Der Präsident des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, inmitten von Kollegen in Karlsruhe © Uwe Anspach/dpa

Die Gelehrten des Mittelalters vergnügten sich mit einem Spiel, ludus non dicendi genannt. Es galt, den einzigen Satz herauszufinden, mit dem eine Rede oder ein Text auf keinen Fall beginnen durfte. Ein verführerischer Appell, Tabus zu brechen. Wer über die Wahl der Bundesverfassungsrichter schreibt, sollte danach einen Satz vermeiden: Es gab nie eine echte Wahl und wird auch in Zukunft keine geben. Denn etwas Wesentliches fehlt: Transparenz.

Bei den vier anderen Verfassungsorganen werden die Kandidaten, die zur Wahl stehen, öffentlich diskutiert. Der Bürger kann sich vorab über die Personen, die entscheidenden Einfluss auf sein Leben nehmen werden, informieren. Doch die Auslese für das fünfte Verfassungsorgan, das Bundesverfassungsgericht, findet hinter verschlossenen Türen statt. Die 16 Verfassungsrichter werden klammheimlich ausgehandelt.

Auch die Reform, die jetzt in Berlin auf der politischen Agenda steht, wird daran nichts ändern. Sie soll nur einen offenkundigen Kunstfehler korrigieren. Obwohl es im Grundgesetz unmissverständlich heißt, dass die Richter "je zur Hälfte vom Bundestage und vom Bundesrate gewählt werden", hat der Bundestag (anders als der Bundesrat) die Wahl selbstherrlich einem zwölfköpfigen Ausschuss übertragen.

Die Reform sieht vor, dass künftig das gesamte Parlament wählen, der Ausschuss aber seine Rolle als Findungskommission behalten soll. Wenige "Königsmacher" werden also künftig dem Bundestag ihre Kandidaten präsentieren, die dann eine geneigte Zweidrittelmehrheit "ohne Aussprache" abnicken darf (was peinlich an die Scheinwahlen der DDR erinnert). Mit der "Vertraulichkeit" ihrer Beratungen wollen die Mini-Reformer sicherstellen, "dass die Autorität der späteren Richterinnen und Richter nicht vor ihrem Amtsantritt durch eine öffentliche Personaldiskussion Schaden nimmt". Wie fürsorglich!

Schaden nimmt doch wohl eher die Autorität durch das Geheimverfahren. Wenn bei brisanten Prozessen Zweifel an der Objektivität einzelner Richter auftauchen, dann immer wegen der konspirativen Umstände ihrer Wahl.

Bei den Hauptstadtpolitikern war das Verfassungsgericht nie beliebt. Letztlich haben sie es aber akzeptiert. Ihr Status sichert den Richtern Unabhängigkeit. Das bedeutet: Die politischen Parteien haben nur ein einziges Mal wirklich die Chance, Einfluss auf das Gericht zu nehmen – bei der Richterwahl. SPD und Union haben denn auch die Richterposten ungeniert unter sich aufgeteilt. Zu ihren Gunsten spricht dabei nur, dass sie wegen der Zweidrittelmehrheit unter Einigungszwang stehen – und dass sie keine normalen Richter wählen, sondern Robenträger, die selber Politik machen.

Das erklärt vielleicht, warum sie ein Vorschlagsrecht beanspruchen, nicht aber, warum das schnurgerade auf nur eine Person zulaufen muss. Wählen wird so zur Farce. Das Verfahren würde seine apodiktische Note verlieren, wenn jede Partei drei Wunschkandidaten zur Auswahl präsentieren müsste. Der Proporz bliebe gewahrt, und die Abgeordneten hätten wirklich eine Wahl. Zu mehr Transparenz gehört auch, dass anders als bisher deutlich werden sollte, wes Geistes Kind ein Kandidat ist – etwa durch ein allgemein zugängliches Papier, in dem jede Partei ihren Kandidaten öffentlich vorstellt und eingehend begründet, warum sie ihn oder sie für besonders geeignet hält. Noch besser wäre eine öffentliche Anhörung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Die Gegner einer Anhörung malen ein Schreckensszenario an die Wand: Da würden Kandidaten, wie in den USA üblich, öffentlich "gegrillt". Ein Scheinargument. Fragen zur Privatsphäre könnte die Geschäftsordnung strikt untersagen – und Fragen, deren Beantwortung den Kandidaten für alle Zukunft befangen macht, verbieten sich von selbst. Stattdessen könnte er sich dem Ausschuss und der Öffentlichkeit mit einem Vortrag zu einem Thema seiner Wahl vorstellen – mit anschließender Diskussion.

Mancher Hochqualifizierte werde womöglich, heißt es, vor so einem Prozedere zurückschrecken. Ob das ein Verlust wäre? Scheu vor dem Publikum ist keine Empfehlung. Für souveräne Richter gehörte der öffentliche Auftritt auch zum Amt, der amtierende Präsident Andreas Voßkuhle nutzt ihn virtuos. Doch zugegeben, Transparenz birgt auch Gefahren in sich. Ein Kandidat kann unversehens, wie alle, die sich um ein hohes Amt bewerben, in die Schlagzeilen geraten. Das mag nicht jeder, was die Frage aufwirft, ob künftige Verfassungsrichter einer besonderen Schonung bedürfen. Eher nein. Sie streben ein Spitzenamt des Staates an. In dieser Höhe ist die Luft dünner.

Letztes Argument gegen einen Wandel: Die bisherige Praxis habe sich bewährt. Nüchterner betrachtet könnte man sagen: Es gab nie eine personelle Katastrophe, aber auch nie eine gezielte Bestenauslese. Im Karlsruher Glaspalast kamen immer Richter unterschiedlicher Qualität zusammen. Der Flurfunk kolportierte in jeder Ägide unnachsichtig die Schwächen von "Kollegen": Da brachte einer kein ordentliches Votum zuwege, ein anderer saß ewig auf seinen Akten, und ein Dritter hielt intellektuell mit dem Senat nicht Schritt. Selbst auf Normalmaß zurechtgestutzt verliert das Gericht nicht an Größe; seine Verdienste um die Republik sind Geschichte; der gute Ruf nimmt durch die Erkenntnis, dass dort nicht nur Überflieger sitzen, keinen Schaden.

Was spricht da noch gegen eine transparente, demokratische Richterwahl? Im Hohen Haus würde sich nichts ändern. Es trügen vielleicht andere die rote Robe. Nicht notwendig besser Qualifizierte, aber immerhin doch besser Legitimierte.

Rolf Lamprecht berichtet seit 1968 aus den Obersten Gerichtshöfen