Zu den erfreulicheren Prognosen rund um den Rock 'n' Roll gehört die Aussicht, eines Tages Außerirdische zur Musik von Chuck Berry tanzen zu sehen. Kein Witz, fragen Sie die Nasa! Seit dem 5. September 1977 ist die Raumsonde Voyager 1 auf ihrem Weg ins benachbarte Sonnensystem, an Bord neben Picasso, Mozart, Beethoven und den üblichen Verdächtigen auch Berrys Hit Johnny B. Goode. Mit etwas Glück sollte es in wenigen Jahrmillionen so weit sein. Eine steile Karriere, berücksichtigt man den Umstand, dass der Song von einem Jungen handelt, der in alteuropäischen Kulturtechniken eher wenig versiert ist.

Schreiben kann er nicht, lesen nur so lala, und doch ist er vollkommen zu Recht einer unserer Männer im All, denn erstens spielt er die Gitarre "just like ringing a bell", und zweitens hat er für Aliens, Teenager und andere interplanetare Hinterwäldler eine gute Nachricht im Gepäck: Egal, wer du bist, egal, woher du kommst, auch du kannst es schaffen. John Lennon, Follower der allerersten Stunde, hat das verstanden, als er sich mit der Bemerkung revanchierte, Chuck Berry sei ein anderer Name für Rock ’n’ Roll. An Ehrungen für Charles Edward Anderson "Chuck" Berry, gebürtig aus St. Louis, Missouri, mangelt es also nicht, was bislang fehlte, war ein Überblick über das Gesamtwerk. Jetzt ist auch diese Lücke geschlossen.

Rock And Roll Music Any Old Way you Choose It heißt die soeben erschienene Box mit den Complete Studio Recordings Plus, wobei "Complete" in dem Fall bedeutet, dass auf 16 CDs erstmals alles, aber wirklich alles enthalten ist, was Berry je veröffentlicht hat, von den frühen Aufnahmen als Sessionmusiker bis hin zum ausufernden Output der späteren Jahre. Wer bislang dachte, ein Billig-Sampler von der Tanke täte es auch, wird eines Besseren belehrt und darüber hinaus mit jeder erhalten gebliebenen Alternativversion und sämtlichen auf Platte erschienenen Konzertmitschnitten versorgt. Macht insgesamt 396 Titel, Gesamtlaufzeit 1271,04 Minuten. Ein Superriesenüberraschungspaket, das die Spezialisten von Bear Family Records dem gereiften Fan pünktlich zum Weihnachtsgeschäft auf den Gabentisch legen.

Damit er sich nicht allzu verloren fühlt zwischen den vielen Fotos, Faksimiles historischer Plakate, den Abbildungen seltener Plattencover unter besonderer Berücksichtung australischer und philippinischer Pressungen, die dem Ganzen auch noch beigegeben sind, führt Berry-Biograf Bruce Pegg in einem Begleitessay durch Leben und Werk. Es gibt Verständnishilfen vonseiten alter Gefährten, die eine oder andere Anekdote sowie eine Werkliste, die, dem Köchelverzeichnis nicht unähnlich, jeden einzelnen Song samt Einspieldatum, Musikernamen und "discography opus number" aufführt. Backsteinförmiger hat man den gesammelten Chuck Berry noch nie präsentiert bekommen, als in dieser leinengebundenen Schmuck- und Prachtausgabe. Zum Originalgenie eignet er sich trotzdem nur bedingt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Im Gegensatz zu seinen Interpreten nämlich ist der inzwischen rüstig auf die Neunzig zugehende Berry stets mit größter Sorglosigkeit zu Werk gegangen. Das berühmte Chuck-Berry-Riff: Er hat es aus der Gitarrenarbeit weniger berühmter Vorgänger wie T-Bone Walker oder Charles Hogan synthetisiert. Sein Markenzeichen, der "Duck Walk": Schon andere wussten, dass eine gute Show die halbe Miete ist. Sein Songwriting: genial, aber auch ganz schön geklaut. Gegen Mitte der Fünfziger, als Berry seinen ersten Vertrag bei Chess Records unterschrieb, war eben noch nicht damit zu rechnen, dass alles, was ein aufstrebender Künstler von der schlechten Seite der Stadt herausbrachte, einmal mit der Lupe der Nachwelt gelesen würde. Wer ins Studio ging, machte sein Ding in den drei Minuten, die eine Single dauerte. Danach war man entweder erfolgreich oder gefeuert.

Bereits Maybellene, sein erster Hit, kommt als erfrischend schamloses Remake einer altbekannten Nummer aus dem Great Afroamerican Songbook daher – Berrys Leistung besteht hauptsächlich darin, dem Stück einen neuen Titel gegeben zu haben. Er wusste: Mädchennamen ziehen im prüden Nachkriegsamerika immer, genauso wie Städtenamen, die er überreichlich hat fallen lassen. Mit dem Wagen unterwegs sein, in Memphis, Tennessee, Station machen, eine Bar besuchen und von all den Brenda Lees, Nadines und Betty Jeans erzählen, die da draußen am Wegesrand herumlungern oder warten, das kommt der Erfolgsformel eines Chuck-Berry-Hits ziemlich nahe. Dabei jedes Mal den ganz großen Wurf zu erwarten wäre der flüchtigen Natur des Anliegens unangemessen. Der klassische Chuck Berry ist, simpel genug, ein Serientäter. Ohne Marktforschung, Facebook und anderen Firlefanz hat er einfach gewusst, was der Zielgruppeneroberung dient.

Es braucht Stehvermögen, sich durch die Gesamtpalette seines Schaffens hindurchzuhören, die vielen Patchwork- und Novelty-Hits, Sex-Songs, Einheiznummern, die Weihnachtslieder, faserigen Instrumentals und schaurig-schönen Hispanoversionen, mit denen er sein Geschäftsmodell den Erfordernissen des Zeitgeschmacks anpasste – ein Marathon, der ihn selbst erschöpft haben muss. Wenn ihm gar nichts mehr einfiel, hat er einfach denselben Song noch mal aufgenommen, Sweet Little Sixteen heißt dann plötzlich Little Queenie und Too Much Monkey Business nennt sich Too Pooped To Pop . Bis weit in die sechziger Jahre hinein erreichte er damit sein Publikum, My Ding-A-Ling bescherte ihm 1972 einen letzten Überraschungshit, danach begann schleichend, aber letztlich unaufhaltsam der Niedergang.

Gründe dafür gibt es viele: den Wandel der Jugendkultur, die Erweiterung des Repertoires, den Übergang von der Single zur LP, der einer Berry fremden Rock ’n’ Roll-Verkunstung entgegenkam. Ein Teil scheint aber auch in seinem Charakter begründet zu sein. Den vielen Versuchen, ihn aus der Versenkung zu holen, stand Berry jedenfalls skeptisch bis ablehnend gegenüber. Während der aus ähnlichen Verhältnissen stammende B.B. King sich feiern ließ, zog er es vor, mit wahllos zusammengewürfelten Musikern zu touren. Noch 1986, als Keith Richards ihm zu Ehren eine Konzertgala gab, brachte er es fertig, die versammelte Prominenz erst nach seiner Pfeife tanzen zu lassen und später zu verprellen.

Warum das so ist, bleibt vorläufig interpretationsoffen. Vielleicht ist der Mann, den wir als Chuck Berry kennen, einfach kein netter Mensch. Vielleicht hat der Umstand, dass Generationen weißer Bands mit "seiner" Musik Millionen verdient haben, ihn zynisch werden lassen. Vielleicht ist er auch trotz Klassikerstatus der Junge aus St. Louis geblieben, der sich von niemandem in die Suppe spucken lässt, schon gar nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Verehrern und Fans. Solange aber Voyager 1 seine Bahnen durch unendliche Weiten zieht, geht das in Ordnung. Den Rest heben wir uns für die Rente auf.

Chuck Berry: Rock And Roll Music Any Old Way you Choose It.
The Complete Studio Recordings Plus (Bear Family Records)