Die deutsche Literatur hat jetzt ein Problem. Das Problem besteht aber nicht darin, dass ein Vers des Rappers Haftbefehl auf einem CSU-Wahlkampfplakat verwendet wurde, das ist nur peinlich, sonst nichts. Das Problem besteht in der Herausforderung, die der rappende Verseschmied für die zeitgenössische Dichtung darstellt. Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhut, 28 Jahre alt, kommt aus Offenbach, einer Stadt, die Kulturbürgern bislang als zu umfahrendes Krisengebiet vor Frankfurt galt. Und ausgerechnet dort soll der Quell sprachlicher Innovation sprudeln?

Das Genre heißt Straßenrap. Es geht um das Leben im Großstadtghetto, um Drogen, Banküberfälle. Die Platte wurde von der Hip-Hop-Gemeinde erwartet wie eine Epiphanie, und die bürgerliche Popkritik hat sich viel Mühe mit ihrer sozialdemokratischen Auslegung gegeben. Ein Krisenwerk! Eine Sozialchronik! Eine Reportage von ganz unten, wo man Inklusion sagt, und die Leute denken erst mal an eine Gefängnisstrafe.

Alles Quatsch. Pädagogische Lesarten versagen vor dieser Rollenprosa. Es ist Literatur, und deshalb sind deutsche Autoren jetzt in der Klemme: Sie müssen sich zukünftig an der Sprachmacht dieses Deutschkurden abarbeiten. Haftbefehl – sein Nom de Guerre war schon eine rhetorisch geniale Wahl. Der Künstler taufte sich auf den Namen des Dokuments, das ihn juristisch als Problemfall klassifizierte. Foucault hätte gejuchzt. Endlich ein Artist, der kapiert, wie das funktioniert mit dem Diskurs und der Macht. Die Beschreibungssysteme schaffen Subjekte, nicht umgekehrt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Und die Platte erst: Short Storys von der Wucht eines Clemens Meyer und der Verspieltheit eines Dadaisten auf Speed. Szenarien, wie ausgedacht von Gottfried Benn, dem man einen Drumcomputer ins Weinhaus Wolf gestellt hat und erklärt: Mach jetzt mal ernst mit deiner Macho-Poetik, von wegen "Das Wort ist der Phallus der Geistes". "Ich soll ihnen erzählen von meinem Major Deal, den ich mit Penis unterschrieb", heißt es im Stück Saudi Arabi Money Rich. In Haftbefehl-Songs werden Plattenverträge mit Genitalien unterzeichnet; dass die Libido ganz in der Profiterzeugung aufgehen kann, wenn man nur kapitalistisch genug orientiert ist, hat wohl kaum ein Dichter so drastisch formuliert.

Oder das hier: "Wasch die Hände mit Evian und pisse Dom Pérignon." Abgesehen davon, dass einem mit diesem Reim schon auf phonetischer Ebene aufgeht, dass der Tauschwert alles gleichsetzt und damit entwertet: Ist das nicht ein Bild, von dem Schriftsteller wie Bret Easton Ellis oder Michel Houellebecq träumen?


Wer jetzt sagt, das sei doch nur verbaler Götzendienst des kleinen Mannes, der sich mit Popsongs hochträumt in die Chefetage, der fällt auf jene Pädagogenhermeneutik herein, die Künstler soziologisch einhegt und ästhetisch kaltstellt. Was an Haftbefehl fasziniert und verstört, das ist sein Talent. Die sprachliche Verwegenheit lässt sich nicht in Literaturinstituten züchten. "Zeit ist Geld, Habibi, Tipp-Ex auf Rammstein-Vertrag, und gib mir einfach die Kopie." Das ist die Gründungsakte des Geschäftslebens, kurzgeschlossen mit der Idee des Palimpsests.

Und die Musik? Schroff, fett, Jazz-Beats, denen man Blei an die Füße gebunden hat, um sie anschließend in einem Meer aus dräuenden Synthis zu versenken. Klingelton-Gefiepe, Sirenengeheul. Die Platte heißt Russisch Roulette. Allen, die Literatur lieben: Gebt euch die Kugel.