Der Hangar 2 am ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof ist eine Halle mit alten Stahlträgern, rohen Wänden und so viel Platz, dass Riesen darin auftreten könnten. Es gibt keinen Ort, der besser passt zu dem Anspruch, den Massen zu gefallen und trotzdem Avantgarde zu bleiben.

Jetzt aber steht der größere der beiden Retter des deutschen Fernsehens im Hangar zwischen kreisenden weißen und blauen Lichtkegeln und zupft sich besorgt die Barthaare. Was ihm gestern noch gigantisch vorkam ("Ein MTV-Studio würde hier 200-mal reinpassen! Wahnsinn!"), beunruhigt ihn heute: Ist es vielleicht zu groß? Hallt es zu sehr?

Der kleinere der beiden Retter des deutschen Fernsehens hat wie so oft zu wenig geschlafen, seine Augenringe, tief und dunkel, erzählen von der Anstrengung, die es kostet, lustig zu sein. Auch er macht sich Sorgen. Das Tor des Hangars wird sich mit einem Alarmschrillen öffnen, sie werden durch einen Vorhang aus Licht schreiten und über einen Catwalk aus Plexiglas in dieses gigantische Studio einziehen, und dann, wenn der Zuschauer die ersten Gags erwartet – ist keine Zeit für Gags. Dann müssen sie die Spielregeln erklären.

Wird der Zuschauer das aushalten?

Wenn es gut läuft, werden zwei Millionen Menschen im Alter zwischen 14 und 49 Jahren die Sendung sehen. Der kleinere der Retter sagt, dass er sich über die Quote keine Gedanken macht. Dass eine Samstagabendshow pro Sendung im Schnitt 700.000 bis 800.000 Euro kostet, dass er daran aber jetzt nicht denkt. Er will es locker nehmen – und ist sich doch bewusst, dass der hochgeschraubte Anspruch der siamesische Zwilling des schnellen Erfolgs ist. Um den Titel "Retter des Fernsehens" haben sie sich nicht beworben. Er ist ein riesiges Kompliment – und eine Gefahr für die Karriere.

Heute also: die letzte, "heiße" Probe vor der Aufzeichnung der Show Mein bester Feind, die am 6. Dezember auf ProSieben zum ersten Mal laufen wird. Es soll der nächste Aufschlag von Joko Winterscheidt (dem Großen) und Klaas Heufer-Umlauf (dem Kleinen) werden. Joko und Klaas werden von den Kritikern als die neuen Superstars des deutschen Fernsehens gefeiert. Keine Bühne, auf der sie nicht mit dem Hinweis begrüßt würden, sie seien "die originellsten Köpfe", die "Hoffnung", die "größten Talente" der Branche. "Wenn Leute unter zwanzig überhaupt noch TV gucken, dann wegen Joko und Klaas", hieß es kürzlich im ZEIT- Feuilleton.

Das Fernsehen ist in einer Verteidigungsposition. Der Vorwurf lautet, es sei nicht mehr innovativ, nicht mehr jung, nicht mehr unterhaltsam. Es gibt Quiz-, Ranking-, Koch-, Casting- und Talkshows und ansonsten die Wiederbelebung von Dalli Dalli aus den Siebzigern. Es gibt aber auch zwei Moderatoren, die eine Idee vom modernen Fernsehen zu haben scheinen: Sie sind wild, sie haben keine Angst, und sie machen alles anders. Vor allem machen sie eine Menge Quatsch.

Joko und Klaas, das sind: ein nicht ganz fertig ausgebildeter Werbekaufmann und ein gelernter Friseur, die sich in ihren Sendungen Circus HalliGalli und Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt gegenseitig reinlegen und einander Mutproben stellen. Jungshumor. Pubertätsspäße vor Millionenpublikum. Für das Duell um die Welt lässt Klaas, mit einer hauchdünnen schusssicheren Weste bekleidet, in Bogotá auf sich schießen. In Kanada wird Joko der Mund zugenäht. Auf den Bahamas steigt Klaas zu Haien ins Meer. In Österreich wird Joko lebendig begraben. Wenn Joko und Klaas Poker spielen, dann sind der Einsatz Buttertäfelchen, die sie aufessen müssen. Dass einer kotzt, ist immer eingeplant. Fress- und Ekel-Mutproben gehören zu ihrem Repertoire, genauso wie das Runterspringen aus höchsten Höhen und das Besaufen vor der Kamera.

Man kann es so formulieren: Was Joko und Klaas machen, ist Trash. Oft ist es aber auch: ein riesiger, intelligenter Spaß mit dem Unintelligenten. Deshalb haben sie den Echo bekommen, den Deutschen Fernsehpreis, den Deutschen Comedypreis, den Grimme-Preis.

Berlin im Mai, ein Montag. Montags produzieren Joko und Klaas ihre wöchentliche Show Circus HalliGalli. Gerade ist Pause, im Cateringzelt des Studios trinkt Joko eine Tasse Cappuccino, Klaas eine Dose Red Bull. Sie haben um ein Kennenlerntreffen gebeten, um zu entscheiden, ob sie sich von der ZEIT begleiten lassen. Vielmehr: Klaas will entscheiden. Joko, nicht ganz bei der Sache, tippt auf seinem Handy herum. Joko sieht das Problem nicht. Klaas aber ziert sich. "Ich habe das Gefühl, wir sind zurzeit mehr in der Zeitung als im Fernsehen. Das ist nicht gut", sagt er. Er will nicht zu einem dieser Gesichter werden, die nerven. "Das Schlimmste wäre, wenn die Leute sagen: Früher waren die mal witzig."

Du musst dich rarmachen! Das ist die erste Lektion, die Showmenschen in ihrer Karriere lernen. Bloß nicht zu früh dran sein. Ein paar Wochen später, eine Stunde vor einer Preisverleihung im Münchner Prinzregententheater, wird Klaas sagen: "Es gibt nichts Schlimmeres, als bei so einem Roten-Teppich-Dings noch mal um den Block fahren zu müssen, weil noch keiner da ist." Die Leute sollen auf einen warten. Das Problem ist: Das Wesen des Showmenschen besteht darin, raus auf die Bühne zu wollen. Er will ja gesehen werden.

Und so gibt auch Klaas nach zwei Stunden Gespräch sein Okay. Die Bedingung der beiden: keine Homestory.

Sie haben sich für einen Beitrag bis auf die Unterhose ausgezogen und filmen lassen, wie ein Schönheitschirurg mit Filzstift ihre Problemzonen markiert. Aber es wäre ein zu großes Risiko, wenn man schriebe, wie es bei ihnen zu Hause aussieht und wie sie sich als Familienvater geben.

Das ist nicht absurd, das ist klug. Es zeugt davon, dass sie Angst haben, verletzlich zu werden, auch wenn ihre Sendungen manchmal anderes vermuten lassen.

Unterhaltung ist nicht das leichte, sondern das schwere Fach. Man spürt das an der Härte, mit der in Deutschland über die Qualitäten von Unterhaltungsmoderatoren gestritten wird. Wenn der Zuschauer sich nicht gut unterhalten fühlt, kann er ernsthaft böse werden. Viel böser, als wenn er schlecht informiert wird. Kann man sich etwa vorstellen, dass ein, sagen wir: Moderator der Tagesthemen oder des heute-journals mit einer solchen Inbrunst fertiggemacht wird wie der Wetten, dass..?- Showmaster Markus Lanz?

Fernsehkarrieren sind schnell vorbei, derselbe Witz, über den die Welt sich heute totlacht, kann sie morgen zu Tode langweilen. Das wissen Joko und Klaas. Sie werden trotz ihrer 35 und 31 Jahre noch immer als Nachwuchstalente gehandelt, sind aber schon seit zehn Jahren im Geschäft. Genug Zeit, um die Mechanismen der Branche zu überblicken. Irgendwann werden sie von der höchsten Brücke gesprungen sein, werden sie die ekligsten Sachen gegessen, die heftigsten Schmerzen ausgehalten haben. Irgendwann wird das Höher, Krasser, Absurder nicht mehr zu steigern sein. Irgendwann werden sie ihren Körper ruiniert haben. Oder keiner will sie mehr sehen. Es sei denn, sie haben eine neue Idee.

Rudi Carrells Laufendes Band passte zum Konsumrausch der siebziger Jahre, Frank Elstner in seiner Ausgeglichenheit funktionierte bestens im Kalten Krieg, in dem man sich nach Balance sehnte, Thomas Gottschalk verkörperte die Sorglosigkeit der Neunziger.