DIE ZEIT: Herr Steffens, Sie haben sich im vergangenen Sommer an ein ungewöhnliches Experiment gewagt: Sie wollten per Flugzeug nach Lissabon trampen. Wie oft hat man Sie unterwegs gefragt, ob Sie verrückt geworden sind?

Holger Steffens: Ständig! Was mich allerdings eher angespornt hat.

ZEIT: Dachten Sie auch selbst mal: Bin ich eigentlich völlig bekloppt?

Steffens: Ja, schon beim ersten Flug, von Iserlohn nach Karlsruhe. Da saß ich in einem winzigen Privatflugzeug und wir mussten eine Gewitterfront umfliegen. Wir stürzten von einem Luftloch ins nächste wie auf einer schlechten Achterbahn. Da knallt man schon auch mal mit dem Kopf gegen die Decke.

ZEIT: Nun war das nicht Ihre erste Extremtour. Sie sind als Journalist schon kreuz und quer getrampt, per Schiff, Motorrad, Bus und Straßenbahn. Was fasziniert Sie an dieser Fortbewegungsart?

Steffens: Ich bin schon immer gerne als Anhalter gereist und wollte ausprobieren, wie weit man das treiben kann. Ich fahre immer ohne einen Cent in der Tasche los, wie ein echter Tramper. Tramps waren ja in den USA die Wanderarbeiter. Die hatten auch nur das, was sie unterwegs verdient haben. Ich schrubbe Flugzeughangar oder falte Pizzakartons oder spiele Ukulele auf der Straße und halte mich ansonsten an das, was mir eine Ernährungsexpertin geraten hat: Wenn du wenig Geld hast, kaufe dir gesäuertes Brot, Obst, ein paar Müsliriegel – und man muss natürlich immer genug zu Trinken dabei haben.

ZEIT: Wie trampt man überhaupt per Flugzeug? Aufs Rollfeld stellen und den Daumen raushalten geht ja schlecht.

Was Holger Steffens tut, ist neu. Das Prinzip "Anhalter" nicht – hier sehen wir Tramper nahe Vicksburg, Mississippi, im Jahr 1936. © Walker Evans/Getty Images

Steffens: Ich musste erst mal lernen, was alles nicht funktioniert. Linienflieger zum Beispiel. Da kommt man ja gar nicht erst ran an die Piloten, weil man nicht einfach in den Sicherheitsbereich des Flughafens spazieren darf. Anfangs hab ich es mit Ambulanzfliegern versucht, die kranke Urlauber nach Hause transportieren. Die fliegen leer los, der Flug ist eh schon von der Versicherung bezahlt, und ob die dann noch jemanden zusätzlich an Bord haben, ist deren Sache. Theoretisch wäre das gegangen.

ZEIT: Und praktisch?

Steffens: Hatte ich Pech. Nie ist einer in meine Richtung geflogen. Was ich übersehen hatte: Es waren Ferien – nicht gerade die Hauptsaison für Ambulanzflieger, weil da vor allem Familien unterwegs sind, und die sind meistens jung und gesund.

ZEIT: Und wie haben Sie dann den Kontakt zu den Privatfliegern hergestellt?

Steffens: Ich bin zu den kleinen Flugplätzen gegangen und hab die Piloten einfach direkt angesprochen. Manchmal hab ich auch den Vorsitzenden eines Aeroclubs gebeten, sich bei den Kollegen umzuhören. Bei Privatfliegern gibt es ja keinen Flugplan, weil die sich nirgendwo vorher anmelden müssen. Die holen einfach ihr Flugzeug aus dem Hangar, tanken und sagen dann dem Tower: Übrigens, ich flieg jetzt los, tschüss!

ZEIT: Sie brauchten also vor allem Glück.

Steffens: Und gutes Wetter. In Karlsruhe hing ich zum Beispiel tagelang fest. Dauerregen. Da ist natürlich kein Privatflieger gestartet.

ZEIT: Wie haben Sie die Zeit überbrückt?

Steffens: Ich hab bei einer Firma gejobbt, die die Jets im Hangar betreut. So hab ich erfahren, was gerade läuft am Flughafen. Einmal etwa kam da der Chef an und sagte: Ihr müsst mal Platz schaffen, gleich kommt hier eine Boeing 737 rein. Da mussten wir alle anderen Jets und Hubschrauber hin und her schieben, damit die da noch reinpasste. Wohlgemerkt: Das war eine Privat-Boeing. Die gehörte einem ukrainischen Oligarchen, der darin ganz alleine flog.

ZEIT: Da wäre sicher noch genug Platz für einen Anhalter gewesen.

Steffens: In großen Privatjets ist es wahnsinnig schwer, einen Platz zu bekommen. Leute werden nicht reich, um ihren Reichtum dann mit anderen zu teilen. Ist ja auch beim normalen Trampen so. Bei Mercedes oder BMW braucht man gar nicht erst den Daumen auszustrecken. Die halten meistens sowieso nicht. Ich habe als Tramper in weit mehr Klapperkisten gesessen als in gut ausgestatteten Limousinen.

ZEIT: Bei Privatfliegern sieht die Lage vermutlich etwas anders aus. Fliegen ist ja per se ein recht exklusives Hobby.

Steffens: Die Typen, mit denen ich unterwegs war, waren eher bodenständig, viele Technik-Freaks. Ein kleines Flugzeug kostet gebraucht etwa 40.000 Euro, das kann sich unter Umständen auch jemand leisten, der nur mal was von Oma geerbt hat. Wobei ich persönlich ja nicht verstehe, warum man das dann ausgerechnet in ein Flugzeug investiert. Da drin ist es eng, es rappelt und man hat die ganze Zeit diese Kopfhörer auf, über die man sich auch unterhält.

ZEIT: Worüber plaudert man dann so?

Steffens: Ich lass mir immer die Instrumente erklären. Schon damit ich weiß, was ich tun muss, wenn der Pilot mal einen Herzinfarkt hat.

Holger Steffens, der Airtramper, sagt: Trampen "holt einen raus aus einem Alltag, in dem alles geplant und durchgetaktet ist". Im August 1969 ließ sich dieses Paar vom Trampen eher zurück in den Alltag bringen: 13 Meilen zu Fuß zum Woodstock-Festival vor Augen, beschloss es, lieber nach Hause zu trampen. © Three Lions/Getty Images

ZEIT: Mit Ihrem Experiment haben Sie am Ende zwar bewiesen, dass man per Flugzeug trampen kann. Ganz bis nach Lissabon haben Sie es allerdings nicht geschafft.

Steffens: Dabei traf ich in Frankreich sogar einen Piloten, der mit einem Begleiter fast bis Lissabon flog. Die hätten mich auch gern mitgenommen. Wir haben hin und her gerechnet, unser Gewicht, das Gepäck, kommen wir so über die Pyrenäen? Aber es hat einfach nicht geklappt. So ein kleiner Flieger kann ja nur 300 bis 400 Kilo laden. Da hätte ich mich vor Wut fast aufs Rollfeld geworfen. Ich bin noch bis Bilbao weiter, dann saß ich dort vier Wochen fest. Es gibt in Spanien kaum Privatflieger.

ZEIT: Das klingt insgesamt doch eher nach einer beschwerlichen Zeit als nach einer schönen Reise.

Steffens: Ach, mich reizt beim Trampen der Nervenkitzel. Und dass man unterwegs immer wieder in ganz ungewöhnliche Szenen eintaucht. Für eine kurze Zeit kommt man Menschen sehr nahe, denen man sonst wohl nie begegnet wäre. Und lernt, dass die meisten Leute sehr hilfsbereit sind. Einer hat eigens für mich sein Flugzeug aus dem Hangar geholt und mich ein paar Orte weiter geflogen. Manchmal helfen einem sogar Leute, die selbst sehr in Eile sind. Als ich einmal per Anhalter auf der Straße unterwegs war, sagte ein Typ mal zum Abschied: Übrigens, ich werde gerade von den Bullen gesucht. Ich kann nur jedem raten, mal zu trampen. Es kann auch der ganz normale Autostopp sein. Das holt einen raus aus einem Alltag, in dem alles geplant und durchgetaktet ist. Und das kann sehr inspirierend sein.

ZEIT: Vorausgesetzt, man fürchtet sich nicht davor, bei Wildfremden im Auto zu sitzen.

Steffens: Das ist halb so schlimm. Es gibt zwei Regeln: Wenn ich ein schlechtes Bauchgefühl habe, steige ich gar nicht erst ein. Außerdem haben heute doch alle ein Smartphone. Da macht man halt schnell ein Foto vom Kennzeichen, schickt es an einen Freund – und schon kann man sich beruhigt zurücklehnen.

Mehr Informationen zu Holger Steffens’ Tramp-Experimenten gibt es im Internet auf den Seiten www.dertramper.de und airtramper.com