Der Niederrhein ist eine recht prosaische Landschaft. Schaut man von der ehemaligen Nato-Raketenstation in Hombroich bei Neuss hinunter auf die Ebene, sieht man vor allem flaches Land und, als solle damit das Fehlen der Berge kompensiert werden, eine Skisprunganlage. Das hier ist nicht Tübingen, denkt der Betrachter, nicht Weimar, nicht Wien. Nicht einmal Berlin. Das hier ist eigentlich kein Dichterland. Es muss also einem eigenartigen Zufall zu verdanken sein, dass gerade hier zwei der wichtigsten Dichter unserer Zeit zusammengetroffen sind – Thomas Kling, der auf besagter Raketenstation lebte, und Marcel Beyer, der in Neuss aufwuchs und mit seinen 49 Jahren inzwischen älter ist als der eigentlich acht Jahre ältere, 2005 an Lungenkrebs verstorbene Kling.

Eine enge Freundschaft verband die beiden; Gleichgesinnte, die tief in die Geschichte des Ersten Weltkriegs eintauchten und Gedichte darüber schrieben, bevor äußere Jubiläen dazu Anlass gaben. Lyrische Mikroskopierer beide, die einen genauen Blick auf die Schnittstellen von Natur und Kultur warfen, lange bevor sich Exzellenzcluster damit befassten. Musiker und Archäologen der Sprache zudem, die den neuesten Argot und die Rhythmen und Gesten der Popmusik für ihr Werk fruchtbar machten, zugleich aber stets den Grimm zur Hand hatten, das Plattdeutsche liebten, verschüttete Wörter ausgruben.

Dass all das für Marcel Beyer immer noch gilt, kann man in seinem neuen, überwältigend umfangreichen Gedichtband Graphit nachlesen. Gleich im ersten, titelgebenden Zyklus begegnet man der Schneekatze, "die ihre Bahnen / zieht. Der Schneimeister / persönlich dirigiert den / Pistenbully am künstlichen / Hang. Ein Mann mit Strickmütze / und Daunenjacke ein / Mann mit Zungenschlag, eine / Flachlandgestalt, ein Mann / aus Neuss."

Gerade in der ersten Abteilung dieses Gedichtbandes wird diese Gegend, die eben auch Thomas-Kling-Gelände ist, zum eigentlichen Gegenstand des lyrischen Sprechens. Die vermeintlich arme Landschaft offenbart dabei ungeahnten Reichtum, einen menschengemachten Reichtum namens Wortschatz. So rührt die Faszination für den unscheinbaren Wacholder – im explizit auf Thomas Kling rekurrierenden Zyklus Wacholder – nicht allein vom eher unscheinbaren Äußeren des Gewächses her, sondern von all den Namen und Zuschreibungen, die er trägt und erfahren hat:

"Ja, beutel das: Kadix und Jidlinka,

die Judenkersche. Beutel das

Mischwort ein, wo sich der Mund

vom Auge trennt, die Schlehe, Holler,

die Vogelbeere. Du sollst auch

Knirban, Ebern, Katsel, Kranebitter

beuteln, wo Hand und Zunge einfach

nicht zusammenfinden. Pflück

mir den schwarzen Flieder. Streife

die Beeren mit dem Handschuh von

den Zweigen ab. Knister und

Knirk stellen hervorragende Beutelware

dar. Jangel, Einbeer, Kniederlock. Und

Palma pflück. Du beutelst

Todausbäumchen mit ruhiger Hand."

Der Wacholder – dessen zahlreiche Namen hier in den Sprachbeutel gesteckt werden – wird bei Beyer zu einem magischen Gewächs: "Todausbäumchen " – weiß man, dass Wacholder kurz vor Thomas Klings Tod geschrieben wurde, ist der Beschwörungscharakter, das Zauberspruchartige unverkennbar – treibe den Tod aus, Bäumchen, "mach mich gesund".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

"Mach mich gesund" – so heißt es in Wespe, komm . Darin ist es die Wespe, die beschworen wird, dem Dichter in den Mund zu fliegen, ihn anzustacheln, ihn vielleicht überhaupt erst zum Dichter zu machen. Auch hier ist Hintergrundwissen hilfreich: Der wespenbegeisterte Thomas Kling trug in den achtziger Jahren über lange Zeit keinen anderen als seinen schwarz-gelb gestreiften Wespenpullover. So stellt Wespe, komm die wohl tiefste Verbeugung vor dem Freund dar, erklärt ihn zur unerschöpflichen Inspirationsquelle. Aber auch der, dem die Freundschaftszusammenhänge und die Tiersymbolik unvertraut sind, wird sich dem Bann dieser irisierenden Verse kaum entziehen können: "Halt die Außensprache / kalt, innen sei Insektendunst, mach / es mir, mach mich gesund, / Wespe, komm in einen Mund."

Die niederrheinische Dichterwelt also wäre schon reichhaltig genug, mehr brauchte es eigentlich nicht für einen Band. Doch ist es Beyer damit längst nicht getan. Auch der Erste Weltkrieg taucht in Reverenz an Robert Musils Kriegserlebnisse wieder auf, der Einsturz des Kölner Stadtarchivs (Das Rheinland stirbt zuletzt) wird in Graphit zu einem bitteren Lehrstück über die Vernichtung auch von Dichtungsgeschichte. Gottfried Benns Briefpartner, dem Rumfabrikanten Oelze, ist ein wunderbares Jamaika-Stück gewidmet (Don Cosmic). Und dann findet sich noch, im Jahr des Trakl-Jubiläums – aber auch das mag Zufall sein –, eine hochvirtuose Trakl-Überschreibung und -Aktualisierung. Laut für Laut hat sich Marcel Beyer Georg Trakls Gedicht An die Verstummten vorgenommen und es in ein ebenso schlüssiges wie schillerndes Stück über den 11. September und die Hinrichtung Osama bin Ladens verwandelt. An die Vermummten heißt es und beginnt wie folgt: "So der Wahnsinn Abbottabad, da sich alles / an schwarzem Material überlagert: Asche / von Türmen, nordpakistanische Nacht."

Schwarz steht auch Graphit auf dem grafitgrauen Umschlag dieses Bandes. Grafit freilich ist nicht nur Bleistiftstoff, Grafit braucht es auch, um atomare Kettenreaktionen in Gang zu setzen. Die Halbwertszeit dieser Gedichte, denkt man, dürfte ähnlich hoch sein wie die manch radioaktiven Stoffes.