Die Sängerin Johanna Borchert © Frank Schemmann

Damals, als sie ihre gemeinsame Band noch mit einer Stadt verglichen, einer Stadt ganz ohne Masterplan, ohne Hierarchie, ohne oben oder unten, damals waren intern die Rollen noch klar verteilt: Die eine spielte, die andere sang. Vorne, im Zentrum des Bühnenaufbaus, stand neben einem kleinen Keyboard für gelegentliche Instrumentaleinsätze Lucia Cadotsch, die Sängerin, und links außen, hinter dem großen Flügel, saß Johanna Borchert und regelte die Verkehrsströme der Musik: Hierherum zu einem minimalistischen Motiv, dort in einen zart zerlegten romantischen Akkord, geradeaus in eine völlig falsche Tonart oder auch mal für einen Moment auf direktem Weg in Richtung Exzess: Schneeweiß und Rosenrot war ein Ereignis im deutschen Jazz, eine Band, die ganz unbekümmert von Grenzpfosten und Zaunpfählen eine eigene Musik spielte.

Eine Musik, die sich als Kompendium verschiedener ästhetischer Haltungen hören ließ, die John Cales Viertelbegleitungen kannte und John Cages radikale Entschleunigung, Steve Reichs Patterns und den Großstadtlärm der Metropole. Die mit Pop flirtete und mit Kunst, mit dem hellen Licht der Scheinwerfer und dem tiefen Schattenwurf im Untergrund. Nur den vertrauten Swing, die Blue Notes und den durchsichtigen Expressionismus der Solos mied sie, und doch blieb sie in ihrer Unvorhersagbarkeit, im Gewicht des Moments unverkennbar Jazz. Den Rest regelte ein dadaistisch angehauchter Witz, eine Poesie der subtilen Beobachtung und kleinen Geistesblitze, die persönlich ist, ohne in den Verdacht zu geraten, platt oder pompös zu sein.

Heute sind die beiden Musikerinnen auf getrennten Pfaden unterwegs: Lucia Cadotsch leiht dem Projekt Yellow Bird, einer verspielt friedfertigen Version von Country, ihre Stimme und hebt im zweistimmigen Gesang mit der Ukulele- und Fiddlespielerin Manon Kahle eine Reihe von klassischen Country-Songs aus der Zeit vor der Industrialisierung des Genres ins Bewusstsein zurück. Eine niedliche, terzenselige Landidylle scheint hier ausgestellt zu sein, bis diese Idylle bei genauerem Zuhören zu Staub verfällt, bis ihre Kanten und Abgründe zu hören sind, die schrillen Dissonanzen, die im Taumel der Tempi die Sinne vernebeln. Was zunächst klingt, als hätten die Musiker schon immer den Hinterwald der Appalachen als ihr Zuhause angesehen, verwandelt sich in eine jetztzeitige, urbane Rückschau auf die Wurzeln der Popmusik, melancholisch, selbstironisch, subtil.


Auf einer anderen Bühne beansprucht Johanna Borchert nun die ungeteilte Aufmerksamkeit für sich. Nachdem sie vor zwei Jahren zunächst mit einem instrumentalen Soloalbum auf dem Klavier und diversen Tasteninstrumenten zwischen Improvisation und Konzept, Jazz und Ambient, indischer und europäischer Klassik die Grenzen ihrer musikalischen Welten absteckte, hat sie einen Bogen geschlagen, der sie zurück in die Nähe ihres Ausgangspunktes bringt: Auf FM Biography, ihrem jüngsten Soloprojekt, ist sie Pianistin und Sängerin, Vorder- und Hintergrund, Popmusikerin und Klangkünstlerin zugleich. Und offensichtlich fühlt sie sich in dieser Omnipräsenz wohl. Ihre Songs sind auf einer ersten Ebene simple, autobiografisch gespeiste Popstücke, basieren auf einfachen Klavierbegleitungen, die Borcherts beweglicher Gesang als Spielwiese nutzt. Doch schnell geraten sie auf die schiefe Bahn, rutschen ab, bauschen sich auf, zerfleddern und verlieren – scheinbar – die Fassung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

"Das Einzige, was daran Jazz ist", betonte Johanna Borchert kürzlich, "ist die Einstellung, der Approach." Das allerdings ist schon eine ganze Menge. Es beinhaltet den Mut, das Entstehen höher zu schätzen als das Entstandene, den Moment höher als seine konservierte Form. Und mit dieser Haltung, die sich direkt auch auf die Reinkarnation von Lucia Cadotsch als hausgegerbte Country-Stimme übertragen lässt, sind Borchert und Cadotsch zwei besonders interessante Vertreterinnen einer Wiederbelebung des Jazz-Gesangs jenseits der abgenutzten Standards und Singer-/Songwriterinnen-Klischees. Die Einzigen sind sie im deutschen Jazz bei Weitem nicht. Fernab von Zigarettenspitze, Cocktailglas und geschlitzten Kleidern, fernab dessen, was sich Werbeagenturen unter Jazz vorstellen, haben sich mittlerweile einige Kolleginnen auf die Suche begeben nach einem Jazz, der offen ist für einen vorurteilsfreien Umgang mit der Fülle ihrer eigenen musikalischen und biografischen Prägungen.