Apfelernte © dpa

Es sieht malerisch aus, wie sich das Feld zur Elbe hin streckt und sich im Schatten des Deichs bis hoch zur Mühle ohne Flügel fädelt. Wie das Herbstlicht über den gestutzten Turm bricht, sich auf die Baumreihen gießt und das Grün noch grüner macht und das Rot in den Kronen noch roter und die Äpfel leuchten lässt wie Kugeln an einer geschmückten Weihnachtstanne. Es sieht gut aus, wie eine Ernte aus einem Bilderbuch für glückliche Bauern.

Aber es sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist es zu viel des Guten. Es ist alles ein bisschen anders, als es scheint, in diesem Jahr im Alten Land.

Ulrike Schuback rumpelt mit ihrem Geländewagen über das Feld in Jork, steigt aus und stapft mit großen Schritten über den Boden, den schon ihr Urgroßvater beackert hat. In engem Abstand reiht sich Apfelbaum an Apfelbaum, die Zweige gebogen vom Gewicht der Früchte, die so reich und dicht zwischen den Blättern sitzen, als seien es Weintrauben. "Die lass ich alle hängen", sagt Ulrike Schuback, "da freuen sich die Vögel." Sie schüttelt einen Zweig, sofort rauschen zwei Äpfel zu Boden. "Früher oder später fallen die eh von selbst ab, dann geh ich mit dem Häcksler drüber. Da freuen sich die Regenwürmer."

Vier bis fünf Kilo Äpfel, Sorte Jonagold und Jonagorette, hängen auf Ulrike Schubacks Feld in Jork noch an jedem Baum. Für die Vögel und die Regenwürmer. Insgesamt lässt sie auf ihren 15 Hektar Land 15 Tonnen ungepflückt hängen. Lässt sie einfach von alleine fallen, faulig werden und schrumpelig, vergammeln, verwesen. 15 Tonnen essbarer Müll, alleine bei Ulrike Schuback. Im gesamten Alten Land bleiben etwa 20.000 Tonnen liegen, Unter- und Übergrößen, ungeliebte Farben, unmoderne Sorten. Eine Fabrikhalle voller Lebensmittel, die keiner will und keiner vermisst.

Weil die Ernte so gut lief.

Weil das Geschäft so schlecht läuft.

Im Alten Land, Deutschlands größtem zusammenhängenden Obstanbaugebiet, lässt sich derzeit ein seltsames Gegeneinander beobachten: Die Landwirte erleben das vielleicht beste Erntejahr aller Zeiten – und gleichzeitig das schlechteste Wirtschaftsjahr seit Langem. Schuld daran sind zwei unberechenbare Mächte: das Wetter. Und Putin.

"Das Glück, das jetzt zum Unheil wird, bahnte sich schon im Februar an", sagt Frank Döscher. Da lag die mittlere Temperatur an der Elbe nicht, wie in normalen Jahren, bei 1,1 Grad – sondern bei mehr als 5 Grad. Dann kam der Sommer und brachte Strandwetter in den Norden. Und nun ein Herbst, golden und licht und sanft. "So ein Wetter ist schön, solange nur einige wenige Regionen damit gesegnet sind", sagt Döscher. Er ist Geschäftsführer der Erzeugergesellschaft Elbe Obst, die für 400 Obstbauern im Alten Land den Vertrieb organisiert.

Döscher sitzt in seinem Büro in Hollern-Twielenfleth, das Fenster im Rücken. Er sieht nicht, wie draußen Traktoren Hänger voller Apfelkisten über den Hof ziehen, für die kaum noch Platz ist – die Lager der Elbe Obst sind voll bis zum Rand. Wie überall im Alten Land.

Denn wenn unter so schönem Wetter wie in diesem Jahr eben nicht einige wenige, sondern alle Anbaugebiete Europas aufblühen, von Belgien bis Polen, von Norddeutschland bis Südtirol, dann wird der Segen zum Fluch. Wenn obendrein Wladimir Putin infolge der Ukraine-Krise den russischen Markt für Lebensmittel aus der EU schließt, wächst der Angebotsdruck ins Unhaltbare. Und der Preis fällt ins Bodenlose. "Wir haben zuletzt Aktionen mit Discountern gefahren, da haben Sie zwei Kilo Äpfel für 88 Cent gekriegt", sagt Frank Döscher. Er nennt das "die Deutschen anfüttern".

Das Anfüttern der Deutschen ist Teil einer Strategie, und ob sie aufgeht, ist gerade der große Poker im Alten Land.

Ulrike Schuback pokert besonders hoch. Vielleicht geht das nicht anders, wenn die eigene Familie seit dem 14. Jahrhundert die Böden in Jork bewirtschaftet und wenn man sein Leben lang gelernt hat, Obstbäume zu pflanzen, zu pflegen, zu ernten, und nun lernt, dass es sich nicht einmal mehr auszahlt, die Äpfel zu pflücken.

"Meine Schwester und ich haben schon als Kinder auf dem Hof angepackt", erzählt Ulrike Schuback, rupft einen Apfel vom Baum, die Oberfläche schon leicht klebrig. "Wachsig" nennt sie das, zu reif für den Handel. Aber er schmeckt noch. Ulrike Schuback kaut, schluckt, erzählt weiter, dass sie schon mit neun Jahren das Autofahren gelernt habe, um im Sommer mit dem VW Käfer ihrer Eltern über die Felder zu jagen und gierige Krähen mit lautem Hupen aus den Kirschbäumen zu scheuchen. Die Eltern hätten die Mädchen dafür bezahlt. "So kamen wir nach den Ferien immer mit 1000 Mark in der Tasche zurück in die Schule", sagt sie, "kein Wunder, dass meine Schwester Bankerin geworden ist."

Kein Wunder auch, dass Ulrike Schuback Obstbäuerin geworden ist. Eine große Frau, 46 Jahre alt, mit breitem Kreuz und starken, dunklen Händen. 1998 hat sie den Betrieb übernommen, 45 Hektar Land, 15 davon bewirtschaftet sie selbst. "Bei einer Ernte wie dieser bin ich ganz froh, dass ich 30 Hektar verpachtet habe. Sonst wüsste ich gar nicht mehr, wohin", sagt sie.

Im Grunde weiß sie es ja so schon nicht: Als sie zurück zum Auto läuft, knackt und spritzt es unter ihren Füßen, jedes Mal, wenn sie auf einen der Äpfel tritt, die so zahlreich im Gras liegen, dass sie sich an manchen Stellen schon zu kleinen Apfelbergen türmen.

"Viele Kollegen haben ihre Ernte von den Bäumen geholt und sie dann liegen lassen", sagt Ulrike Schuback. Sie hat sich selbst diesen Handgriff gespart. Lässt das Obst hängen, bis es von alleine zu Fallobst wird. Das ist nicht gut für den Baum. Aber das nimmt Schuback in Kauf.

"20 Cent", sagt sie bitter. So viel bekommt sie aktuell für ein Kilo Tafeläpfel – dabei lägen schon ihre Produktionskosten pro Kilo bei 20 Cent. Für ein Kilo Obst, das sie an Brennereien oder Mostereien liefert, könne sie gerade mal mit zwei Cent rechnen. Deshalb verkauft Schuback momentan nicht. Gar nichts. "Ich hoffe, dass der Preis vor Weihnachten auf 30 Cent klettert. Aber um klarzukommen, brauchte ich 40 Cent", sagt sie. Sie steigt ins Auto, gibt Gas. Ihr Handy klingelt.

"Hallo Gerd", sagt sie.

Gerd ist Obstgroßhändler.

Zwölf Kilometer weiter, auf dem Gelände der Elbe Obst, sitzt Frank Döscher, bläst die Backen auf und atmet laut aus. "Ja. Das Obst bleibt einfach liegen. Ja. Mich stört das. Wenn mich so etwas nicht stören würde, wäre ich hier fehl am Platz. Nur: Ich kann’s leider nicht ändern", sagt er. Insgesamt 360.000 Tonnen Äpfel wurden in diesem Jahr im Alten Land geerntet – fast doppelt so viel wie 2013.