Vielleicht hatte Max Weber auch ihn vor Augen, als er Anfang des 20. Jahrhunderts sein epochales Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus schrieb: Denn Bob Singleton aus Daniel Defoes gleichnamigem, 1720 erschienenen Roman ist das Paradebeispiel eines rücksichts- und bedürfnislosen Piraten-Kaufmanns aus dem Zeitalter der Entdeckungen und Eroberungen. Der aus England stammende Kapitän raubt auf allen Weltmeeren, treibt Handel mit Waren und Menschen und häuft dadurch ein ungeheuer großes Vermögen an.

Als es einem Quäker namens William Walters, der an seinen Kaperfahrten teilnimmt, eines Tages gelingt, Singletons Gefühlspanzer zu durchbrechen, steigt plötzlich das schlechte Gewissen in dem bis dato kühl agierenden Marodeur auf. Er bereut und gerät in eine tiefe Sinnkrise, lässt sich als Privatier unerkannt in seiner alten Heimat nieder und heiratet – quasi als Wiedergutmachung seiner Untaten – die verwitwete, gutmütige Schwester seines Kumpanen Walters.

Der umtriebige englische Journalist und Schriftsteller Daniel Defoe (1660 bis 1731) zeichnet Singleton als Figur seiner Zeit – als Abenteurer und Bürger, der seine Lebensgeschichte selbst erzählen darf: Als Kind wird er entführt und an Bettlerinnen verkauft. Mit zwölf Jahren nimmt ihn ein Kapitän auf eine Fahrt nach Neufundland mit. Auf der Rückreise kapern algerische Seeräuber und dann Portugiesen ihr Schiff. Bei diesen gerät Singleton in üble Gesellschaft und wird zum Protagonisten vieler Abenteuer.

»Ich war auf dem besten Wege, rasch zu einem Menschen aufzuwachsen, der so verrucht war, wie er nur sein konnte oder wie es vielleicht nur je einen gegeben hat«
Daniel Defoe

Kapitän Singleton, das in einer überarbeiteten Übersetzung von Lore Krüger aus dem Jahr 1980 jetzt wieder vorliegt, ist jedoch mehr als ein klassischer Abenteuerbericht. Die in einer nüchternen Sprache verfassten Erinnerungen liefern einen detailreichen Einblick in den globalen Handel um 1700 und zeichnen schonungslos offen Singletons Entwicklung vom Räuber zum Christen nach. Defoe stellt mit seinem Helden einen geradezu mustergültigen Geburtshelfer des bürgerlichen Kapitalismus in England dar.

Und so mag Singleton dem Soziologen Weber mindestens genauso viel beeindruckendes Anschauungsmaterial für seine These vom Zusammenhang zwischen asketischem Leben und ökonomischem Erfolg geliefert haben wie Defoes viel berühmterer Held Robinson Crusoe. Und genauso wie der Aufsteiger Singleton ist auch sein Schöpfer ein Geburtshelfer – und zwar des englischen Romans. Denn diese künstlerische Form, die der vielfach begabte Defoe bei Crusoe und Singleton anwendet, ist zu Beginn des 18. Jahrhunderts selbst Ausdruck bürgerlicher Emanzipation.