Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Kaffeetisch in Norddeutschland und würden, wenn sie könnten, der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) viel Geld überweisen. Nein, nicht um die Terroristen zu unterstützen, sondern um Leben zu retten. Aber sie haben kein Geld.

Der 58-jährige Ismail und der 50-jährige Seefi sind Jesiden, sie würden gern ihre Angehörigen freikaufen, die der IS im Irak verschleppt hat. Nicht einen. Nicht zwei. Sondern zwanzig: vom Kleinkind bis zur Mittvierzigerin. Den letzten Kontakt mit den Geiseln hatten Ismail und Seefi vor einem Monat.

Bis weit nach Deutschland hinein reichen die Tentakel der Terrorgruppe "Islamischer Staat". Die Dschihadisten reden gern von Gott, doch am Ende geht es immer ums Geld. Die "reichste Terrorgruppe der Geschichte" wird der IS genannt, vor allem wegen des Öls, auf das er jetzt Zugriff hat. Keine Terrorgruppe hat je so weite Gebiete beherrscht – mindestens vier Millionen Menschen in Syrien und im Irak sind gezwungenermaßen "Bürger" des sogenannten Kalifats, das der IS im Sommer ausgerufen hat. Mit Rakka und Mossul regiert die Organisation zwei Großstädte, und wenn man die von ihm beherrschten Wüstengebiete mitrechnet, kommt man auf eine Fläche von der Größe Englands.

Das klingt alarmierend. Aber ist der IS wirklich diese schwerreiche, weltweit operierende Terrorgruppe, die im Mittleren Osten einen Terrorstaat aufbaut? Über Wochen hat ein Team von zwölf Reportern der ZEIT und des ARD-Politmagazins report München in sieben Ländern recherchiert, unter anderem im Irak und in Syrien, um die Finanzen des IS zu durchleuchten. Wir haben uns gefragt: Wie funktioniert das Modell "Islamischer Staat" genau? Woher kommt sein Geld? Wer verdient mit? Und wie erfolgreich ist der IS wirklich?

Plünderer und Entführer

Wir befinden uns im Festsaal eines Restaurants im Nordirak, genauer: in Erbil, noch genauer: in Ainkawa, dem christlichen Teil der Stadt. Seitlich ist eine Bühne aufgebaut mit Mikrofon und Lautsprechern für Livemusik. An den Wänden hängt noch die Dekoration einer längst verklungenen Hochzeitsfeier. Auf dem Boden liegen jetzt Matratzen, Spielzeug, Wasserflaschen. Hier leben seit Anfang August 230 Flüchtlinge aus Mossul, Karakosch und umliegenden Städten. Alle Christen, geflohen vor dem IS. Die Luft ist stickig, keine Duschen und bloß acht Toiletten. Zwei Familien kochen für alle.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Im hinteren Teil dieses Raumes sitzt Susanna*, sie ist 43 Jahre alt und steckt in einem schmuddeligen rosa Schlafanzug. Sie und ihre Familie stammen aus Karakosch, der bis zum August mit 60.000 Gläubigen größten christlichen Stadt im Mittleren Osten. Susanna und ihre Familie blieben zunächst, als der IS die Stadt kaperte. Der Mann war von Beruf Gerichtsbote und ist sehbehindert. Sie hofften, von den Islamisten geduldet zu werden. Plötzlich kam der Befehl, alle sollten sich zu einer angeblichen Gesundheitskontrolle in einer Ambulanz einfinden. Susanna erzählt: "Da stand ein Bus, und jemand befahl uns, einzusteigen. Alles was wir dabei hatten – Geld, Ausweise, Schmuck – wurde uns abgenommen. Ich bin mit meinem Mann und den Kindern eingestiegen, mein Jüngstes trug ich auf dem Arm. Da sagte ein Bärtiger: ›Gib mir das Kind‹, und kehrte mit meiner Tochter zurück in die Ambulanz. Ich bin hinterhergelaufen und flehte ihn an, mir mein Kind zurückzugeben. Ein weiterer IS-Kämpfer trat hinzu und sagte, wenn ich nicht sterben wolle, sollte ich sofort in den Bus steigen. Da bin ich eingestiegen, was sollte ich machen?" Drei Jahre alt ist das entrissene Kleinkind.

Unter den Entführern, erzählt Susanna, waren auch IS-Mitglieder aus Nachbardörfern. Susannas Verwandte in Bagdad haben nun telefonisch Kontakt aufgenommen mit Arabern in Karakosch. Es heißt, der IS verlange 20.000 Dollar für die Freilassung der Kleinen. So viel Geld hat Susanna nicht, aber sie wird versuchen, es zusammenzukratzen. Das Geld wird dann dem IS zugutekommen. Wie in all den anderen Fällen auch. 20.000, 30.000, 50.000 Dollar lauten die gängigen Forderungen für lokale Geiseln. Längst haben sich Zwischenhändler etabliert, die das Verhandeln und die Geldübergabe organisieren. Kidnapping ist nichts Neues im Irak. Aber der IS hat die Verschleppungen regelrecht systematisiert. Die Angst um die Angehörigen ist eine nie versiegende Einkommensquelle.

Besonders perfide geht der IS mit jesidischen Frauen um, die verschleppt und zwangskonvertiert wurden. Als neue Musliminnen wurden sie IS-Kämpfern als Ehefrauen zugeteilt. Mehrere solcher Fälle sind dokumentiert. Nicht verifizieren lässt sich, dass Jesidinnen öffentlich auf Sklavenmärkten verschachert werden. Weder in Mossul noch in Rakka haben Informanten der ZEIT so etwas beobachten oder bestätigen können. Frauenhandel gibt es laut Selbstauskunft des IS trotzdem. "Versklavte Familien werden nun verkauft", heißt es in einem Onlinemagazin des IS. "Scharia-Studenten" hätten die Rechtmäßigkeit geprüft. Frauen und Kinder würden dabei nicht getrennt.