Die einfache Geschichte ist, dass Flugzeuge Kondensstreifen hinter sich herziehen: weiße Spuren aus Wassertröpfchen, die aus den Abgasen der Triebwerke kondensieren. Aber ist diese Geschichte zu einfach?

Manchen Menschen scheint sie jedenfalls zu langweilig zu sein. Sie erzählen eine spannendere Geschichte. Sie behaupten, wir sollten alle vergiftet werden. Oder verdummt. Oder unfruchtbar gemacht. Daher, so heißt es, würden wir aus der Luft mit Chemikalien besprüht – und das ganz offen, vor aller Augen, man müsse nur den Blick himmelwärts richten und die weißen Streifen zur Kenntnis nehmen. Erscheinen die nicht bei längerem Hinsehen doch sehr verdächtig? Menschen, die diese Geschichte erzählen, nennen die hellen Streifen "Chemtrails" – eine Abwandlung des englischen contrails für Kondensstreifen.

Den Chemtrails-Gläubigen ist aufgefallen, dass sich die weißen Streifen hinter Flugzeugen unterschiedlich schnell auflösen. Manche verschwinden sofort wieder. Andere jedoch hängen merkwürdig lange dort oben herum und zerlaufen allmählich zu breiten, milchigen Schlieren. Das liegt an der schwankenden Luftfeuchtigkeit, sagen Meteorologen. Oh nein, erwidern die Skeptiker, das sind Giftwolken, ausgebracht von Passagiermaschinen, die klammheimlich mit Sprühanlagen ausgerüstet worden seien.

Wer aber steckt hinter den Chemtrails? Die üblichen Verdächtigen: eine geheime Weltregierung. Die Pharmaindustrie. Das jüdische Großkapital. Die Freimaurer. Die Illuminaten.

Und warum berieseln uns diese dunklen Mächte mit Chemie? Dafür werden vielerlei Gründe genannt: zum Beispiel, um uns unbemerkt zu impfen. Oder um uns krank zu machen. Chemtrailer spekulieren über Nanopartikel, die Atemwegserkrankungen auslösen, und über molekulare Roboter, die unsere Körper infiltrieren. Sie lasten den Chemtrails sowohl die Immunschwäche Aids wie auch die Morgellons-Krankheit an, eine rätselhafte Erkrankung der Haut. Behauptet wird auch, die Überbevölkerung der Welt solle dezimiert werden. Die Menschheit solle mit Psychopharmaka gefügig gehalten werden, damit niemand eine Revolution anzettelt und alle brav ihre Steuern zahlen.

Wieder andere vermuten, die Sprühflugzeuge könnten das Wetter manipulieren – zum Beispiel, um der globalen Erwärmung entgegenzuwirken oder um künstliche Dürren über Feindesland auszulösen. Chemtrailer verbringen viel Zeit damit, zu beobachten, wie die von Flugzeugen gelegten Streifen sich zu geschlossenen Wolkendecken auswachsen. Manche stellen kommentierte Zeitraffer-Aufnahmen davon auf YouTube.

Mutmaßungen über geheime Giftflüge geistern seit Ende der 1990er Jahre durch amerikanische Internetforen. Der Begriff Chemtrails tauchte erstmals 1999 auf. Die deutsche Chemtrails-Bewegung wurde im Jahr 2004 wesentlich von einem Text mit dem Titel Die Zerstörung des Himmels in dem Magazin raum & zeit inspiriert. In dem 11-seitigen Artikel mischt der Autor Gabriel Stetter geschickt Wahrheiten mit Halbwahrheiten und Spekulationen. Zusammengehalten wird der Beitrag von Formulierungen wie "Die Vermutung liegt nahe", "Es könnte also sein", "Darüber herrschen wohl kaum Zweifel", "Es gibt ernst zu nehmende Hinweise": Assoziation und Suggestion statt Logik und Empirie.

So landet Stetter umstandslos bei der These, die amerikanische Regierung überziehe uns mit Chemtrails, um sich die Unterschrift unter das Kyoto-Protokoll gegen die Klimaerwärmung sparen zu können.

In alledem steckt ein wahrer Kern. Ein winziger. In der Tat kommt es vor, dass Flugzeuge Substanzen in die Atmosphäre sprühen. Linienmaschinen entledigen sich des Inhalts des WC-Waschbeckens durch ein Ventil im Heck. Mitunter, zum Beispiel vor Notlandungen, lassen sie auch Treibstoff ab. Flugzeughersteller berieseln ihre Produkte im Flug, um ihr Verhalten unter Vereisung zu studieren. Russische Flieger "impfen" Wolken mit Metallsalzen, um sie abregnen zu lassen, bevor sie Militärparaden auf dem Roten Platz durchnässen können. Auf gleiche Weise hielten auch die Veranstalter der Olympischen Spiele in Peking ihre Eröffnungs- und Abschlussfeiern trocken. Militär- und Raumfahrt-Ingenieure experimentieren seit Jahrzehnten mit künstlichen Wolken.

Doch für großflächige Manipulation sind diese Techniken schwerlich geeignet. Eine zusätzliche Wolke macht noch kein anderes Wetter – und Passagierflugzeuge fliegen ohnehin viel zu hoch, um ins Wettergeschehen eingreifen zu können. Psychogene Wirkstoffe kämen nach dem kilometerweiten Weg durch Wind und Wetter allenfalls in homöopathischen Dosen bei uns an.

Dennoch glauben erstaunlich viele Menschen ernsthaft an Chemtrails. Wer den Begriff googelt, findet unzählige Augenzeugenberichte, Fotos und verwackelte Videos von verdächtigen Wolkenformationen und von angeblichen Sprühanlagen in Flugzeugen. Er stößt auf Geschichten von anonymen Whistleblowern aus der amerikanischen Luftfahrtbehörde. Belastbare Hinweise auf ein geheimes Chemtrails-Programm wird er nicht finden.

Doch die Verschwörungstheoretiker irritiert das nicht. Sie haben gelernt, jeden Widerspruch als Bestätigung zu deuten. Und sie haben sich organisiert. Jedes Jahr veranstalten sie einen "Marsch gegen Chemtrails und Geo-Engineering", zu dem Menschen aus ganz Deutschland nach Berlin kommen.

Wortführer der Chemtrails-Bewegung ist der Rechtsanwalt Dominik Storr. Er lieferte sich in den vergangenen Jahren einen publicityträchtigen Rechtsstreit mit dem Meteorologen Jörg Kachelmann, der die Chemtrails-Gläubigen mit Neonazis und Psychopathen verglichen hatte. Vor einem Jahr wurde Storr vom Bürgermeister der Südtiroler Gemeinde Eppan zu einem Gastvortrag mit dem Titel "Für einen Himmel ohne chemische Wolken" eingeladen. Es kamen 500 Zuhörer, Südtiroler Zeitungen berichteten, als seien Chemtrails eine Tatsache.

Die Chemtrails-Theorie bietet alles, was eine klassische Verschwörungstheorie braucht: Sie ist kaum zu widerlegen, aber leicht durch Anekdoten zu "belegen". Sie hat den Reiz des Geheimnisvollen, denn mysteriöse Mächte sind im Spiel und raffinierte Technik. Außerdem bietet diese Theorie den Gläubigen etwas. Sie ist sozusagen praktisch. Das Kind hat Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule? Muss an den Chemtrails liegen! Das Beet ist vertrocknet, die Gartenparty endete im Sturzregen? Diese Schweine haben bestimmt wieder gesprüht! Man hat gerade sonst nichts zu tun? Einfach ans Fenster setzen und Chemtrails gucken!

Das ist das Wunderbare an den Chemtrails: Sie spielen vor unser aller Augen, sind aber zu weit weg, um sich durch Messungen überprüfen zu lassen. Jeder sieht die weißen Streifen, und jeder kann in ihnen sehen, was er möchte.