Von allen literarischen Clubs ist er der kleinste und feinste: der Club der Großbiografen. Sein Ehrenvorsitzender ist der Baseler Historiker Werner Kaegi, dessen achtbändige Biografie Jacob Burckhardts dem Stil und der Sache nach ein beständiges literarisches Wunder ist. Ihm zur Seite sitzen der Amerikaner Leon Edel mit seinen fünf Bänden über den Romancier Henry James und der italienische Historiker Rosario Romeo mit vier Bänden über den Staatsmann Camillo Cavour. Nun ist mit dem abschließenden dritten Band seiner 2027 Seiten umfassenden Kafka-Biografie auch der Deutsche Reiner Stach in diesen erlauchten Club aufgestiegen. (Wo übrigens, von der Öffentlichkeit viel zu wenig gewürdigt, schon seit einiger Zeit der Ludwigsburger Kafka-Forscher Hartmut Binder mit seiner fünfbändigen Bilddokumentation von Kafkas Leben und zahlreichen weiteren kanonischen Werken sitzt – doch dazu später.)

Stach begann seine Biografie vor zwölf Jahren mit einer, wie er selbst schrieb, "auf den ersten Blick vielleicht befremdenden Entscheidung". Nicht mit Kafkas Kindheit, Jugend und Jungmännerjahren setzte der erste Band Die Jahre der Entscheidungen ein, sondern mit dem Jahr 1910, in dem Kafka 27 Jahre alt wurde und seine Tagebücher begann, diese für jeden Biografen so unschätzbare Quelle. Für die Jahre davor hielt Stach die Quellenlage für zu dünn. Seit Klaus Wagenbachs Jugendbiografie aus dem Jahr 1958 habe sich der "Kenntnisstand kaum verbessert". Insbesondere sei der Nachlass "des langjährigen Freundes Max Brod, eine erstrangige Quelle" der Forschung, noch nicht zugänglich.

Und dann begann Stach seinen Eröffnungsband noch mit einer anderen, überaus kühnen Entscheidung. Er verzichtete darauf, Kafkas Leben chronologisch Tag für Tag nachzuerzählen. Mehr als die "horizontale Dimension, die soziale Ausdehnung einer Existenz", interessierte ihn die Vertikale. "Der Reichtum von Kafkas Existenz hat sich wesentlich im Psychischen entfaltet, im Unsichtbaren, in einer vertikalen Dimension, die mit der sozialen Landschaft scheinbar gar nichts zu tun hat und diese dennoch überall, in jedem Punkt durchdringt." Diesen Tiefen Kafkas widmete sich Stach mit einer Empathie ("das Zauberwort des Biografen"), wie man sie selten gesehen hat.

Kann man wirklich "innerlich nachvollziehen, was ein anderer erfuhr"? Wird das alles gut gehen, fragte man bang, als Stach sich 2002 daranmachte, auf geschlagenen 701 Seiten nur gerade 5 der fast 41 Jahre Kafkas zu erzählen, freilich die Jahre des Durchbruchs zu den großen Erzählungen, die Zeit der überströmenden Briefliebe zu Felice Bauer. Wird er durchhalten, fragte man weiter, als Stach 2008 einen zweiten Band vorlegte, Die Jahre der Erkenntnis, der sich auf 728 Seiten Kafkas letzten Jahren von 1916 bis 1924 widmet.

Es ging sehr gut, und Stach hielt durch. Er lieferte eine Lebenserzählung, deren immense Vorzüge ihre paar deutlichen Tücken bei Weitem überwogen. Er gab uns enorme Passagen, Hunderte intensivster Seiten, auf denen er seinem "Traum", zu "erleben, wie es gewesen ist, Franz Kafka zu sein", so nahekam, wie es nur geht. Hatte man je Kafkas Körpererfahrung auf diese Weise nachvollziehen können? Seine mit Ekel und Scham vermischte Sexualität, seine Melange von Vegetarismus, Turnbegeisterung und Schwimmfreude? Stach ging Kafkas Schuldgefühlen bis in die Feinheiten grausamer körperlicher Selbstzerstörungsfantasien nach. Er zeigte mit feinstem Ohr, wie all dies Sprache wurde, zeigte, wie diese Sprache entstand, wie sie reiner wurde, rein bis zu ewiger Frische, wie sie zur Form fand und wie sich in sie die Nuancen der Ironie mischten, die Kafka bis in die tiefsten Depressionen begleitete. Und Stach verknüpfte diese Tiefen kunstvoll mit einem unausschöpflich reichen Panorama von Kafkas sozialer Existenz. Plötzlich stand man vor Kafkas Hebräischlehrerin, hörte Kafka als Redner fürs verpönte Jiddische plädieren und sah sich – dank Stach zum ersten Mal überhaupt – bei Felice Bauers Berliner Familie um.

Wie hat Stach das gemacht? Wie, vor allem, hat er die tausend Peinlichkeiten umschifft, die auch eine weniger ambitiöse Empathie schon ruinieren könnten? Erstens war seine Empathie immer hochgradig informiert. Auch in ausladenden szenischen Vergegenwärtigungen war nichts erfunden; ausgemalte "leere Umrisse" gab es nicht. Zweitens verfügte dieser Biograf stets über ein Deutungsvermögen, dessen Feinheit, Takt und Angemessenheit man einfach nur bewundern konnte. Und drittens war Stach seiner Sache sprachlich vollauf gewachsen.

Zu den Tücken dieser Erzählweise gehörte, dass man in den ausführlichen Nahansichten nicht selten den Überblick verlor. Wenn man sich dann in der Kafka-Chronik des Wagenbach-Verlags kundig machte, stellte man überrascht fest, wie viele Einzelheiten von Kafkas Leben außerhalb von Stachs Fokus geblieben waren. Manchmal tendierte Stachs Nuancenfreude auch zu einer gewissen Breiigkeit; wer die Konturen, Schwellen, Zäsuren zurückhaben wollte, musste sich an den ersten Band von Hartmut Binders gutem altem Kafka-Handbuch halten.

Seit dem Erscheinen des zweiten Bandes sind nun wieder sechs Jahre ins Land gegangen, und die haben den Autor in die Bredouille gebracht. Während Stach uns in den ersten zwei Bänden einen immer schon recht wohlbekannten Kafka atemberaubend nahegebracht hat, erwartet nun alle Welt, dass er endlich die Rätsel von Kafkas weitgehend unbekannten Kinder- und Jugendjahren löst. Er soll dies tun, obwohl Kafka über diese Zeit, vom Brief an den Vater abgesehen, recht wenig Persönliches von sich gegeben hat, kein Tagebuch und statt der späteren Ströme nur ein dünnes Rinnsal Briefe. Und obwohl die "beträchtlichen Lücken" in der Quellenlage, die Stach in der Einführung des ersten Bandes beklagt hatte, fortbestehen. Noch immer ist der Nachlass Max Brods der Forschung unzugänglich. Und so ist Stach gezwungen, im neusten Band auf "einer Wissensbasis" zu arbeiten, die er früher als "unverantwortlich" und "wenig motivierend" bezeichnet hatte. Merkwürdigerweise geht er auf diesen Umstand mit keinem Wort ein. Man muss dem feinen Anmerkungsteil entnehmen, dass Stach einige Teile des Brodschen Nachlasses irgendwie doch zu kennen scheint, dass aber "die meisten" seiner Informationen etwa zur Herkunft von Kafkas Eltern noch immer auf den alten Recherchen Klaus Wagenbachs und Alena Wagnerovás beruhen.

Auf eigene Funde und eigene Quellenarbeit konnte sich Stach bei diesem grundlegenden Band also weniger verlassen als früher. Seine Grundlage ist, wie die Anmerkungen in höflicher Transparenz klarmachen, die Kafka-Forschung und die Geschichte Prags und Böhmens. Doch zeigt sich gerade in dieser nicht undelikaten Lage, was für ein fabelhafter Biograf Stach ist. Zu weiten Teilen der Kafka-Forschung verhält sich Stachs Prosa wie ein attraktiver Farbfilm zu knisternden Stummfilmen. Man lese nur, was er auf seinen ersten Seiten aus dem 3. Juli 1883, dem langweiligen Prager Tag macht, an dem Kafka zur Welt kam. Nur er scheint gemerkt zu haben, dass an diesem Tag Wahlen zum böhmischen Landtag stattfanden und dass durch eine Änderung des Wahlrechts die Tschechen erstmals die Deutschen im Landtag überflügelt haben. Nur er ist auch hingegangen und hat die Wahlkommentare in der Wiener Neuen Freien Presse nachgelesen, die so slawophob ausgefallen waren, dass die staatliche Zensur in Wien das Blatt wenige Tage später konfisziert hat.