Der russische Präsident Wladimir Putin während eines Besuchs in der Mongolei (Archiv) © B. Rentsendorj/Reuters

Rund 1.500 Kilometer sind es von Berlin nach Chisinau, das ist ungefähr so weit wie nach Rom. Doch wer kannte bis vor Kurzem die Hauptstadt der Republik Moldau? Nun auf einmal ist das kleine Land beinahe über Nacht zu einem wichtigen Schauplatz der Geopolitik geworden. Denn bei der Parlamentswahl Ende des Monats wird über einen Mann abgestimmt, der gar nicht antritt: Wladimir Putin. Der Fall zeigt, mit welchen Methoden Russland inzwischen versucht, andere Länder zu unterwandern.

Dreimal hat Russland in den vergangenen Jahren den Import von Wein aus Moldau verboten, mittlerweile stehen auch Gemüse, Obst und Fleisch auf der Embargoliste. Das Verbot trifft das ohnehin bitterarme Land hart: 43 Prozent der moldauischen Agrarexporte gingen 2013 nach Russland. Hinzu kommt, ähnlich wie in der Ukraine, die fast vollständige Abhängigkeit Moldaus vom russischen Gas: Schon jetzt zahlt es mit fast 400 Dollar einen der höchsten Kubikmeterpreise.

Vor zwei Wochen empfing der russische Präsident in Moskau die beiden Spitzenkandidaten der moldauischen Sozialistischen Partei. Sie werben als Einzige für einen Beitritt ihres Landes zur Russischen Zollunion und damit dafür, dass die europäische Integration von Moldau ein Ende hat. Dass die Sozialisten finanziell von Moskau unterstützt werden, gilt in Chisinau als Gewissheit. Also müssen sich die Bürger der Republik Moldau am 30. November entscheiden: für oder gegen Russland. Und damit kein Zweifel aufkommt, wer zur Wahl steht, prangt auf den Plakaten der Sozialisten das Konterfei von Wladimir Putin.

Lesen Sie dazu auch "Verlorener Sieger" von Bernd Ulrich in der aktuellen ZEIT.

So offensichtlich läuft es anderswo nicht. Aber überall in Europa versucht Russland gerade, seinen Einfluss auszuweiten, andere Länder an sich zu binden oder gar unter seine Kontrolle zu bringen. In Bulgarien wurden russische Geheimdienstler eingeschleust, die jetzt als russische Minderheit auftreten und von Moskau "beschützt" werden wollen. In Montenegro kauft Russland großflächig Grundstücke auf. Georgien wurde durch einen Krieg gefügig gemacht. Mal wird wirtschaftlicher Druck ausgeübt, mal wird über die Medien oder gekaufte NGOs, sogenannte Nichtregierungsorganisationen, Einfluss auf die Stimmung im Land genommen. Kaum ein Land des ehemals sozialistischen Lagers wird ausgelassen, und so reichen die Expansionspläne Russlands von den baltischen Ländern an der Ostsee über den Kaukasus bis hinunter in den Süden des Kontinents, an die Adria. Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland, Ukraine, Ungarn, Moldau, Bulgarien, Rumänien, Armenien, Georgien, Serbien, Bosnien-Herzegowina – das gesamte östliche und südöstliche Europa wird traktiert.

Lange Zeit wirkte das Ganze eher zufällig, als handelte es sich um einzelne, voneinander unabhängige, regionale Vorgänge. Inzwischen aber nimmt die Bundesregierung an, dass alles in einem einzigen, großen Zusammenhang steht. Dass vieles gezielt aus Moskau gesteuert wird. Die Hinweise darauf verdichten sich. Angela Merkel spricht jetzt ganz offen davon, dass Putin "in Einflusssphären" denke und "das internationale Recht mit Füßen" trete.

In Moskau kursieren in der Tat weitreichende Ideen und Pläne, den eigenen Machtbereich auszuweiten. Sie sind lange vor Ausbruch des Konflikts in der Ukraine entstanden. Wer sich in diesen Tagen im Osten Europas umhört, kann einen Eindruck davon gewinnen, wie sie nun Stück für Stück umgesetzt werden.

Nennen wir es: Putins großer Plan.

Spätestens 2012, als er vom Premierministeramt auf den Präsidentensessel zurückkehrte, fühlte sich Wladimir Putin überall von Feinden umstellt. Im Winter waren mehr als hunderttausend Demonstranten durch russische Städte marschiert, um gegen manipulierte Wahlen und Putins Wiedereinzug in den Kreml zu protestieren. Der neue, alte Präsident sah seine Macht bedroht. Dahinter wähnte er die USA, die, so sieht er es, schon im Nahen Osten destabilisierende Aufstände angezettelt hätten.

Putin entschied, seine Macht zu sichern, zunächst nach innen, später nach außen. Der Staat unterdrückte fortan Oppositionelle, kritische Medien und Organisationen. Doch Zustimmungsraten von mehr als 80 Prozent erreichte Putin erst, als er auch außenpolitisch aggressiver auftrat.