliche Hand rund 9.000 Euro in jeden Schüler, das sind um 2.000 Euro mehr als im Durchschnitt der OECD-Staaten. Doch die Ergebnisse, die dieser Aufwand erzielt, sind, soweit sie gemessen werden könnten, eher bescheiden: Nach einem Absturz bei den Pisa-Tests im Jahr 2009 kam es 2012 bei dieser internationalen Evaluierung schulischer Leistungen zu einer leichten Erholung. Im Bereich der Mathematik lagen die getesteten Schüler des Jahrganges 1996 über, bei ihren naturwissenschaftlichen Fähigkeiten ziemlich genau auf dem und bei der Lesekompetenz weit unterhalb des OECD-Schnitts. Selbst solch mäßige Resultate werden aber von der Regierung bereits als Glanzleistung und "Trendwende" im Bildungsbereich verkauft.

Das ist natürlich eine Illusion. Zunehmend beklagen Unternehmen, dass junge Berufseinsteiger häufig den Anforderungen nicht gewachsen sind, die eine moderne Arbeitswelt an sie stellt. Einige Großbetriebe sind daher bereits dazu übergegangen, eigene Nachhilfekurse für ihre Lehrlinge anzubieten, wo sie all jene Fähigkeiten erwerben sollen, die ihnen die Schule nicht vermitteln konnte.

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Wie effizient ein Bildungssystem funktioniert, lässt sich zwar nur schwer exakt feststellen, doch sämtliche Tests kommen zu dem Schluss, dass das Bildungsniveau der Pflichtschulabgänger beständig im Sinken begriffen ist. Junge Österreicher – dazu gehören natürlich immer mehr Jugendliche, die aus dem Milieu der Zuwanderer stammen – können schlechter lesen, rechnen und sich artikulieren als noch eine Generation zuvor. Der funktionale Analphabetismus, so eine beständige Klage, befinde sich auf dem Vormarsch. Das wirkt sich auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes aus. Im international anerkannten World Competitiveness Yearbook, das die private Wirtschaftsuniversität IMD in Lausanne erstellt, gehört Österreich derzeit zu den Nachzüglern. Bei der Frage, ob ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, rangiert Österreich auf Platz 52 von 60 untersuchten Ländern. Auch bei der Bewertung, ob das Bildungssystem den Anforderungen gewachsen ist, reicht es nur zu Rang 24. Wenig erstaunlich drängt etwa die Industriellenvereinigung seit Langem auf Reformen und zeigt sich dabei ideologisch deutlich flexibler als die Volkspartei, der sie nahe steht.

Bildungspolitik ist seit je ein Minenfeld, in dem Ansätze zu einer Veränderung weniger aufgrund von überprüfbaren Fakten sondern anhand weltanschaulicher Überzeugungen gesucht werden. Die Liste an Verbesserungsvorschlägen ist lang: Gesamtschule, mehr Autonomie der Schulen, Förderklassen für Kinder mit Migrationshintergrund, vorschulische Einrichtungen zum Spracherwerb, eine Entflechtung des Kompetenzwirrwarrs zwischen Bund und Ländern. Zu viele Behörden und Institutionen fühlen sich berufen und zuständig. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine alte Frage, die schon in den frühen Jahren der Ersten Republik die ideologischen Lager entzweite: Soll an einem System festgehalten werden, das im Wesentlichen auf einer frühen Trennung zwischen einem elitären und einem weniger anspruchsvollen Bildungsweg basiert, oder wäre nicht ein integrativer Ansatz, der allen Pflichtschülern einen gleichwertigen pädagogischen Pfad bietet, sowohl effizienter als auch gerechter? Wie meist, wenn eine Debatte ergebnislos immer weiterwabert, entsteht Stillstand.

Von der Alternative zwischen Gesamtschule und Gymnasium war denn auch der bildungspolitische Diskurs der vergangenen Jahre bestimmt. Und der endete in einem faulen Kompromiss, der den euphemistischen Namen Neue Mittelschule (NMS) trägt. Viel Geld und noch mehr Propaganda wurde seit dem Schuljahr 2008/09 in diesen integrativen Schulversuch investiert. Allerdings mit magerem Resultat. Unter den 936 Neuen Mittelschulen, die es mittlerweile in Österreich gibt, befinden sich gerade einmal elf Gymnasien, die bereit waren, sich an dem Experiment zu beteiligen – ein Etikettenschwindel. Ein erster Leistungstest im Fach Englisch führte im vergangenen Jahr zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die neuen Mittelschüler noch schlechter abschnitten als ihre Kollegen in den alten Hauptschulen.

Derzeit hat es den Anschein, als habe die Bildungspolitik nach einer Periode heftiger Kontroversen kapituliert. Die sechs Punkte jenes Katalogs, der unlängst auf einer Klausur der neuen Koalitionsriege beschlossen wurde, bezeichnet selbst ein Regierungsmitglied als "Rückschritt".