DIE ZEIT: Herr Arnold, wann wurden Sie zuletzt um Sterbehilfe gebeten?

Uwe-Christian Arnold: Heute – gerade eben.

ZEIT: Und was war der Anlass?

Arnold: Der Patient hat eine schwere Lungenerkrankung, die zum Ersticken führt. Er wollte eigentlich schon vor Wochen tot sein, aber wir haben erst alles ausgeschöpft, was es an Palliativmedizin gibt. Heute hat der Mann angerufen: Er kann nicht mehr. – Ich fahre nachher hin und schaue, wie es ihm geht.

ZEIT: Er lebt zu Hause?

Arnold: Ja, mit seiner Frau. Sein soziales Umfeld ist wunderbar. Aber jetzt kriegt er keine Luft mehr. Ersticken ist grausam. Man könnte ihn ins Koma legen, aber das will er nicht. Und die Vorstellung, sein Zuhause zu verlassen, ist ein Horror für ihn.

ZEIT: Womit wurde er zuletzt genau behandelt?

Arnold: Mit Fentanyl-Spray, das bekämpft den Spasmus. Das Spray gibt es aber nur in einer einzigen Apotheke in Deutschland. Mithilfe eines Palliativmediziners habe ich das besorgt, allerdings mussten wir die Dosis stetig erhöhen. Und irgendwann ist die Grenze erreicht.

ZEIT: Wenn jetzt über Suizid diskutiert wird, dann klingt es oft so, als gäbe es legitime und illegitime Gründe, sich umzubringen. Als wären viele Menschen, die sich an Sterbehelfer wenden, in keiner echten Not, sondern bloß "lebensmüde". Aus welchen Gründen kommen die Sterbewilligen tatsächlich zu Ihnen?

Arnold: Die häufigsten Suizidursachen sind Depressionen und die Tatsache, dass Menschen mit ihrem Leben nicht klarkommen. Wenn die mir schreiben oder mich anrufen, kann ich nur zuhören, nicht helfen.

ZEIT: Die Gegner der Sterbehilfe sagen, man müsse nur die Palliativmedizin stärken – dann werde Sterbehilfe überflüssig.

Arnold: Nein. Das ist Unfug! Wir bekommen nicht alle Schmerzen in den Griff. Außerdem gibt es zu wenig ambulante palliativmedizinische Versorgung. Einige meiner Patienten mussten sich sagen lassen: Wir haben keine Kapazität.