In der Diplomatie ist eine Verlängerung der Normalfall, eine zweite der Glücksfall für den Staat, der von den Mächtigen bedrängt wird. So wie der Iran beim Streit um sein Atomprogramm. Für Teheran ist Zeit der Hauptgewinn. Am Verhandlungstisch fallen keine Bomben. Deutlich wird: Der Westen fürchtet den Krieg noch mehr als Irans Griff zur Bombe. Oder so: Amerika kann bombardieren, will es aber nicht. Israel will bombardieren, kann es aber nicht.

Irans Präsident Ruhani spricht zu Recht von einem "Sieg". Im Dezember soll die dritte Verhandlungsrunde beginnen. Inzwischen darf Teheran monatlich 700 Millionen Dollar an eingefrorenen Guthaben anzapfen – jährlich immerhin 8,4 Milliarden. Inzwischen zeigen sich Risse in der Koalition der Großen Sechs: USA, Russland, China, England, Deutschland und Frankreich. Putin ist der Joker. Er grollt immer heftiger über die Sanktionen, während er mit Teheran über groß angelegte Kooperationsprojekte plaudert.

Obama changiert nach vertrauter Manier. Er schreibt einen Brief an Religionsführer Chamenei, in dem er die gemeinsamen Sicherheitsinteressen beschwört. Aus gutem Grund, denn der US-Präsident braucht den Iran im Krieg gegen den "Islamischen Staat". Berlin sieht schon die Morgenröte; zu überwinden seien nur noch "technische Details", wähnt Außenminister Steinmeier. Die Iraner aber dürfen zu Recht glauben: Nach zwei Verlängerungen wird es auch eine dritte geben.

Atomanlagen werden verdoppelt, verbunkert und verschleiert

Gegen diese Lesart stehen sinkende Ölpreise und beißende Sanktionen. Die täglichen Ölexporte sind um die Hälfte gefallen; der Iran ist weitgehend vom internationalen Finanzmarkt ausgeschlossen. Dass Ruhani sein Land modernisieren und ent-isolieren will, darf man ihm glauben. Nur ist er nicht die Macht im Staat; die heißt Chamenei. Wie alle Reaktionäre fürchtet er die Öffnung des Landes – die Kontaminierung durch ausländische Gelder, Kontakte und Interessen, die mit dem Ende der Sanktionen einhergehen würde. Je ideologisierter ein System, desto mehr Abkapselung braucht es.

Der Widerstreit zwischen Öffnung und Abschottung ist so alt wie die Islamische Republik; die Wellenbewegungen laufen seit 1979. Doch noch älter ist der Drang zur atomaren Option, der sich schon 1975 offenbarte, als der Schah bei Siemens vier Atomreaktoren bestellte (die Saddam Hussein zur "Gegenrüstung" animierten). Ein transparentes Kraftwerk-Programm hätte kaum jemanden aufgeregt, auch wenn das Land über die zweit- und drittgrößten Gas- und Ölreserven auf Erden verfügt. Doch noch überwältigender als der Energiereichtum sind die Indizien, die sich zum Waffenprogramm summieren: die Verdoppelung, Verbunkerung und Verschleierung der Anlagen, ganz zu schweigen von der Entwicklung immer weiter reichender Raketen und den Laboren, in denen die Miniaturisierung von Sprengköpfen geprobt wird.

Jenseits der technischen Details: Ein Staat, der so hartnäckig nach der Bombe greift, der sich zum Outcast macht, allen Sanktionen trotzt, die bittere Not seiner Bürger hinnimmt, wird so schnell nicht aufgeben. Dennoch glaubt Russlands Außenminister Lawrow an einen Deal "in den nächsten drei, vier Monaten". Realistischer ist die Sicht der Iran-Expertin von der Washingtoner Brookings Institution, Suzanne Maloney: Wieso sollte "mehr Zeit" helfen? "Gut möglich, dass die Interessen schlicht unvereinbar sind."

Das Beste, was bisher bei den Gesprächen herausgekommen ist? Der einstweilige Stopp des beschleunigten Zentrifugenbaus. Das Programm sei "eingefroren", meldet US-Außenminister Kerry. Es handelt sich um jene "Schleudern", die aus der Masse des Uranerzes die 0,7 Prozent spaltbaren Materials in einem komplizierten, langwierigen Prozess herausfiltern. (Eine Bombe erfordert die Anreicherung auf 90 Prozent.) Auch haben die Iraner den Inspektoren der Wiener Atomenergiebehörde den Zugang zu diversen Anlagen erleichtert. Doch inzwischen sind die sechs Koalitionäre bescheidener geworden. Es geht längst nicht mehr um Rückbau und Demontage, sondern um Anhalten. Das Ziel ist es, den breakout – den letzten Schritt zur Bombe – zu verlangsamen; die Rede ist von einem Jahr. Und was wäre, wenn Teheran tatsächlich den "Ausbruch" probt? Wird dann gebombt?

Obama muss hoffen, dass er dann nicht mehr im Amt ist. Bis 2017 will er die iranische Bombe verhindern sowie einen amerikanischen Angriff vermeiden. Tapfer behauptet Kerry, ein "umfassender Deal" sei in Reichweite. Wenn der denn kommt, wird er voller gequälter Kompromisse sein. Teheran wird seine Waffenoption nicht aufgeben, aber genug konzedieren, um die Sanktionen zu mildern und die Risse in der Koalition zu verbreitern, also Russland und China gegen den Westen auszuspielen. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt, denn so läuft das Spiel der Mächte.

Blicken wir weiter als auf die avisierten drei, vier Monate – auf die dritte Option zwischen Rück- und Bombenbau. Das ist die "Bombe im Keller": Alles liegt bereit und muss nur noch zusammengeschraubt werden. Für die strategischen Ziele des Irans reicht dieser "Baukasten". Er schafft Abschreckung und verschafft Respekt, ohne einen Militärschlag zu provozieren. Die Sanktionen schwinden, das Land avanciert zur "normalen" Großmacht. Vielleicht sogar zu einer Verantwortungsmacht. Das wäre die beste aller möglichen Welten. Denn ein entnuklearisierter Iran wird auch in der dritten und vierten Verhandlungsrunde nicht entstehen.

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