Goslars Bürgermeister Oliver Junk © Swen Pförtner/dpa

Oliver Junk hatte schon viele Beinamen. "Fürst der Finsternis" zum Beispiel wurde er genannt, weil er in Goslar eine Zeit lang von 24 Uhr an die Straßenlaternen abschalten ließ, um der Stadtkasse Geld zu sparen. Oder "Mini-Guttenberg", weil er, wie der gewesene Verteidigungsminister, in Bayreuth promoviert hatte (regulär allerdings), weil er schmuck aussah, früher in der CSU war und weil die Bürger von Goslar auf einen neuen Politikstil hofften, als sie Junk vor drei Jahren zum Oberbürgermeister wählten.

Den haben sie bekommen. Denn der 38-Jährige, der erst diesen Sommer der CDU beitrat, ist ein Mann, der gerne ungewöhnliche Ideen ausprobiert. So könnte Oliver Junk schon bald noch einen weiteren Beinamen tragen: Herbergsvater von Goslar.

Denn Junk hat angeboten, dass seine Stadt mehr Flüchtlinge aufnimmt, als sie muss. "Was spräche dagegen, wenn wir für Göttingen oder Braunschweig die Flüchtlinge mit unterbringen?", fragte er bei einer Veranstaltung zum Thema Migration. Die Idee wurde an dem Abend nicht weiter diskutiert, aber am nächsten Tag stand sie in den Zeitungen. Der erste Bürgermeister Deutschlands, der mehr Flüchtlinge bei sich aufnehmen will!

"Nichts spricht dagegen, aber viel dafür", sagt Junk vier Tage später. Es ist ein sonniger Montagmorgen, Junk läuft über die Kopfsteinpflaster der Altstadt. Weiß verputztes Fachwerk, hübsch verzierte Hotelpforten, geschmückte Schaufenster – hinter der schönen Fassade verbirgt sich eine Stadt mit großen Problemen. Der Landkreis Goslar zählt zu den schwächsten Regionen Westdeutschlands, der demografische Wandel hat sich hier längst zu einer demografischen Krise ausgewachsen. 4.000 Menschen hat die 50.000-Einwohner-Stadt allein in den vergangenen zehn Jahren verloren. Mittlerweile stehen in manchen Vierteln ganze Häuserblocks leer, einige sind bereits abgerissen worden.

Im benachbarten Göttingen haben sie das gegenteilige Problem. Die Stadt quillt über vor Menschen. Weil sie keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen kann, hat die Verwaltung öffentlich um Hilfe gerufen. Das war der entscheidende Grund für Junks Angebot. "Es ist doch absurd, dass sie in Göttingen neue Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge bauen müssen, während hier leer stehende Wohnungen verrotten", sagt er.

Junk findet, ein wohlhabendes Land wie Deutschland habe eine Verpflichtung zu helfen – und sei dazu auch in der Lage: "Unser Land kann 200.000 Flüchtlinge aufnehmen und gut unterbringen." Und zwar mitten in der Gesellschaft, in Wohnungen mit einer Nachbarschaft anstatt am Rand in Kasernen und Containern.

Deshalb leuchtet Junk auch nicht ein, warum die Behörden starr an einem Verteilungsschlüssel festhalten, der längst an der Wirklichkeit gescheitert sei. Einwohnerzahl und Pro-Kopf-Steueraufkommen entscheiden darüber, wie viele Flüchtlinge eine Kommune aufnehmen muss. Kurz gesagt: je größer eine Stadt, desto mehr Flüchtlinge.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Theoretisch ist das gerecht, praktisch ist es ein Problem. Denn gerade in großen Städten ist der Wohnraum knapp. "Für Goslar hingegen sind die Flüchtlinge eine Chance", sagt Junk. Er sieht in ihnen nicht nur Menschen in Not, sondern junge Familien, Fachkräfte und künftige Bürger, die seine alternde Stadt ein Stück lebendiger machen können.

Doch nicht alle sehen das wie der Oberbürgermeister. "Jetzt soll ich von meinen Steuergeldern noch Ausländerkriminalität finanzieren" oder "So eine Scheiße, Goslar hat schon genug Probleme" sind noch die freundlicheren Reaktionen auf Junks Facebook-Seite. Hat er nicht Angst, dass er mit seiner Idee vor allem eines erreicht – Zulauf für rechte Parteien wie die AfD?

Angst ist für Junk keine Option. Wenn er etwas für richtig hält, dann spricht er es aus. Das kann man mutig nennen oder naiv. Der Landrat nannte es einen "Schnellschuss". Und aus dem niedersächsischen Innenministerium hieß es ironisch, hinter dem Vorstoß stehe sicherlich ein ausgeklügeltes Konzept, weshalb man Herrn Junk auch kurzfristig eingeladen habe, es zu präsentieren.