Aus der Luft betrachtet, ist Tarawa ein Paradies, aber seine Bewohner kämpfen gegen den Untergang. Hier, auf dem Hauptatoll der Inselrepublik Kiribati, spüren sie die Auswirkungen des Klimawandels schon lange. Weltweit lässt er den Meeresspiegel steigen, doch in der tropischen Südsee erhöht sich der Pegel besonders schnell. Die Erosion frisst an den Korallenriffen, das Grundwasser versalzt, Krankheiten breiten sich aus, Sturmfluten wüten immer heftiger. Der größte Teil Kiribatis ist nicht einmal zwei Meter hoch. Stünde Dirk Nowitzki am Strand von Tarawa, er könnte problemlos über das Atoll hinwegschauen – noch. Denn schon in wenigen Jahrzehnten könnte Kiribati zerstört sein.

Moralisch ist die Sache klar. Die Industriestaaten haben die Misere verursacht, also müssten sie die Verantwortung dafür übernehmen. Sie müssten alles tun, um Kiribati und die benachbarten Inseln zu retten. Vor allem müssten die Industrie- und Schwellenländer aufhören, das Treibhaus Erde weiter anzuheizen. Kiribatis Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie sehr der Klimawandel die Menschen gerade in armen Ländern bedroht. Wer ernst nimmt, dass jeder mit unveräußerlichen Menschenrechten ausgestattet ist, etwa dem Recht auf Leben, Gesundheit und Nahrung, kann sich nur empören, dass die Abkehr von der fossilen Wirtschaft so langsam vonstattengeht.

Doch Realpolitik hat mit Menschenrechten oft wenig zu tun. In Deutschland, dem früheren Vorreiter der Klimapolitik, streitet die Regierung um die Zukunft der Kohlekraft. Sigmar Gabriel, der einst als Umweltminister auf der Klimakonferenz in Bali die deutschen Klimaziele verkündete, kämpft heute als Wirtschaftsminister für die Kohle. Auch die EU bremst. Immerhin haben sich die USA und China zuletzt bewegt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Das sind durchaus gemischte Vorzeichen für den nächsten Klimagipfel. Der tagt ab kommenden Montag in Lima, und er soll endlich einen Entwurf für ein neues, weltumspannendes Klimaabkommen bringen, das dann im kommenden Jahr in Paris verabschiedet würde. Es wäre ein Durchbruch, wenn das gelänge. Endlich würde auf der Ebene der Vereinten Nationen festgelegt, wie stark die Staaten der Welt ihre Emissionen in Zukunft senken wollen und wie sich die Last auf die einzelnen Länder verteilt.

Doch für Kiribati kommt das Abkommen vermutlich zu spät. Noch kämpfen die Jungen zwar um ihre Heimat. Als Klimakrieger blockieren sie Kohlehäfen und bringen Banken dazu, der fossilen Industrie Kapital zu entziehen; und sie setzen ihre Politiker unter Druck, auf den Klimagipfeln härter zu verhandeln. Kiribatis Präsident Anote Tong aber hat bereits Land auf den Fidschi-Inseln gekauft. Es ist ein allerletzter Ausweg: Falls nichts Kiribati rettet, müssten seine rund 100.000 Bewohner nach Fidschi umsiedeln. Mit ihnen zöge der ganze Staat um. Wie das allerdings funktionieren soll, weiß noch niemand.