Der deutsche Internetkanal ist nur als Vorläufer gedacht; aus Berlin will man schon bald einen eigenen Fernsehkanal betreiben, ebenso wie in Frankreich. Russia Today ist das wichtigste Instrument der ideologischen Offensive des Kreml. Denn das Programm zielt auf die weichen Punkte des Westens – die wachsende Skepsis gegenüber Eliten; den Hang zur Selbstkritik; die Widersprüche in der Anwendung des Völkerrechts.

In Serbien etwa lässt sich beobachten, wie das im russischen Außenministerium erdachte Konzept umgesetzt wird. Ein russisches Radio haben die Serben schon, nun soll eine Fernsehstation hinzukommen – und natürlich die Website von Russia Today. Die Mehrheit der Serben ist arm und leistet sich keine Zeitung, aber im beinahe kostenlosen Netz sind viele unterwegs. Für die Website sollen 30 Journalisten eingestellt werden.

Moskau wirkt auch indirekt auf serbische Medien ein: Zu den wichtigsten Anzeigenkunden der großen Blätter zählen Gazprom sowie weitere russisch kontrollierte Firmen, gelegentlich bezahlt Russland auch einmal mehrere Zeitungsseiten, auf denen dann freundliche Artikel stehen. Inzwischen ist die Stimmung im Land gekippt: Vor Jahren noch EU-euphorisch, sieht laut Umfragen nur noch die Hälfte der Serben die EU positiv (unter der Jugend sind es bloß 43 Prozent). Aber 70 Prozent der Bürger wünschen sich eine Allianz mit Russland.

Auch die russischen Industriekonzerne erfüllen mittlerweile ihren Part des Putin-Plans. Sie engagieren sich überall in Europa. Nichts Großes, das darf man annehmen, wird ohne Absprache und Kooperation mit den russischen Sicherheitsministerien geschehen.

Der Energieriese Gazprom etwa besitzt in Deutschland unter anderem Gazprom Germania und den Erdgasversorger Wingas sowie mehrere strategische Gasspeicher in Deutschland und seinen Nachbarländern. Auch in Österreich, Ungarn und anderen EU-Ländern hat Gazprom ein Netz von Firmen gespannt. Der russische Bahnkonzern RZD unter der Führung des Putin-Intimus Wladimir Jakunin wiederum kauft sich seit mehreren Jahren strategisch in europäische Logistikfirmen ein. Und anders als bei westlichen Firmen handelt es sich hier um russische Staatskonzerne, die Putin mit Geld versorgen und auf die Wünsche des Kreml hören müssen.

Wie der unsichtbare, hybride Krieg auf mehreren Ebenen ablaufen kann, hat Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow im Februar 2013 in einer Moskauer Armeezeitung beschrieben: Man nutze politische, ökonomische, mediale, humanitäre und andere Einflussmittel. Eine protestierende Opposition sei oft der natürliche Verbündete. "Dazu kommen unterstützende militärische Aktionen mit verdecktem Charakter, einschließlich Informationskrieg und Einsatz von Spezialtruppen." Ende Februar 2014 stellte Gerassimow die neuen Aufgaben seines Generalstabs vor. Der Übergang von politisch-diplomatischen Verhandlungen zur militärischen Intervention, sagte er stolz, habe sich enorm verkürzt. Alle Ministerien müssten eng zusammenarbeiten. Kriegshandlungen würden künftig auch auf die Medien ausgedehnt. Russlands Gegner müssten verstehen: "Jegliche Form des Drucks auf unseren Staat und seine Verbündeten ist sinnlos."

In der Bundesregierung in Berlin ist man erstaunt darüber, wie systematisch die Russen vorgehen und wie klar sich jetzt erkennen lässt, dass sie direkten Einfluss auf die politische Entwicklung in der Großregion nehmen. Die Erwartung, man könne mit Putin noch irgendetwas auf dem Verhandlungswege erreichen, ist gegen null gesunken. Wer geglaubt hatte, dass es Russland bei seiner machtpolitischen Arrondierung mit der Ukraine bewenden ließe, sieht sich getäuscht. Selbst EU-Länder wie Ungarn oder Bulgarien sind vor russischem Einfluss nicht sicher.

Aber was würde es bedeuten, wenn Moskau den eigenen Machtbereich von der Ostsee über den Kaukasus sogar bis hinunter an die Adria ausdehnte?

Hier kommt Italien ins Spiel, das schon auf der letzten Sanktionsrunde des Westens gegen Russland nicht mehr dabei sein wollte.

Ministerpräsident Matteo Renzi hat einen Stillhaltepakt mit Ex-Premier Silvio Berlusconi geschlossen, dessen Unterstützung er für die innenpolitischen Reformen im Land braucht. Darum lässt er zu, dass Berlusconi – der Oppositionsführer ohne Sitz im Parlament – eine Art Paralleldiplomatie mit Wladimir Putin betreibt.

Vor wenigen Wochen empfing Berlusconi seinen alten Freund Putin noch spät in der Nacht in seiner Wohnung am Rande der Mailänder Innenstadt. Ein Imbiss stand bereit, natürlich Getränke. Bis um halb vier Uhr morgens besprachen sich die zwei. Tags darauf zitierte Berlusconis Hausblatt Il Giornale aus dem Gespräch. Italien müsse der Garant für einen Umschwung in den gespannten Beziehungen zwischen Russland und Europa werden, habe Berlusconi gesagt: "Die Mauer eines neuen Kalten Krieges, die Europa dummerweise im Interesse der Amerikaner eingerichtet hat, muss eingerissen werden."