Lilith rennt durch ihr Leben. Der Roman Lichtfang versucht sie einzufangen. Als es ihm endlich gelingt, ist Lilith tot. Lisa Kränzler ist Malerin und bildstarke Erzählerin. Schon das Wort Schriftstellerin klingt zu statisch. Die gewagtesten Metaphern gehen ihr wie selbstverständlich von der Hand. Sie muss nicht lange überlegen, kann deshalb von der ersten Seite an beschleunigen wie auf der Zielgeraden. Das reißt den Leser mit, verstört ihn und verleitet ihn zum Fehlurteil, er hätte ein Stück gebrüllter wilder Prosa vor sich. Dazu passten dann auch Sujet und Thema: jugendliche Außenseiter auf Droge, Kunst und Liebe, an der bornierten Normalwelt scheiternd, sich verzehrend im Verlangen nach Wahrhaftigkeit und tumultuöser Schönheit.

Tatsächlich aber ist der kurze Roman Lichtfang präzise gebaut, genauer in der Fügung der Details als die beiden Vorgängerromane Export A und Nachhinein, beide ebenfalls expressive Adoleszenz-Krisen-Romane. In Lichtfang geht es nun um die Frage der Kunst selbst, wie sie sich in einen Körper einschreibt, ihn umformt und der Einbildungskraft unterwirft.

Am Anfang sehen wir Rufus und Lilith in buchstäblicher Körperekstase. Zunächst Rufus, im liebenden Blick von Lilith, wie er seinen Körper beim Werfen des Basketballs in die Extreme streckt, dann Lilith, auf dem Klo hockend, sich entleerend, bis "aller Nährschlamm ausgeschissen ist". Lilith ist ein spindeldürres Gefäß für alle möglichen Pathologien, von der Anorexie bis zur Paranoia. Rufus hat einen Augenfehler und schielt nach den Sternen und nach Lilith. Er liebt die Astronomie und wird am Ende als Astronomieprofessor am Grab Liliths stehen und ihre Einbildung einzufangen suchen.

Die Malerin Lilith hat ihre Kunst ganz auf die Lackbeschichtung von Papier und Pappe konzentriert, bis ein ungeheueres Ungeziefer daraus aufersteht, um sie auszusaugen. Ein Grauen, aber so real, dass Lilith jubiliert über ihre Schöpferkraft. So überspannt dies in der Raffung klingen mag: Wie Lisa Kränzler diesen magischen Akt der Kunst aus der Lebensverzweiflung herausdestilliert, ist meisterlich. Die blöden Eltern werden mit kurzen Kapiteln voller Erziehersprüchen abgekanzelt. Dafür werden zwei alte Männer wichtig. Der asoziale Schrottsammler Paule und Liliths dementer Großvater, ein Dichter. Dessen Auto und Schreibmaschine gehen an Lilith, die sich nun in des Großvaters poetische Idee vertieft, bis sie in ebendieser untergeht: "Nur was mich versengt, soll Sätze hinterlassen. Auf dass die Lettern aufflammen wie Streichhölzer und mein Text eine Brandspur sei."

Um solche Intensität geht es der Malerin Lilith, geht es der Poetin Lisa Kränzler. Um eine Intensität der Einbildung, die Reales gebiert, das der Normalität als Ungeheuer erscheint. In diesem Fall als "Nachtfalter Arctornis-l-nigrum", als "Schwarzes L". Tatsächlich trägt dieser auch in Europa heimische Spinner ein L auf beiden Flügeln: Lilith, Lisa. Auf dieser Ebene der Buchstäblichkeit und des Körpers, wie sich beide treffen, begatten und töten, ist der Roman unterwegs und erzählt trotzdem von Sex und Drogen und Geschwindigkeit heute. "Kafka auf Speed", würde man jubeln, wenn man wie Lilith mit 19 Jahren gerade den Rausch der Kunst und der Poesie entdeckte.