Wie die Menschen der Ertebølle-Kultur im Norden Deutschlands und in Dänemark vor 6.000 Jahren genau gejagt haben, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Es gibt zahlreiche Funde von Harpunen, aber in der Regel ist nicht mehr erhalten geblieben als die Spitze, die aus Walknochen oder Geweih besteht. Ein Schaft aus Holz und mögliche Umwicklungen aus Leder sind verrottet, wenn es sie jemals gegeben hat. Die Archäologen haben es nicht leicht: Ihre Funde sind selten vollständig. Eigentlich nie.

Was aber macht ein Forscher, der nur winzige Reste seines Forschungsgegenstandes in Händen hält? In diesem Fall: die Spitze der Harpune? Er stellt etwa Vermutungen an. Oder wissenschaftlich: Hypothesen. "Wir haben versucht, auch das darzustellen, was die Archäologen nicht finden – auch wenn manchmal Vermutungen im Spiel sind", sagt Harm Paulsen. Er und sein Kollege Ulrich Stodiek haben mit dem Neanderthal Museum in Mettmann eine Ausstellung über Techniken der steinzeitlichen Jagd, der Fischerei und des Fallenstellens entwickelt.

Die beiden Forscher zeigen darin die Geräte, mit denen der Mensch Jagd auf Beutetiere gemacht hat: Harpunen, Speerschleudern, Pfeil und Bogen oder Fanggatter. Und nicht bloß Fragmente davon, sondern die vollständigen Waffen. Es sind Nachbauten, welche die beiden Forscher selbst angefertigt haben. Dazu haben sie wissenschaftliche Publikationen über archäologische Funde gewälzt. Sie haben die Originalmaterialien besorgt, die Waffen rekonstruiert und damit experimentiert. Ob eine Waffe funktionstüchtig sei, ergebe sich oft in der Praxis. Hypothesen hin oder her. Manches sei einfach logisch. "Sie können nicht mit einer Harpune werfen, die bloß 1,20 Meter lang ist", sagt Paulsen. "Aber wenn die Harpune so lang ist wie ein Sportspeer, dann lässt sie sich gut werfen!" Die Rekonstruktionen hält Paulsen für sehr authentisch. Die Nachbauten seien keine Spielzeuge, sondern gefährliche Jagdwaffen.

Vor 40 Jahren hätten viele Archäologen über diese Herangehensweise die Nase gerümpft. Das könnt ihr doch nicht machen! Dazu fehlen euch die wissenschaftlichen Grundlagen! Das ist heute anders. "Inzwischen ist die experimentelle Archäologie als eine Methode innerhalb der Archäologie anerkannt", sagt Wolfram Schier vom Institut für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin. Wie überall in der Forschung seien auch die Ergebnisse der experimentellen Archäologie von unterschiedlicher Qualität. Es gebe hervorragende Studien, aber auch Experimente, die mehr der Show dienen, sagt Schier. Allgemein sei ein Defizit in der genauen Dokumentation festzustellen, was die Versuchsanordnung, verwendete Materialien, Umgebungsbedingungen, Versuchsdauer, beteiligte Personen, Wiederholbarkeit und Quantifizierbarkeit der Ergebnisse anbelangt.

Der Rekonstrukteur Harm Paulsen ist kein Wissenschaftler im herkömmlichen Sinne. Der 70-Jährige ist gelernter Radarelektroniker, war früher Angestellter im Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig-Holstein, hat aber nie Archäologie studiert. Trotzdem erhielt er im Jahr 2011 den Archäologiepreis der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte. Man könnte sagen: für seinen steinzeitlichen Heimwerkereinsatz. Paulsen ist Pragmatiker. Ein sehr überzeugender dazu. Seinen Freund und Kollegen Ulrich Stodiek konnte er dafür begeistern, seine Dissertation über steinzeitliche Speerschleudern zu schreiben. Speerschleuderfunde sind bis zu 20.000 Jahre alt und stammen aus dem Südwesten Frankreichs, aus Spanien, der Schweiz und Deutschland. Etwa 130 Hakenenden aus Rentiergeweih sind bekannt. Vermutlich gab es auch Speerschleudern aus Holz, die aber nicht erhalten geblieben sind.