Aufwühlende Zeiten erfordern besondere Maßnahmen, und deshalb hat Bernhard Vogel (CDU) in gewisser Weise wieder Regierungsverantwortung übernommen. Als provisorisches Amtszimmer nutzt er jetzt gerne ein Separee im Restaurant Rossini, gleich neben der Erfurter Staatskanzlei. Dort gibt es guten Apfelstrudel.

Wer Bernhard Vogel im Rossini besuchen will, muss durch eine gläserne Schiebetür. Dahinter empfängt Vogel, zum Beispiel, Journalisten. Oder CDU-Granden. Mit denen berät er über die Frage, was die Partei retten könnte. Und wer. Vogel ist jetzt ein wichtiger Vermittler.

Denn die Partei sehnt sich nach Rettung. Vogels Nach-Nachfolgerin Christine Lieberknecht, Thüringens Regierungschefin, steht kurz vor dem politischen Ende. Und ein Linker, Bodo Ramelow, kurz vor der Macht.

Vogel, 81, war von 1992 bis 2003 in Thüringen Ministerpräsident – wie schon zuvor in Rheinland-Pfalz. Als innerparteilicher Diplomat ist Vogel jetzt einer, auf den die meisten sich einigen können. Er lebt eigentlich schon lange wieder im rheinland-pfälzischen Speyer. Aber dieser Tage sieht man ihn oft in Thüringen. Er will sein Erbe bewahren, seinen schwarzen Freistaat.

Wie geht es ihm, wenn er an diesen denkt? "Ja, Gott", antwortet Vogel. Er bestellt einen Apfelstrudel. Dann sagt er: "Alles hätte ich mir vorstellen können. Alles, nur das nicht. Die Vorstellung, dass in meinem Dienstzimmer, das ich in der Staatskanzlei eingerichtet habe, einmal Herr Ramelow sitzen könnte: Das ist schockierend."

So großes Unheil soll Thüringen drohen?

Am 5. Dezember wählt der Landtag einen neuen Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow will danach eine rot-rot-grüne Koalition anführen, mit nur einer Stimme Mehrheit im Parlament. Das Bündnis ist wacklig, aber vieles spricht dafür, dass diese Mehrheit am Ende ausreichen wird. Das ist Bernhard Vogels Problem mit dem Land.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 49 vom 27.11.2014.

Aber es gibt auch ein nicht minder großes Problem, das Vogel, der Thüringer CDU-Ehrenvorsitzende, in seiner Partei lösen muss. Seit 2009, seit dem Rücktritt des Vogel-Zöglings Dieter Althaus vom Amt des Ministerpräsidenten, gibt es hier in der Union ein Schisma. Christine Lieberknecht hat es nie vermocht, die ganze CDU hinter sich zu versammeln. Es gibt den Flügel der alten Althaus-Leute, und es gibt die Lieberknecht-Getreuen. Jetzt, da die Macht wegbricht, werden die Gräben sichtbarer denn je. In den vergangenen Wochen sind deshalb Lieberknechts Leute wie deren Gegner auf Vogel zugekommen. Ob er helfen könne, wenn es darauf ankomme. Ob er dabei behilflich sein könne, den Übergang in der Partei zu organisieren – als Moderator. Dann, wenn das bislang Undenkbare eintritt. Der Gang in die Opposition.

Aber ist Ramelow nicht schon so gut wie sicher gewählt, Herr Vogel? "Es wird schwer, das zu verhindern", sagt er. "Aber wir müssen alles tun, damit er bei der Wahl im Landtag noch scheitert." Und wenn sie doch gelingt? Dann gilt, sagt Vogel: "Zwar würde ich sie persönlich als schlimmes Signal empfinden. Aber Ramelows Wahl zum Ministerpräsidenten wäre nicht der Untergang des Abendlandes in Thüringen. Man kann ein Land, das so gut dasteht, nicht in fünf Jahren kaputt wirtschaften. Und es liegt auch gar nicht im Interesse von Bodo Ramelow, hier irgendetwas zu zerstören. Ich rechne nicht damit, dass er alles auf den Kopf stellen wird."

Wird er nicht?

Vogel antwortet: "Nein, er wird sich sehr bemühen. Er wird auf leisen Sohlen regieren, er wird sehr friedlich und verbindlich die ersten beiden Jahre bestreiten. Ramelow wird nicht alle Gesetze ändern. Wahrscheinlich wird er wenige grobe Fehler machen."