Angus Young auf der Bühne © C. Tyler Crothers

DIE ZEIT: Mr. Young, haben Sie schon mal ein Hotelzimmer verwüstet?

Angus Young: Lassen Sie mich mal kurz überlegen, nein, noch nie. In den frühen Tagen von AC/DC ging es aber manchmal wüst zu. Wenn ich dabei war, wie ein Fernseher aus dem Fenster flog, sagte ich immer nur, dass wir den besser einpacken und mitnehmen sollten als zerstören, denn zu Hause hatte ich nie so feine Fernseher wie die im Hotel.

ZEIT: Die wilden Tage Ihrer vor gut vierzig Jahren gestarteten Band AC/DC liegen lange zurück. Es scheint vielmehr, dass Sie in den vergangenen Jahrzehnten all die Klischees, die mit hartem Rock ’n’ Roll einhergehen, ignorierten, um sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Stimmt das?

Young: Genauso war es. Mein Bruder Malcolm sagte immer: Viele Musiker tun zu viel für den Effekt, aber wir von AC/DC brauchen keine Effekte, denn wir haben ja unsere Musik. Dass wir in den Anfangstagen von AC/DC etwas randalierten, war nicht mal unsere Idee, sondern der Versuch unseres damaligen Managers, für Aufmerksamkeit zu sorgen, indem er uns aufforderte, irgendwelchen Mist zu machen. Jede Woche dachte sich der Mann etwas anderes aus, um Trubel zu veranstalten. Mir wurde geraten, besonders viel Quatsch zu machen. Wir spielten eine Weile mit, denn als junge und unerfahrene Band muss man viel ausprobieren, bis man seinen Weg findet. Trotzdem kam der Tag, an dem Malcolm sagte, dass es genug ist. Danach hatten wir einen besseren Manager, und Showeffekte waren nicht mehr gefragt. Seitdem machen wir nur noch Musik, und das ist letztlich auch das einzige Image, das wir vermitteln wollen. Mir tun alle die guten Musiker leid, deren Image von Dramen und Effekten überschattet wird. Nehmen sie Michael Jackson: Ab einem gewissen Punkt seiner Karriere sahen viele Menschen nur noch seinen schrillen Lebenswandel. Ich hoffe sehr, dass man sich an AC/DC vor allem wegen der Musik erinnert, denn die ist harte Arbeit.

ZEIT: Ihr neues Album Rock Or Bust ist das erste AC/DC-Album ohne ihren Bruder, den Rhythmus-Gitarristen Malcolm Young, der eine zentrale Rolle in der Band spielte und nun aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden ist. Stimmt es, dass die Platte eigentlich Man Down ("Ein Mann weniger") heißen sollte?

Young: Ja, das war eine Idee unseres Sängers Brian Johnson, aber sie war nicht wirklich ernst gemeint, sondern eher Ausdruck seines ungeheuren Schmerzes. Er vermisst meinen Bruder, so wie wir alle, wahnsinnig. Malcolm war der positive Motor der Band. Er ließ sich nie unterkriegen und hatte für alle Probleme eine Lösung parat. Als 1980 unser erster Sänger Bon Scott überraschend starb und ich schwer unter Schock stand und nicht wusste, ob es mit unserer Band weitergeht, nahm Malcolm mich beiseite und sagte: Jetzt pass mal auf, wir zwei lassen uns von nichts und niemandem unterkriegen! Niemals! Wir haben keine Zeit zu trauern, wir müssen unseren Job erledigen. Dann kam Back in Black. Nur mit dieser Haltung geht es weiter. Wenn wir uns zu sehr von Emotionen überwältigen lassen, werden wir alle nur depressiv und gehen unter.


ZEIT:
Nun heißt Ihr Album Rock Or Bust. Hat das einen tieferen Sinn?

Young: Nun ja, das war meine Idee, und ich finde, das passt: Rock Or Bust ("Rock oder gehe kaputt"). Darum geht es jetzt wieder bei AC/DC, wenn man unsere Lage so betrachtet. Entweder hängen wir uns noch mal richtig rein, oder wir lassen es, für immer.

ZEIT: Sie sind fast sechzig, haben alles erreicht, was es in Ihrer Branche zu erreichen gibt. Aufhören war nie ein Thema?

Young: Natürlich habe ich die Idee durchgespielt, die Arbeit mit der Band zu beenden, aber ich bin ein lausiger Golfer, also, was sollte ich dann tun? Ich habe mit Malcolm schon vor längerer Zeit darüber gesprochen, als wir an dem vorherigen Album Black Ice gearbeitet haben und erste Anzeichen seiner Krankheit aufkamen. Ich fragte ihn, ob wir wirklich noch ein Album einspielen sollen und auch noch Konzerte geben. Er sagte nur: Selbstverständlich, ich mache so lange weiter, wie es nur geht. Das war eben seine Haltung: Weitermachen. Immer weitermachen! Das war natürlich auch seine Stärke. Als er mir eines Tages dann aber sagte, dass er es nicht mehr schafft, wusste ich, dass es nun ernst ist und ich alleine eine Entscheidung treffen muss. Ich habe die Band zusammengetrommelt und alle um ihre Meinung gebeten. Zusammengefasst, sagten sie, dass sie alle bereit seien, mich zu unterstützen – egal, was ich plane. Letztlich ist Malcolms Haltung zum Weitermachen der ganzen Band ins Blut übergegangen.

ZEIT: Wie kamen Sie auf Stevie Young, Ihren Neffen, der Ihren Bruder nun ersetzt?

Young: Als Malcolm 1988 ein schweres Alkoholproblem hatte und eine Weile pausierte, um die Sucht in den Griff zu bekommen, sprang Stevie auf einer USA-Tournee für ihn ein. Das war noch Malcolms Entscheidung. Und Stevie erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen bravourös. Als es nun darum ging, Malcolm endgültig zu ersetzen, war Stevie die naheliegende Lösung. Dazu kommt, dass er stilistisch Malcolm verblüffend ähnlich ist und sein Instrument beherrscht. Auch sonst hat er vieles mit meinem Bruder gemein. Die zwei mögen sogar dasselbe Fußballteam. Was will man mehr?

ZEIT: Malcolm hatte eine präzise Vorstellung davon, was AC/DC ausmacht. Wie schwierig war es, das erste Album ohne ihn als Regisseur aufzunehmen?

Young: Das war nicht so einfach. Malcolm war total durchorganisiert. Er hatte immer einen Plan, wusste, was er will und tut. Ich bin dagegen ein Chaot und kämpfe immer damit, in mein Chaos eine gewisse Ordnung zu bekommen. Aber ich habe es mit Stevie an der Seite trotzdem hinbekommen. Malcolm und ich haben uns immer Ideen so lange zugespielt, bis wir einen Song hatten. Nun spielte ich also Stevie meine Songideen vor. Ich machte ihm vorher klar, dass er keinen Respekt haben soll, sondern mir ehrlich seine Meinung sagen muss. Das klappte. Der Produzent Brendan O’Brien sagte dann zu Beginn der Aufnahmen: Okay, Malcolm ist nicht hier, aber wir haben immer noch zwei Gitarristen, lasst uns also genau den alten Sound aufleben. Ich werde mich darauf konzentrieren, diesen AC/DC-Sound-der-zwei-Gitarren zu zelebrieren. So hat er uns tatsächlich neues Selbstvertrauen gegeben.

ZEIT: Mit einer Laufzeit von knapp unter 35 Minuten ist Rock Or Bust das kürzeste AC/DC-Album überhaupt. Warum?

Young: Weil wir es mehr denn je für angebracht hielten, ohne Umwege auf den Punkt zu kommen. Die beste Zeit für Songs waren für mich schon immer die sechziger Jahre, da kamen die Musiker schnell zur Sache. Diesen Geist, den AC/DC in ihren besten Momenten immer beschwor, wollten wir wieder aufleben lassen.