Der Teufel trägt einen grünen Overall. In der einen Hand hält er einen Kescher, in der anderen einen Plastikeimer. Bei jedem Schritt flüchten Küken vor seinen Gummistiefeln. 42.000 Tiere leben in diesem Stall in Barsinghausen in der Nähe von Hannover. Es ist heiß, und es riecht nach Ammoniak. Sobald der Mann ein schwaches Tier sieht, schnappt er es. Mit schnellem Griff dreht er dem Küken den Hals um. Später wird er ihm den Bauch aufreißen, um in Niere und Darm nach Anzeichen für Infektionen mit Keimen zu suchen.

Andreas Wilms-Schulze Kump ist Tierarzt und für einige seiner Kollegen die Inkarnation des Bösen. Er hat sich auf die Betreuung von Hühnern und Schweinen in der industriellen Massentierhaltung spezialisiert. Wilms arbeitet für den Wiesenhof-Konzern, die Rothkötter-Gruppe und andere große Fleischunternehmen. Gemeinsam mit den 13 fest bei ihm angestellten Tierärzten erzielt er einen Jahresumsatz im mittleren siebenstelligen Bereich. In einem Viertel aller Hühnerställe in Deutschland ist er für die Tiergesundheit verantwortlich. Die Ladefläche seines weißen Mercedes Vito ist vollgestellt mit Plastikkanistern, in denen Arznei herumschwappt.

Großveterinäre wie er unterstützen das System der industriellen Tierproduktion. Durch den häufigen Einsatz von Antibiotika trieben sie die Resistenzentwicklung von Keimen wie MRSA oder ESBL-Bildner voran, kritisiert das Tierärztliche Forum für verantwortbare Landwirtschaft, eine Verbindung von 140 kritischen Veterinären. Je öfter sie verabreicht werden, umso mehr Keime überleben, die zufälligerweise gegen die Antibiotika resistent sind, und vermehren sich. Untersuchungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben gezeigt, dass 70 bis 100 Prozent aller Masttiere mit Antibiotika behandelt wurden. Ein Leben ohne kennen sie nicht.

"Die tierärztliche Betreuung stellt eine Schlüsselposition für den wirtschaftlichen Erfolg im Betrieb dar", wirbt eine tierärztliche Großpraxis im Internet für ihre Dienste. "Die Tierproduktion muss günstig bleiben, und wir müssen dafür sorgen, dass der Bauer weiter Gewinne macht", sagt ein Tierarzt aus Bayern. Auf der Webseite von Wilms’ Praxis heißt es, das Ziel sei, "die Optimierung des Tierbestandes voranzutreiben". Tierärzte sind heute nicht nur Heiler, sondern oft auch Unternehmensberater.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Mit ihnen ins Gespräch zu kommen ist schwer. Andreas Wilms ist einer von wenigen, die die ZEIT empfangen haben und sich mit ihrem richtigen Namen zitieren lassen. Viele fürchten, für die Resistenz-Misere allein verantwortlich gemacht zu werden. Schon das Wort "Massentierhaltung" sei eine ideologische Unterstellung. Ein Verbandsvertreter bricht den Kontakt ab, als der Begriff einmal gefallen ist.

Zurück zum Hühnerstall: Wilms bleibt vor einer Luftklappe stehen, schaut mürrisch und ruft dem Geflügelbauern durch das Gackern zu, er möge die Klappe lieber schließen. Damit bekämen die Hühner zwar weniger Frischluft, aber wenn "zu viel Zugluft ist, geht die ganze Energie in die Federn und nicht ins Wachstum". Er meint: ins Fleisch. Wilms nennt seine Landwirte Kunden. Das klingt so gar nicht nach Bauernhofromantik. Aber ist die Sache wirklich so einfach? Tragen Tierarzt-Unternehmen eine Mitschuld daran, dass Antibiotika nicht mehr wirken?

Im Komplex der industriellen Fleischproduktion verdienen viele an unglaublich billigen Hühnerbrüsten und Schweinelenden: Supermärkte, Fleischkonzerne, Futtermittelhersteller, Züchter, Pharmaunternehmen sowie Mäster. Doch die Großveterinäre halten das gesamte System überhaupt erst am Laufen.

Bauern können nur mit großen Betrieben wirtschaftlich erfolgreich sein. Darum mästen immer weniger von ihnen immer mehr Kühe, Schweine und Hühner. Von den 250.000 Schweinehöfen, die es 1993 noch gab, existiert nur noch jeder zehnte. Versorgte ein Landwirt kurz nach der Wiedervereinigung durchschnittlich 100 Schweine, sind es heute zehn Mal so viele. Nur wer wächst, überlebt.

Um sich wirtschaftlich abzusichern, begeben sich viele Landwirte in die Abhängigkeit einer sogenannten "Integration". Sie schließen sich Fleischkonzernen wie der PHW-Gruppe (Wiesenhof), Rothkötter, Stolle, Sprehe oder Borgmeier an. Die Firmen versprechen den Mästern, die Schlachttiere abzunehmen. Im Gegenzug müssen die Bauern vielfach die auf Leistung gezüchteten Ferkel- oder Küken-Rassen der Konzerne kaufen, deren Futter einsetzen und auf den Tag genau an die Schlachthöfe liefern. Antibiotika helfen, die Zeit- und Mengenvorgaben einzuhalten.