Vor dem Solisten, der sich an den Bühnenrand wagt, tut sich immer auch ein Abgrund auf: Nun lass mal hören, wer du bist! Benedic Lamdin ist kein Solist, er würde sich nicht einmal als Jazzmusiker bezeichnen, 2004 aber wagte er den Schritt heraus aus dem reinen Produzentendasein und nahm sein erstes eigenes Album auf, Songs for my Funeral – Lieder für meine Beerdigung. Die ganz große Bühne also, der ganz große Abgrund. Das ging nur in Gestalt einer imaginären Band. Nostalgia 77 nannte er sie, weil er 1977 geboren wurde. Und Nostalgia? "War das Erste, was mir einfiel. Wahrscheinlich keine gute Idee."

Tatsächlich haben die Platten, die Lamdin in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht hat, den eilig improvisierten Namen mit Beharrlichkeit ad absurdum geführt. Deutlicher denn je zeigt nun das neue Album, Measures – Maße, Takte –, dass sein Verhältnis zur Vergangenheit alles andere als nostalgisch ist. Anfang Dezember kommt es auf dem Londoner Label Tru Thoughts heraus.

Aus der imaginären Band ist in der Zwischenzeit eine reale geworden. Sechs Musiker, Piano, Schlagzeug, Bass, Bläser, keine am Rechner geschraubten Grooves mehr wie vor zehn Jahren, als sich Nostalgia 77 noch um Lamdin allein drehte und er seinen Computer mit Samples fütterte, entdeckt auf seiner Suche nach neuen und alten Klängen, die ihn tief in den Jazz hineingeführt hatte.

Von Anfang an wollte er dabei mehr als bloß Zitate aneinanderreihen, schließlich war das Verfahren, sich ein paar Blue Notes zu leihen und über einem Breakbeat endlos im Kreis laufen zu lassen, schon damals erschöpft. Lamdin ging deshalb den Weg zurück nach vorne, vom Sample zur Improvisation. In den vergangenen Jahren zweigte er auch mal in Richtung Dub, Funk oder, wie jüngst, Folk ab. Immer wieder aber kehrte er zum Jazz zurück, den er mehr und mehr zur Methode erhob.

2012 erschien dann das erste Album unter dem erweiterten Pseudonym Nostalgia 77 & The Monster, dessen Nachfolger die aktuelle Platte ist: "To release the monster – so nannten wir es, wenn wir auf Konzerten richtig loslegten." Seither benutzt die Band diesen Namen für ihre reinen Instrumentalalben, die Monster-Platten.

Mit Kraftmeierei hat das nichts zu tun. Das Monster ist, was vom Gewohnten abweicht; es zeigt uns unsere Abgründe. Wir wissen aus der Kulturgeschichte aber auch, dass sich hinter der Maske des Verstörenden mitunter eine schöne Seele verbirgt. Nostalgia 77 machen zarteste Monster-Musik in diesem Sinn. Da wirbelt ein Walzermotiv im Kreis, bis es sich überschlägt. Da treiben hypnotische Bläserriffs einen Afrofunk-Groove ins Free-Jazz-Fieber. Die Musik findet mühelos den Weg von lyrischer Schlichtheit ins rhythmisch Vertrackte und wechselt vom verspielt Heiteren zu soundtrackhafter Dramatik.

Seit je, sagt Lamdin, verwebe er zwei Traditionslinien, wobei die eine die Adaption der anderen ist: der britische Jazz von Musikern wie Keith Tippett und Ian Carr, die den amerikanischen von Miles Davis und Thelonius Monk aufgriffen, "etwa so wie sich die Rolling Stones und die Beatles den Rhythm and Blues anverwandelten". Die stärkste Referenz auf dem neuen Album Measures ist der Spiritual Jazz, der seit den späten Fünfzigern einen Ausweg aus der Bebop-Routine suchte, indem er exotische Tonleitern erklomm und sich der freien Improvisation öffnete, ohne allerdings den melodischen und rhythmischen Rahmen ganz zu zertrümmern. Transzendenz war das Ziel, nicht Destruktion. Der spirituell beseelte Musiker verwandelte sich in ein Medium höherer Mächte. Die kosmischen Klänge John Coltranes, Sun Ras oder Pharoah Sanders’, sie hallen auf Measures ebenso nach wie die ihrer unbekannten Adepten in Afrika, Nahost, Asien und Europa.

Dass dieser Sound seit einiger Zeit en vogue ist (das Londoner Jazzman-Label hat gerade Teil fünf einer Compilation-Reihe dazu veröffentlicht), mag mit seiner bloßen Verfügbarkeit zu tun haben. Aber vielleicht steckt hinter der Faszination auch eine diffuse Sehnsucht nach Sinn und Verbindlichkeit jenseits postmoderner Cut-up-Experimente und leerer Retro-Gesten. Zwar beteuert Benedic Lamdin, dass seine Musik keinen Überbau habe, und sicher lassen sich die spirituellen und politischen Suchbewegungen der sechziger Jahre nicht im Heute fortsetzen, als sei nichts gewesen. Insofern hat die Musik von Nostalgia 77 mitunter den Charakter einer Hommage. Ohne das Wagnis des Improvisierens aber wäre das zärtliche Monster des Spiritual Jazz nicht zu entfesseln, so wie es den Londoner Musikern gelingt.

Befragt nach dem Verhältnis von Notation und freiem Spiel, sagt Lamdin: "It was just right" – "Es war genau richtig." Measures ist denn auch eine unmittelbar einleuchtende Platte geworden und sofort zugänglich. Aber ist man erst mal drin, geschehen Dinge, die man nicht erwartet. Das mag an den Kompositionen liegen, die größtenteils von Bassist Riaan Vosloo stammen, an dem mal diszipliniert, mal entspannt zur Sache gehenden Ensemble, das seit mehr als drei Jahren zusammenarbeitet. Entscheidenden Anteil aber hat Lamdin als Produzent. Nicht zufällig sitzt er mittlerweile mit einen Star wie Jamie Cullum im Studio: Er verleiht dem Ganzen, selbst in den dissonanten Passagen, noch einen untergründigen Pop-Appeal.

In seiner gelehrten Abhandlung Über Pop-Musik hat Diedrich Diederichsen den Jazz als Vorläufer des Pop gedeutet. Sämtliche Methoden vom Starkult bis zur Aneignung "heruntergekommenen" Materials seien im Jazz bereits angelegt. Pop-Musik als Musik nach Jazz ist ein Kapitel überschrieben. Nostalgia 77 machen Jazz als Musik nach Pop-Musik, und wie es Diederichsen so schön sagt, stellen sie auf Measures "kleine Embleme des Aufbruchs her", acht an der Zahl, und auch wenn sie in altem Gewand daherkommen, sagen sie in jeder Sekunde glaubhaft: jetzt.

Nostalgia 77 & The Monster: "Measures" (CD/LP, Tru Thoughts)