Treppenhäuser zum Beispiel: oft durchschritten, oft missachtet beim Aufstieg hin zum eigentlichen Ziel. Dabei sind sie wichtige Räume der Vorbereitung. Hier wappnet man sich für das Streitgespräch hinter verschlossenen Türen, hier hegt man Hoffnungen, fasst Vorsätze. Das abgegriffene Treppengeländer, die floralen Bordüren an der Wand und die glänzenden Messingstäbe des Teppichs werden zu Zeugen des spannungsvollen Moments vor dem Eintritt. Gewöhnliche Requisiten, vom Treppensteiger meist nicht weiter zur Kenntnis genommen, und doch geben erst sie seinem Auftritt Haltung und Form.

Bora Ćosić, der 1932 in Zagreb geborene serbische Schriftsteller, hat einen genauen Blick für jene unscheinbaren Requisiten, die allgegenwärtig sind. In seinem neuen Buch Lange Schatten in Berlin spürt er dem Geheimnis der Dinge und Räume nach, die gewöhnlich links liegenbleiben, nicht zum eigentlichen Inventar gezählt werden. Ćosić befreit sie aus ihrer Anonymität und gibt ihnen Rang und Namen.

Die Diele etwa, oft in schummriges Halbdunkel getaucht, ein Vorort, an dem man sich nicht aufhält, nur Kleidung ab- oder anlegt, ein flüchtiger Blick in den Spiegel, um dann weiterzuhasten. Aber wer, angezogen vom Glanz der großen Räume, die Diele einfach missachtet, der verfährt wie der ignorante Leser, der das Vorwort eines Buchs überblättert.

Mit Verve bricht Ćosić eine Lanze für Orte des Transits, für Fußgängerinseln wie für Aufzugkabinen. Er klopft ihre funktionale Fassade auf fantastische Stellen ab. Im langgestreckten Korridor seiner Berliner Altbauwohnung erkennt er Ähnlichkeiten mit einer Einkaufspassage: Die Badezimmertür gilt ihm als Eingang zu einem Friseursalon, die Einbauschränke verweisen auf die Art, nach der Modegeschäfte in Passagen untergebracht sind. Den kleinen Zwischenraum inmitten zweier Kastenfenster apostrophiert Ćosić als "Refugium des Irrationalen in der strengen Gebrauchsfertigkeit der Wohnung". Der Briefkasten ist ihm kein profaner Lagerort, sondern der "geistreichste Teil der Wohnung". Hier werden die Geheimnisse unserer Existenz verwahrt. Ein belebter Nachrichtenpavillon ist das, ein Miniaturabbild unserer eigenen Wohnung mit Namensschild, nur ohne Fußmatte, "denn die Geister, die hier verkehren, gehen barfuß". Voller Leidenschaft präsentiert Ćosić dem Leser seine Schätze und Trouvaillen, aber nicht um ihn auf Biegen und Brechen zu rühren, sondern um zu zeigen, wie sehr es sich lohnt, den Sinn zu schärfen für das Partikulare. Aus diesem Gestus heraus entsteht eine illustre Typologie der Nebenschauplätze.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Wunderbar etwa Ćosićs Liebeserklärung an den Schatten, der vor seinem Haus liegt wie ein treuer Wachhund, unbeirrt von allen Äußerlichkeiten und Stimmungsschwankungen, sich seiner natürlichen Grenzen bewusst, nie aufdringlich. Allerdings ein "dämmriges Wesen, sehr verschlossen", weil es seinen Rang im Allgemeinen unterschätzt findet. "Die Berliner Schatten haben ihren Anlass überlebt, so wie die ganze Stadt mit den ganzen Gespenstern der Vergangenheit ihre Geschichte überlebt hat."

Lange Schatten in Berlin ist ein Buch ohne Anfang und ohne Ende. Es beginnt im Ungefähren, lässt sich von einer Reflexion zur nächsten treiben und kommt zu keinem definitiven Schluss. Die Lektüre mutet an wie ein langer, absichtsloser Streifzug durch ein Magazin, prall gefüllt mit geheimnisvollen Dingen, die mehr sind, als sie scheinen. Ćosić, der 1969 mit einem Roman über den Alltag einer Belgrader Familie nach dem Zweiten Weltkrieg international bekannt wurde und sich seit seiner Flucht vor dem Milošević-System den Folgen von Krieg und Totalitarismus immer wieder literarisch genähert hat, entwickelt hier eine besondere Form der Chronik. Eine Chronik, die – zwischen Fantasie und Realismus changierend – nicht nur behutsam den Bestand aufnimmt und ordnet, sondern auch deutlich einen Verlust anzeigt. Denn Ćosićs Miniaturen sind durchzogen von einer feinen Melancholie über das Verschwinden der bürgerlichen Lebenswelt. Ihr spürt Ćosić nach bei seinem Gang durch die Charlottenburger Wohnung, die vor mehr als einem Jahrhundert entworfen wurde für andere Charaktere, andere Gemüter. Die Gegenstände und Räume werden bei ihm zu Kronzeugen mit eigenem Willen und Rechtsgefühl: "Unglaublich, wie einzelne Räume, und seien sie auch das Werk menschlicher Hände, Ehrgeiz entwickeln und werden, was sie werden wollen", heißt es einmal und: "die Dinge entziehen sich ihrer Bestimmung und sind imstande, etwas anderes zu werden als das, was sie ursprünglich sein sollten."

Überall auf seinem von Walter Benjamin oder (wichtiger wohl noch) vom serbischen Dichter Miloš Crnjanski inspirierten Flanieren durch den Westen Berlins stößt er auf das Bürgerliche als ein Versprechen vergangener Tage. Im Korridor seiner Altbauwohnung entdeckt Ćosić die "letzten Geheimnisse einer bürgerlichen Anatomie", im Aufzug mit gepolsterter Bank und Spiegel sieht er eine Ordnung gegen das "Chaos unseres Seins" aufscheinen. Der Blick durch die Tür zur Hintertreppe, über die einst die Bediensteten eintraten oder Waren angeboten wurden, erlaubt für einen kurzen Moment das Gefühl einer "höfischen Perspektive". Aber schon wird die Tür wieder von einer Kette verhängt und abgeschlossen, denn: "heute gibt es keine Dienstboten mehr und die Gauner der diversen Dienstleistungsberufe benutzen den Haupteingang."

Das "Bürgerliche" hat bei Ćosić nichts von jener angegrauten Kategorie, mit der heute zuweilen die verbeamtete Wohlstandswonne einer spießigen Mittelschicht umschrieben wird. Bürgerlich, das meint hier Ideale, Glaube ans Geheimnis, ist auch Rezept gegen geistige Verwirrung: freie Köpfe unter hohen Decken! In seiner beiläufigen Wehmütigkeit erinnert das schöne Buch von Bora Ćosić zuweilen an die sachliche Melancholie des Dichters Gottfried Benn: "Ohne Rührung sieht er, wie die Erde eine andere ward, als ihm begann / nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde / formstill sieht ihn die Vollendung an". Wenn Abschiedsschmerz so zärtlich gebrochen und gerecht zugeteilt wird wie hier, dann nimmt man ihn gerne hin – und will sogar mehr davon.